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Das “Mantje-Dääl” – ein verwunschener Urwald

Nordwestlich der Kinderfachklinik Satteldüne führt ein schmaler, nur von wenigen Menschen genutzter Wanderweg hinein in das Dünen­gelände und weiter zum Strand. Aber nur wenige hundert Meter vom Ge­lände der Klinik entfernt liegt in einem Dünental ein kleiner, den meisten Insulanern und Inselgästen gänzlich unbekanntes Birken- und Pappelgehölz, an der Westwindseite vom Winde geschoren und nur im Windschutz im Osten mit höher gewachsenen Birkenstämmen. Die Bäume sind über hundert Jahre alt und sind überwiegend doch nur einige Meter hoch, vom Winde gebeugt und krumm gewachsen. Aber seit Jahren brütet in den niedrigen Bäumen ein Rabenkrähenpaar, und im Frühling läßt hier auch der Fitis-Laubsänger sein zartes Balzlied hören. Abgesehen von den noch einige Jahre älteren Bäumen in der Vogelkoje “Meeram”, die im Zusammenhang mit der Anlage des Entenfanges als Windschutz und zur Tarnung des Kojenmannes um 1866 gepflanzt wurden, ist die Aufforstung im “Mantje-Tal” (Mantje ist die amrumfriesische Bezeichnung für den hochdeutschen Mädchennamen Amanda) die erste in der Insellandschaft, und zwar als eine Maßnahme des Dünenschutzes bzw. Hemmung des Sandfluges, der bei Sturm aus den Dünen weit über die östlich liegende Feldmark der Insel wehte und den Bodenwert von Jahr zu Jahr minderte.mantjetal
Im Jahre 1864 hatte Dänemark – zu dem Amrum seit der Wikingerzeit gehörte – die Herzogtümer Schleswig und Holstein durch den Krieg an Preu­ßen und Österreich verloren, und gleich nach dem Staatswechsel begann der neue Staat mit der Perfektionierung der Verwaltung, des Seezei­chenwesens (Leuchtturmbau 1873-75) und des Küstenschutzes. Hatte doch in den Jahren vorher, in der dänischen Zeit, der Amrumer Historiker Knud Jungbohn Clement in seinen Schriften und Büchern die dänische Regierung, wenn auch nicht immer gerechtfertigt, angeklagt, diese Aufgaben zu vernachlässigen und Amrum dem Raub des Meeres zu überlassen (was allerdings völlig unsinnig war!). Aber bald nach Kriegsende, 1865, wurde anstelle der früheren dänischen “Landgewinnungskommisssion” die “Kommission für schleswig-holsteinische Wasserbauangelegenhei­ten” gegründet, die 1867 auch Amrum in ihre Untersuchungen einbezog. Leiter dieser Kommission war kein geringerer als der Graf Baudissin. Im April 1867 wurde im Rahmen einer Rundreise durch die nordriesischen Inseln auch Amrum besucht. Über diesen Besuch lesen wir in dem Buch “Kinder Frieslands” von Ida Matzen das Folgende: “Die Herren dort oben auf den Dünen am Mantjestal sind Regierungsherren, Graf Baudissin, Geheimrat Lavern Pichelchen und unser Landsmann Christian Johansen, Lehrer am Gymnasium zu Schleswig. Die Regierung will unseren Dü­nen einen besseren Schutz angedeihen lassen und untersucht im Mantjestal den Boden und will den Versuch mit Zwergpappeln und klei­nen Eichen machen. Auch die Pflanzarbeiten (in der Strandzone mit Strandhafer) sollen in größerem Umfange betrieben werden. Viele klei­nen Leute und Witwen werden dort Beschäftigung finden. Christian Johansen ist als Sachverständiger zugezogen  worden…”
Das “Wasserwesen…Band Amrum” meldet dann, dass trotz des trockenen Sommers 50% der Bäume angewachsen seien. Bei einer Besichtigung im Jahre 1869 durch den Direktor F. J. Hübbe (1836-1902) von der für Sylt und Amrum eingerichteten Düneninspektion in Keitum wurde al­lerdings festgestellt, dass die Kiefern im Mantjetal abgestorben und nur ein Teil der Birken angewachsen war. Dennoch haben die Birken dann im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte das ganze Tal erobert. Wenn aber die Aufforstung im Mantjetal dazu dienen sollte, den Sand­flug aus den Dünen zu verhindern, war dies ein untauglicher Versuch. Von hier aus drohte mangels Wanderdünen keine Versandung, und nach Osten hin lag auch keine landwirtschaftliche Nutzfläche, sondern die ausgedehnte “Westerheide”. Erst ab 1888 wurde auf einer Fläche von rund 15 Hektar am Dünenrand zwischen der Satteldüne und dem heutigen Was­serwerk ein breiter Streifen aufgeforstet – der Grundstock des heu­tigen Nebeler Waldes.
Im Mantjetal wurde aber nie eine “Waldpflege” betrieben. Es blieb über die ganze Zeit bis heute von menschlichen Eingriffen verschont und behielt deshalb seinen urigen Charakter.
Georg Quedens

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Über Georg Quedens

Ein Kommentar

  1. Zunächst Herrn Georg Quedens einen sehr herzlichen Dank für seine drei Beiträge allein in diesem Monat. Ausführlich informiert er und zeigt tiefe geschichtliche Zusammenhänge auf. Man lernt viel über „unsere“ Insel und es liest sich dabei aber immer unterhaltsam, anregend und nie trocken, gelehrt.

    Das “Mantje-Dääl” – Wäldchen empfinde ich als den vielleicht bezauberndsten Ort Amrums. Es ist ja so winzig und bildet doch eine ganze eigene Landschaft auf der Insel. An heißen Tagen kann man hier Stunden sitzen, staunen und träumen. Malte Ewertsson

Amrumer Fotowettbewerb 2015
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