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„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“… (kr)

Am 10.06.2010 wurde die Nordseehalle in Wittdün bereits zum zweiten Mal zur Bühne für das freie Hamburger Theaterensemble „Bittersüß“.

Mr. Peachum erpresst Mr. Brown...

Mr. Peachum erpresst Mr. Brown...

Seit dreieinhalb Jahren führen sie  „Die Dreigroschenoper“, das wohl bekannteste Stück von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill, in Hamburg oder auch auf Bühnen wie in Husum, Uelzen oder Rügen auf. Der Schauspieler und Sänger Bernhard Weber, auf der Insel schon lange bekannt als Rezitator von Ringelnatz, Tucholsky und Kästner, führt die Regie und brachte die Amrum Touristik 2008 auf die gute Idee das Ensemble erstmals zu engagieren. Auch dieses Jahr kam der gut besuchte Saal in den Genuss toller schauspielerischer Leistungen und wunderbaren musikalischen Darbietungen. Immer wieder gab es direkt nach den Liedern kräftigen Applaus und wenn er ausblieb, lag es daran, dass das Publikum von den Geschehnissen auf der Bühne so gefesselt war, das es alles andere für einen Moment vergaß.

Mackie Messer, Mr. Brown und Polly...

Mackie Messer, Mr. Brown und Polly...

Besonders viel Ehrgeiz wurde von den Schauspielern in die größtenteils komödiantische Gestik und Mimik gelegt. Das Ensemble schaffte es so mit viel Spaß und ein wenig Erotik, „Die Dreigroschenoper“ zu einem sehr unterhaltsamen und kurzweiligen Theaterstück zu machen. An diesem Abend wurde die gesamte Halle zur Bühne, da sich die Schauspieler immer wieder durch die Zuschauerreihen bewegten und sich oft an den Seiten oder in der letzten Reihe bis zu ihrem nächsten Auftritt niederließen. Auch in der Pause und nach dem Stück zeigten die Darsteller keinerlei Berührungsängste und standen den Gästen gerne für einige Fragen zur Verfügung.

Das Stück begann auf der in Regenbogenfarben beleuchteten Bühne mit dem Moritatensänger (Matthias Weber), der wunderschön, das wohl bekannteste Lied, die Moritat von Mackie Messer zum Besten gab. Bernhard Weber stellte eindrucksvoll den „Bettlerkönig“ Jonathan Peachum dar, der eine gut strukturierte Gruppe von Bettlern organisiert.

Polly und Mackie Messer...

Polly und Mackie Messer...

Diese strömten am Anfang des Stücks in die Zuschauermengen, um sich einen Groschen zu erbetteln, und gleich mehrere Zuschauer zückten sofort ihre Brieftasche, um der Bitte nachzukommen. Mr. Peachum und seine Frau (Gunda Weber) haben eine Tochter Polly (Suntje Freier), die sich ausgerechnet in den stadtbekannten Verbrecher Macheath genannt Mackie Messer, welchen Ralf Hutter besonders glaubwürdig und ausdrucksstark darstellte, verliebt und diesen in einem Pferdestall ehelicht. Hochzeitsgäste sind nur die beiden Gauner Münz-Matthias (auch Matthias Weber, Gitarre) und Hakenfinger-Jakob (Carsten Bowien, Klavier). Von diesen beiden Darstellern kam auch die Musik zu den vielen Gesangsstücken. Ein weiterer Gast ist Mackies guter Freund Mr. Brown (Markus Sellmann), der zusammen mit ihm im Krieg war und nun Kopf von Scotland Yard ist, was erklärt warum gegen Macheath bisher bei der Polizei nichts vorliegt. In dieser Szene sang Suntje Freier das Lied von der Seeräuber-Jenny und bekam für die Einbeziehung des Publikums jede Menge Lacher. Mr. Peachum und  seine Frau können diese Ehe nicht akzeptieren und beschließen Mackies Lieblingshure (auch Suntje Freier) zu bestechen, damit sie ihn an die Polizei ausliefert. So landet Mackie Messer, trotz der Warnung von Polly, im Gefängnis. Dort wird er von seiner schwangeren Ex-Geliebten Lucy (Anna-Maria Schlemmer) befreit, nachdem sie sich eine hochdramatische Eifersuchtsszene mit Polly lieferte, bei der die Zuschauer in den Genuss einer guten und besonders lustigen Darstellung kamen.

Eifersuchtsdrama zwischen Lucy und Polly

Eifersuchtsdrama zwischen Lucy und Polly

Nach der Flucht erpresst Mr. Peachum Mr. Brown, indem er damit droht die Krönungszeremonie der Königin mit seiner Bettlerarmee zu stürmen. Mackie Messer wird zum zweiten Mal gefasst und diesmal kommt es auch zur Anklage, da sein Freund nicht mehr seine schützende Hand über ihn hält. Das Urteil lautet „Tod durch den Galgen“, doch er wird aufgrund der Krönung durch die Königin begnadigt und in den Adelsstand erhoben. Die noch immer hohe Aktualität des Stücks von 1928 wird durch die Zeilen „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“ noch einmal ganz deutlich. Und so bedankte  sich auch Bernhard Weber am Ende für den Applaus und sagte, wer eine Zugabe möchte, müsste bloß am nächsten Tag die 20Uhr-Nachrichten einschalten, um zu sehen, dass „die Welt hart und der Mensch schlecht ist“. Und mit der Moritatzeile „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“, verschwanden Bühne und Darsteller im Dunkeln.
Die vielen Gäste haben sich außer über das tolle Stück auch über das Angebot des kostenlosen Shuttles mit dem „Inselpaul“ sehr gefreut.
Verantwortlich für den Artikel: Katrinna Reichel
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Über Peter Lückel

Peter Lückel wurde 1961 in Duisburg geboren und ist in Mülheim an der Ruhr und Essen-Kettwig aufgewachsen. Seine Affinität zum Wasser hat ihn schon immer an das Meer gezogen. 1983 konnte er dem Sog nicht mehr widerstehen und ist sozusagen nach Amrum ausgewandert. Heute arbeitet er als freier Grafiker auf der Insel, ist verheiratet und hat 2 Kinder. Im Jahr 2000 hat er Amrum-News mit gegründet und ist dort Chefredakteur.
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