Startseite » Uncategorized » Wettlauf in den Tod – eine Strandungstragödie 1863

Wettlauf in den Tod – eine Strandungstragödie 1863

Der 9. Dezember des Jahres 1863 war ein Schreckenstag für Amrum, der mit seiner Tragik noch über Generationen nachwirkte und erst im Jahre 1905 seinen Abschluss fand – wirkungslos für die Witwen und Waisen, die damals betroffen waren – vom größten Unglück, das jemals auf Amrum verzeichnet wurde.
Im Tagebuch des Austernfischers Roluf Wilhelm Peters lesen wir un­ter dem Datum des 9. Dezembers: “Ein Schiff auf Hörnum-Sand. Waren aus mit den Fahrzeugen, als uns das Unglück traf und 9 Amrumer in zwei kleinen Booten in der Brandung verunglückten, 6 aus Norddorf, 3 aus Nebel.”  Nach vorangegangenen heftigen Stürmen wurde im Mor­gengrauen des genannten Tages auf dem Seesand querab von Norddorf das gestrandete Schiff entdeckt, das aber keine Notflagge zeigte und offenbar keine Mannschaft mehr an Bord hatte. Im Schutze des damali­gen Kniephafens lagen die Boote der Austernfischerflotte und andere Fahrzeuge. Zwar war der Sturm abgeflaut, aber die Wellen gingen noch hoch. Und unter den Besatzungen der Schiffe im Kniephafen stieg die Spannung. Bergelöhne stellten auf der Insel in jenen Jahren die größte Einnahmequelle dar, die alle anderen Wirtschaftszweige übertraf. Und ein Wrack ohne Mannschaft versprach einen besonders hohen Bergelohn! Und als dann von Steenodde her durch das Watt erste Schiffe heran­segelten, gab es kein Halten mehr. Von den Austernkuttern lösten sich erste Beiboote und nun begann ein wahrer Wettlauf zum Wrack auf Hörnum-Sand. Aber die Boote kamen nicht weit. Ganz schnell kenterten deren zwei, und insgesamt verschwanden 9 Männer in den Wellen. Ret­tungsversuche bedeuteten ein ähnliches Schicksal, und sehr schnell flüchteten alle Boote wieder in den Schutz des Kniephafens. Von der 9 Toten war der älteste 63 Jahre alt, der jüngste 19. Vier Männer waren Familienväter, die 21 Halbwaisen hinterließen. Die Stim­mung auf der Insel, für die der Seemannstod nichts ungewöhnliches war, war angesichts der Vielzahl und der Umstände – Keike Nielsen in Norddorf blieb unversorgt mit 7 Kindern zurück – unbeschreib­lich. Später stellte sich heraus, dass es sich um das Rostocker Schiff “Horus” gehandelt hatte, das vor der norwegischen Küste leck geschla­gen war, und dass sich die Mannschaft bei Mandal mit Beibooten an Land gerettet hatte. Das Schiff ging aber nicht unter, sondern trieb auf sei­ner Holzladung – von Danzig nach Hüll bestimmt – weiter in 4 Tagen bis nach Amrum.

9 Männer starben für einen Hund
Als man von Amrum aus drei Tage später das Wrack erreichen konnte, befand sich nur noch ein großer Hund an Bord, der bald darauf noch eine unrühmliche Rolle spielen sollte. In der Presse wurde wahrheits­widrig behauptet, dass man von Amrum aus diesen Hund für Menschen an Bord der “Horus” gehalten hatte. Tatsächlich aber war der Hund hinter der Reeling von Amrum aus nicht sichtbar gewesen. Und nun wurde der Wettlauf um Bergelohn zu einem todesmutigen Rettungsversuch gedeutet und die Wellen gingen in Dänemark (zu dem Amrum noch bis 1864/67 gehörte) und in Deutschland entsprechend hoch. Die Schlagzeile: “9 Männer starben für einen Hund” löste eine umfangreiche Hilfsaktion für die betroffenen Witwen und Waisen aus. Der Kapitän der “Horus”, Zeplien, sandte seinen Bruder nach Amrum und in Hamburg setzte der bekannte Reeder und Kaufmann Slomann – durch Heirat mit Föhr und mit Föhrer Kapitänen auf seinen Schiffen – der nordfriesischen Insel­welt besonders verbunden, einen Spendenaufruf in die Zeitung. Insgesamt kam eine Summe von 14.000 Talern zusammen. Eine solche Men­ge an Geld hatte man noch nie auf Amrum gesehen. Für die Verteilung wurde ein Komitee gegründet, darin auch der Inselpastor L. F. Mecklen­burg. Im Komitee aber verbreitete sich die Meinung, dass die Hinter­bliebenen der “Horus”-Katastrophe mit dieser Geldmenge nicht vernünf­tig umgehen könnten. Und so wurde beschlossen, jeder Witwe vierteljährlich nur 6 Taler und den Kindern wöchentlich nur 5 Groschen auszuzahlen.

Mit dem übrigen Geld wurde eine muntere Ausleihung und Bör­senspekulation betrieben, “die für die Spekulanten Gott sei Dank gut verlief”, wie ein Nachkomme der Betroffenen später bemerkte. Hatten Kinder das 15. Lebensjahr erreicht, waren sie aus dem “Unterstützungs­alter” herausgewachsen, weil man davon ausging, dass Knaben zur See fuhren und Mädchen als Helferinnen in Haus und Landwirtschaft gingen und sich selbst versorgen konnten.

In den folgenden Jahren reduzierte sich die Auszahlung aus dem “Horus-Legat”, weil die Witwen starben und die Kinder das 15. Lebensjahr er­reichten. Auf Protesten eines Nachkommens, des Amtsvorstehers Martin Mechlenburg, verfügte dann im Jahre 1905, 42 Jahre nach dem Unglück (!), die Behörde die Auszahlung der unverändert hohen Summe von 14.000 Talern, die nun den Nachkommen der Verunglückten zufiel. „Aber die damals Bedürftigen haben das ihrige nicht bekommen” , beklagte der Amtsvorsteher.

Der Heimatlosenfriedhof Westerland - hier liegt der Amrumer Peter John begraben

Der Heimatlosenfriedhof Westerland – hier liegt der Amrumer Peter John begraben

Er war übrigens verheiratet mit Pauline, geb. John, Tochter des verun­glückten Peter John. Peter John trieb im Frühjahr des nächsten Jahres auf Hörnum an und wurde von einem Amrumer Strandgänger gefunden. Aber dieser verschwieg seinen Fund, um sich mit der Leiche beim Möweneiersammeln nicht zu belasten. Deshalb wurde Peter John auf dem kurz vorher eingerichteten “Heimatlosenfriedhof” in Westerland begraben. Von den anderen 8 Toten tauchte niemand wieder auf, obwohl der Unglücksfall ganz nahe am Norddorfer Strand geschehen war.

Georg Quedens

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken

Über Georg Quedens

Amrumer Fotowettbewerb 2015