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Kirche, quo vadis? Pröpstliche Visitation auf Amrum…

 

Visitation! Hört sich gefährlich an. Ist es aber nicht. Dafür anstrengend und – wenn’s gut läuft – ergiebig. Fünf Stunden saßen die Gemeinderatsmitglieder mit Pastor Georg Hildebrandt und Propst Dr. Kay-Ulrich Bronk bereits an seinem ersten Besuchstag zusammen und redeten sich die Köpfe heiß. Bronk, das Oberhaupt des Kirchenkreises Nordfriesland, hatte sich aus seinen vierzig zu betreuenden Kirchengemeinden zwischen Klanxbüll und Breklum Amrum für seine viertägige Visitation ausgesucht. Warum ausgerechnet Amrum? “Weil hier durch die Insellage alles gut fokussierbar ist”, sagt Bronk. Fragen auf der Agenda: Wie steht Kirche da in Zeiten schwindender Kirchensteuereinnahmen, wie können/wollen wir in einer Urlaubsregion für die Menschen da sein, welche Schwerpunkte sind sinnvoll, wie finanzieren wir das? Bronk wurde vom Organisationsfachmann des Kirchenkreises, Christoph von Stritzky begleitet.

 

Propst Dr. Kay-Ulrich Bronk und Pastor Georg Hildebrandt beim Abschlussgottesdienst, Foto: Kinka Tadsen

Propst Dr. Kay-Ulrich Bronk und Pastor Georg Hildebrandt beim Abschlussgottesdienst, Foto: Kinka Tadsen

Bereits im Vorfeld war im Gemeindebrief von St.-Clemens ausführlich über die pröpstliche Visitation zu lesen. Kein Besuch, “bei dem es darum geht, es dem Propst schön zu machen”, sondern ein Arbeitstreffen, auf dem Bronk die Gemeinde kennen lernen wollte, die Herausforderungen erkunden, vor denen die Kirche steht, und Perspektiven und Ziele schaffen. “Eine wertschätzende Erkundung”, sagte Bronk zum Abschluss bei Kaffee und Kuchen. Klang alles sehr sympathisch. War’s dann auch. Der Kreis der Gemeinderatsmitglieder, die am ersten Tag so viele Stunden debattierten, wurde gegen Abend von zwei “Externen” aufgebrochen, die geladen waren, ihre Außensicht auf das Gemeindeleben und die Kirche im Dorf kund zu tun. Mit Nicole Adolph (katholisch, Medizinerin, verheiratet, vier Kinder, kirchenerfahren) sowie Undine Bischoff (evangelisch, Journalistin, Sich-allein-erziehend, unkirchlich) eine ganz sportliche Mischung und “eine Bereicherung”, wie alle Seiten feststellten. Fest gestellt wurde auch, dass diese Insel ihre Kirche, ihren Pastor braucht, selbst wenn Kirchensteuern, Gemeindegröße und Abgaben- bzw. Finanzierungschlüssel irgendwann einmal ins Ungleichgewicht geraten sollten. Identitätsstiftend sei sie, die Kirche für Amrum. Der Insel würde ein Zentrum fehlen, so einige der Aussagen. Das kann leicht überprüfen, wer sich die Gästebücher an zwei schönen, stillen Orten der Insel (Kirche und Böle-Bonken-Bank) durchliest. Worte der Hoffnung, der Ruhe, der Besinnung, der Trauer – seitenweise. Sie zeugen von genau dem Gefühl, dass die Menschen ankommen, an einem Ort, der ihnen gut tut.

Die Gemeindearbeit könnte künftig gern noch intensiviert werden, wozu auch Ehrenamtliche bedeutend beitragen können, da waren sich alle einig, die im Kreis zusammen saßen und mit denen Propst Bronk Einzelgespräche führte: die Haupt- und Ehrenamtlichen, die Gemeinderatsmitglieder und Bürgermeister der Insel. Was die Themen betrifft, sie reichten von der Organisationsstruktur bis zu den Gießkannenhaltern: Pastorenvertretung, permanenter Insel-Buschfunk, Renovierungsbedarf, Personalkosten, Bestandspflege, Jugendarbeit, Urlauberseelsorge. Das Fazit am Ende des ersten Tages aus dem Mund eines Gemeinderatsmitgliedes: “Uns hat dieser Rahmen zum Erzählen gebracht, wir sehen jetzt vieles deutlicher.”

