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Du dumme Gans …!?(kq)

Wer so etwas behauptet ist selber dumm, denn spätestens seit der Verhaltensforscher Konrad Lorenz das Leben der Graugänse erforscht hat, pfeifen es selbst die Spatzen vom Dach: Graugänse sind alles andere als dumm!

Der Fug der Graugans

Der Fug der Graugans

Kleiner Beweis: als 1995 auf Amrum Füchse die Gans stehlen wollten, da hatten einige Graugänse den klugen Einfall, auf hohen Sanddünen zu brüten. So konnten sie den Überblick behalten, falls die Flucht nach oben notwendig werden würde. Die Füchse sind inzwischen weg, aber einige Gänse brüten immer noch auf ihren Dünen. Das Besondere daran ist übrigens, dass Graugänse für ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden Wasserstellen brauchen!
Und überall auf Amrum schauen wir jetzt wieder in den Himmel, weil die Graugänse über uns volltönend und trompetend “öög … öög” schnattern, wenn sie von den Brut,- zu den Nahrungsplätzen oder umgekehrt fliegend eilen.
Überwintert haben die Gänse dort wo es schön warm ist: an der Westküste der iberischen Halbinsel, an den Nordküsten von Algerien, Tunesien und an der Adria.
Auf Amrum ist die Graugans erst durch menschliche Hilfe angesiedelt worden, aber niemand konnte sich vorstellen, wie erfolgreich die Graugans hinsichtlich ihrer Vermehrung ist und deshalb eben auch Probleme für die Landwirtschaft verursacht. Die Landwirte ärgern sich jedes Frühjahr grün, weil die äsenden Gänse ihren Rindern das ganze Grünzeug wegfressen.
Es war im Jahr 1973, als hier 5 „kupierte“ (Flügel gestutzte Vögel, daher nicht flugfähig) in der Vogelkoje eingesetzt wurden. Aus zwei Paaren haben sich über 2000 (!) flügge gewordene Graugänse entwickelt, die nicht nur Amrum bevölkern.

Wohin des Weges...

Wohin des Weges...

Nicht alleinerziehend!
Besonders eindrucksvoll ist das fast menschenähnliche Ehe- und Familienleben der Gänse. Grauganspaare bleiben ein Leben lang zusammen, nach einer Verlobungszeit der zwei- bis dreijährigen Vögel erfolgt im Folgejahr die erste Brut. Der Ganter löst die Gans beim Brüten nicht ab, bleibt aber in der Nähe des Nestes und greift, wenn es sein muss, unter Lebensgefahr Feinde an. Nach dem Schlüpfen begleitet er seine Gans mit ihren vier, fünf zunächst gelben Gösseln. Und diese Doppelbetreuung ist eine der Ursachen für den Bruterfolg der Wildgänse. Hinzu kommt eine Lebenserwartung von bis zu 25 Jahren, die ebenfalls für die hohe Vermehrungsrate verantwortlich ist.
Zuerst brüteten die Graugänse nur im Bereich der Vogelkoje, auf Inselchen im sumpfigen Gelände oder in den Dünen, aber bald schon auch in der  Norddorfer Marsch, am Dünensee Wriakhörn bei Wittdün und in der Wiesenniederung „Guskölk“ bei Süddorf. Auf Amrum sind es mittlerweile einige hundert Brutpaare.
Sie sind dann ab Mitte April mit ihren Jungen zu sehen, die Kleinen beim Grasrupfen und die Elternvögel mit hochgerecktem Hals immer in Alarmbereitschaft um bei Gefahr sofort zur nächsten Wasserstelle zu flüchten.

Abstand halten!
In der Vogelkoje und am Dünensee Wriakhörn werden die Grauganspaare zwar so zutraulich, dass sie Menschen aus der Hand fressen. Es sind aber wilde Vögel, die abseits der genannten Stellen eine Fluchtdistanz von über 100 Metern haben!
Und dass muss man beachten, wenn Gänse-Familien aus den Dünen kommend durch die Dörfer marschieren. Da sollte man ausreichend Abstand halten, insbesondere wenn man mit einem Hund unterwegs ist. Denn wenn die Gefahr zu groß wird, Gans und Ganter sich bedroht fühlen, dann werden sie richtig laut und wütend, steigen in die Luft und verlassen ihre Küken. Zwar kreisen die Gänseeltern meist noch einige Zeit am Himmel, aber die Kleinen suchen das Weite und ein späteres Zusammenkommen ist dann nicht mehr möglich.
Um die Küken vor den wartenden Krähen oder Möwen zu retten, gibt es dann nur noch einen Weg: man muss versuchen die Kleinen zu adoptieren. Also, ab mit den Küken in eine Kiste und zur „Kinderlosen-Wiese“  – z.B. in der Norddorfer Marsch. Dort sitzen Gänse, deren Bruterfolg verwehrt wurde und die man gegebenfalls „überschnattern“ kann, sich der Waisenküken anzunehmen. Und Graugänse haben ein weites Herz, tatsächlich finden die Kleinen hier häufig neue Eltern.
Noch so ein menschlicher Zug: Stirbt der Partner fällt die „Witwe“ bzw. der „Witwer“ in eine tiefe Depression und geht dann auch meistens keine neue Verpaarung mehr ein.
Gans schön traurig! Denken Sie dran, wenn Sie mal wieder nach oben schauen, öög, öög …

Verantwortlich für diesen Artikel: Kai Quedens

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Über Peter Lückel

Peter Lückel wurde 1961 in Duisburg geboren und ist in Mülheim an der Ruhr und Essen-Kettwig aufgewachsen. Seine Affinität zum Wasser hat ihn schon immer an das Meer gezogen. 1983 konnte er dem Sog nicht mehr widerstehen und ist sozusagen nach Amrum ausgewandert. Heute arbeitet er als freier Grafiker auf der Insel, ist verheiratet und hat 2 Kinder. Im Jahr 2000 hat er Amrum-News mit gegründet und ist dort Chefredakteur.

Ein Kommentar

  1. Danke, Herr K.Ouedens für den eindrucksvollen Bericht über das amrumer Graugans Leben. Wenn auch einige Insulaner nicht “fans” dieser Tiere sind, ich selbst freue mich jedes Mal über die gesamte Vogelpopulation auf der Insel. — Gruss aus Hessen

Amrumer Fotowettbewerb 2015
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