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Rückenwind beim Klassentreffen nach 50 Jahren…

Das Wiedererkennen war kein Problem, denn wir trafen uns bisher alle 10 Jahre und die Insel Amrum ermöglichte es, dass wir uns auch gelegentlich zufällig oder beabsichtigt trafen.

Hinten: Ricklef Flor, Heiko Sörensen, Peter Siebert, Gunnar Isemann - Mitte: Rita Schult, Maren Sliwka, Anke Petersen - sitzend: Hanne Jöns, Lehrer Hans-Joachim Fischer, Frauke Hudorf

Hinten: Ricklef Flor, Heiko Sörensen, Peter Siebert, Gunnar Isemann – Mitte: Rita Schult, Maren Sliwka, Anke Petersen – sitzend: Hanne Jöns, Lehrer Hans-Joachim Fischer, Frauke Hudorf

Amrum war – und ist – für die meisten von uns immer noch Dreh – und Angelpunkt unserer Lebensgeschichten.

Um uns historisch einordnen zu können, muss erwähnt werden, dass die Dörfergemeinschaftsschule erst nach unserem Weggang bezogen wurde. Wir genossen noch das Privileg, im Winter “auf dem Saal” in dem legendären Gasthof “Bahnhofshotel” Sportunterricht zu erleben, der uns insbesondere in der Fähigkeit zu improvisieren herausforderte und schulte.

Die Sportbekleidung legten wir geschlechterübergreifend im Saal an, beschränkte sie sich doch zumeist lediglich auf das Wechseln der Schuhe. Sportgeräte wie Barren, Kasten, Pferd und Reck waren vorhanden, doch deren Lagerplatz war die um etwa 1 m erhöhte Bühne des Gasthofs. Diese Hürde war für uns kein Problem, denn Probleme wurden nicht verbalisiert, sie wurden gelöst. Wir lernten die Wirkung des Hebels kennen, die Teamarbeit und die Fähigkeit im rechten Moment zur Seite zu springen. Im Sommer stand uns der Sportplatz an der Mühle, dem heutige “Mühlenstadion “zur Verfügung. Der Platz lag sehr günstig für uns, nutzten wir doch bei sehr vielen Übungen ,wo es um Schnelligkeit und Schwung ging, das abschüssige Gelände und den vorherrschenden Westwind als Schubkraft. Alle Beteiligten wussten dies und waren damit höchst zufrieden.

Wir sind uns schon lange darüber im Klaren, dass wir befähigte Lehrer hatten. Unser Klassenlehrer Herr Fischer hat versucht, uns die Welt – und was sie zusammenhält – zu erklären . Er begegnete uns respektvoll, was uns dahin führte, dass wir ihm ebenso Respekt entgegenbrachten, ohne lange darüber nachzudenken. Andere Lehrer brachten uns beispielhaft nahe, besonders flexibel zu reagieren, indem sie während des laufenden Unterrichts auf jedes von außen herannahende Ereignis freudig reagierten und sich eilends auf den Weg machten, um das Außenproblem zu lösen, unsere Klasse war derweil der eigenen Kreativität überlassen. Wir nutzten die Zeit beispielsweise für die Erledigung von Hausaufgaben oder um ausgiebig zu klönen.

1961 ging es dann hinaus in die Welt , die wir damals noch nicht einmal aus dem Fernsehen kannten , TV – Geräte standen nur in wenigen Haushalten. Wir wussten aus dem Unterricht natürlich wo Ghana liegt, wie viel Niederschlag dort im Jahresdurchschnitt fällt, nicht aber, wie man eine viel befahrene Straße überquert.

Hinten: Ricklef Flor, Peter Siebert,  - Mitte: Rita Schult, Maren Sliwka, - sitzend: Hanne Jöns, Anke Petersen

Hinten: Ricklef Flor, Peter Siebert, - Mitte: Rita Schult, Maren Sliwka, - sitzend: Hanne Jöns, Anke Petersen

Die angestrebten Ausbildungs- und Berufsziele kannten wir nur vage. Wir befanden uns aber schon jenseits des Entwicklungsstadiums, in dem die Berufe Eisverkäuferin, Indianerhäuptling und Schlagerstar Traumberufe waren. Wahrscheinlich aufgrund unseres Wissens und der antrainierten Tugenden – Flexibilität und Kreativität – ist aus allen etwas “ Anständiges “ geworden.

Nun – im Mai 2011 – trafen wir uns am 50 . Jahrestag zu einer “Klassenfahrt” auf dem Festland. Da wir nicht mehr schulpflichtig sind, haben es sich auch einige Mitschüler herausgenommen zu “schwänzen“, jetzt dürfen sie dies, hoffentlich haben sie diesen Tag – so wie wir – genossen!

Die ”Jugendherberge” – ein “Hotel Seeblick” – bot uns beste Zimmer, die Verpflegung erfolgte nach individuellen Wünschen.Vergessen sind die Mahlzeiten, bestehend aus Backobst mit muffigen Nudeln, einem Standardessen der DJH s in den 50er Jahren.

Bei bestem Sommerwetter radelten wir mit gelegentlichem Rückenwind – wie einst auf dem Sportplatz – durch Schleswig – Holsteins Endmoränenlandschaft. Die Raps- und Löwenzahnblüten “glühten” in quietschendem Gelb, die Schlehen trugen Weiß, wir flogen dazwischen leicht dahin. Unser Etappenziel war das gepflegte Museumsdorf Molfsee, durch das wir über mehrere Stunden plaudernd wanderten.

Beim abendlichen Festschmaus – zurück in unserer “Jugendherberge” -erzählten wir uns nicht nur alte Geschichten, denn wir stehen noch mitten im Leben und wagen von weiteren “Klassenfahrten” zu träumen, die aber nicht erst in 10 Jahren stattfinden sollen . Wir wollen im Training bleiben, die Zeit dazu können wir uns nehmen, denn wenn nicht jetzt, wann dann ?

Anke Petersen, geb. Jakobs

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Über Peter Lückel

Peter Lückel wurde 1961 in Duisburg geboren und ist in Mülheim an der Ruhr und Essen-Kettwig aufgewachsen. Seine Affinität zum Wasser hat ihn schon immer an das Meer gezogen. 1983 konnte er dem Sog nicht mehr widerstehen und ist sozusagen nach Amrum ausgewandert. Heute arbeitet er als freier Grafiker auf der Insel, ist verheiratet und hat 2 Kinder. Im Jahr 2000 hat er Amrum-News mit gegründet und ist dort Chefredakteur.

Ein Kommentar

  1. Hat Spaß gemacht, den Artikel zu lesen, er versetzte mich in meine eigene Schul- und Jugendzeit zurück. Genauso habe auch ich alles erlebt, auch wenn ich noch 3 Jahre älter bin. Macht weiter so und bleibt weiter fit!

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