Entspannung für die hart arbeitenden Seelen gab’s auch: Die Kirchenmusiker hatten ihr alljährliches Stiftungsfest, das 62ste, extra so gelegt, dass es auch die Herzen des hohen Besuchs erfreuen konnte. Natürlich nicht nur die: Der Saal im Gemeindehaus war voll, als Anne-Sophie Bunk ihre Arme hob und den Ton vorgab. “Wir spielen viele, neue Stücke und so ein bisschen auf Risiko”, hatte sie dem Publikum gesagt. Die zwölf Spieler des Posaunenchors und die neun Flötisten füllten den Raum mit ihrer Klassik, dem Swing und Stücken aus der Renaissance. Es gab ein süßes Schneeflockenlied der Flötenkinder-Winzlinge Salome Adolph und Paula Isemann. Die Jungbläser Max Isemann und Jakob Traulsen, die vor einem Jahr mit dem neuen Instrument begonnen hatten, entlockten ihm schon “Hänschen klein”. Großer Applaus! Typisch für das Unsere-Kirche-im-Dorf-Gefühl war auch mal wieder die Gästebeteiligung an diesem Nachmittag. Für einige Amrumliebhaber hat es Tradition, ihren Urlaub an der Zeit der Inselfeste zu orientieren und – wie in diesem Fall – mit zu posaunen. Wie schön! Danke, Eva!

Musik! Das 62. Stiftungsfest von Flötenkreis und Posaunenchor

Musik! Das 62. Stiftungsfest von Flötenkreis und Posaunenchor

Kurzweilig war’s, Anne-Sophie Bunk ließ das Publikum Fugen zählen; für einen Anfänger unlösbar, für das Publikum längst nicht … Warum wird man eigentlich Kirchenmusikerin? “Die große Bandbreite zwischen Dirigieren und Organisieren hat mich gereizt. Ein Fachidiot wollte ich nämlich nicht werden”, sagt Bunk. Die 27-Jährige, die mit ihrer ungemein erfrischenden Art auf der Insel immens was zum Klingen gebracht hat, liebt diese Abwechslung: Klavier, Orgel, Trompete, der Gottesdienst, die Chöre, die Kinder, der Flötenkreis und die ganzen Veranstaltungen drum herum. Für Bunk, die aus einem sehr musikalischen Elternhaus kommt, ist das ein Top-Arbeitsplatz. Und das Publikum war auch dieses Mal wieder hoch erfreut. Zum Abschluss gab’s selbst gebackenen Kuchen und einen Kaffee mit dem Propst. Der hielt am darauf folgenden Sonntag auch den Gottesdienst, der sich dem Thema Liebe widmete. Bronk schloss mit sehr persönlichen Worten für die Gemeinde und bedankte sich bei allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern. “Die St.-Clemens-Kirche bietet einen Raum für Menschen und schenkt Liebe und Gnade ohne ein Widerwort und ohne etwas einzufordern. Lasst uns diese Liebe zeigen in Worten, Bildern und Musik, um aber dann schließlich vor Ihr zu schweigen, weil sie selber von sich reden macht.”

Dr. Kay-Ulrich Bronk war übrigens nach seiner Zeit als Pastor in Hamburg, sieben Jahre Gemeindepastor in Niebüll und danach sechs Jahre theologischer Leiter des Breklumer Christian-Jensen-Kollegs, bevor er 2008 Probst in Nordfriesland wurde. Der 58-Jährige ist also mit den Strukturen hier oben bestens vertraut. Im November kommt er zu einem “Follow-up”, wie er sagt, wieder auf die Insel.

 

 

 

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Über Undine Bischoff

Undine Bischoff war drei Jahre alt, als sie 1968 das erste Mal in einer Schubkarre über den Kniep gerollt wurde. Da draußen am Meer baute ihr Vater der Familie zwanzig Jahre lang eine Holzhütte für die Sommerferien. Jetzt leitet die Journalistin und PR-Beraterin aus Hamburg während der Saison das Inselkino und ist (glückliche) Gastautorin bei Amrum-News.
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