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Bandix Bonken – ein unvergessener Mann

Am Wattufer nördlich von Nebel lädt eine Bank zum Ruhen und zur Be­obachtung der Vogelwelt im nahen Wattenmeer ein. Das besondere Kenn­zeichen dieser Bank ist ein Kreuz mit der friesischen Inschrift “Uun Jesus as Rau an Freese”, was von Inselgästen oft als “Auch Je­sus war ein rauher Friese” gedeutet wird. In einem Kasten neben der Bank befindet sich dann eine Bibel zur weiteren Vertiefung in die alt- und neutestamentliche Geschichte. Eine fromme Frau aus Nebel sorgt für die Greifbarkeit der Bibel. Die Bank und das Kreuz -inzwischen einige Male erneuert – sollen auf eine Stiftung des Lehrers und Kan­tors Bandix Bonken (1839 – 1926) zurückgehen, an den auch ein Stra­ßenname im nördlichen Nebel erinnert.

Und als die “Seehospize” der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta in Bethel bei Bielefeld noch in Norddorf bestanden (bis 1990) trug eines der großen Erholungs­häuser den Namen “Böle Bonken-Haus”. Böle ist die halligfriesische Bezeichnung für Onkel und sie wurde allgemein für Bandix Bonken ver­wendet, weil er von der Hallig Gröde gebürtig war. “Geboren ein, ge­storben kein, kopulieret kein Paar, weil keines zu kopulieren war” notierte Böle über die Ereignisse auf der Hallig, die nur noch zwei Warften und keine 20 Einwohner hatte. Aber schon 1842 siedelten die Eltern zur größeren Hallig Nordmarsch- Langeneß über. Hier wurde der Knabe von seinem Vater Broder Bonken unterrichtet, der einige Jahre als Lehrer gewirkt hatte (selbsternannt und ausgerüstet vor allem mit den Kennt­nissen aus der Seefahrt). Böle beklagte später, dass der Unterricht ab seinem 3.Lebensjahr eher ein “Einpauken” war. Das hinderte Böle Bonken aber nicht daran, selber als Lehrer an der Schule in Nebel ähnlich zu wirken, besonders was den Religionsunterricht betraf, der damals noch eines der Hauptfächer im Schulwesen war.

Böle war nach der Konfirmation zunächst Gehilfe des Küsters in Enge, einem Dorf auf dem nordfriesischen Festland. Später diente er beim Küster in Nieblum auf Föhr und war Hauslehrer in der damaligen Kreisstadt Tondern. Hier holte er von 1858 – 1860 den Seminarbesuch nach und wirkte als Lehrer in Sandacker bei Leck, ehe er gegen seinen Willen von der Schulbehörde nach Amrum versetzt wurde. Mit dem Seufzer “Herr, lass mich zum Segen für dieses kleine Eiland werden”, stieg er in Wittdün an Land.

Die Schule in Nebel wurde zu Bonkens Zeit von bis zu 120 Schülern be­sucht, sodass zwei Lehrkräfte nötig wurden. Die Gemeinde konnte nur mit Mühe die Finanzierung aufbringen. Das Gehalt des Lehrers be­trug seinerzeit jährlich etwa 1000 Mark. Hinzu kamen aber noch etli­che Naturalien, wie Brennmaterial, Getreide und die Nutzung des Dienst­landes für eine Kuh. Ebenso gab es ein zusätzliches Salär für den Leh­rer für das “Kirchenamt” als Organist. Zur Finanzierung des Schulwesens trugen auch Einnahmen aus dem “Strandlegat” bei. Das Strandlegat war die vielleicht bemerkenswerteste Einrichtung auf Amrum in je­ner Zeit. Es handelte sich um eine im Jahre 1820 schriftlich nieder­gelegte Vereinbarung, dass von den Bergungsprämien nach Strandungs­fällen 5 % an die St. Clemens-Gemeinde gezahlt wurde, um neben anderen Aufgaben (Armenwesen) auch die Schule und die Lehrerbesoldung zu finan­zieren – ein wohl einmaliger Fall, dass eine Gemeinde an Strandungs­fällen, also aus Unglücken der Seefahrt, Nutzen zog.

Der Pastor als Leiter des Schulwesens
Bis zum Ende des 1.Weltkrieges (1918/19) wurde das Schulwesen allgemein von der Kirche bestimmt. Der Pastor war die oberste Leitung des Schulwesens. Pastoren und Lehrer gehörten damals zur “Elite” der Inselbevölkerung und waren die Respektpersonen. Das galt auch für Böle Bonken, der sich als Lehrer eine gewisse Achtung verdiente, sorgte er doch in seinem Unterricht und auch durch Extrastunden da­für, dass die männliche Jugend auf die noch dominierende Berufslauf­bahn, auf die Seefahrt, ausgerichtet wurde. Manch späterer Steuer­mann und Kapitän erinnerte sich mit Dankbarkeit an Böle. Gleichzeitig begann er, sich um die Bewahrung der friesischen Sprache zu bemühen, sowie auch der Pastor seiner Zeit, Lorenz Friedrich Mechlenburg, den Bandix Bonken auch manchmal in der Kirche vertrat, als der Pastor alt geworden war und 1875 starb.

In jener Zeit ging eine Art christliche “Erweckung” über das Land. Die ohnehin fromme Bevölkerung wurde über das eigentliche Kirchenleben hinaus zusätzlich “missioniert”. Ein Vertreter dieser Bewegung war neben etlichen weiteren Insulanern auch Böle Bonken. Er ließ in Nebel und Norddorf sogenannte “Missionshäuser” erbauen, in denen “Sonntagsschule” gehalten wurde. Dabei blieb ein unverkenn­barer religiöser Überschwang nicht aus, den man heute “Fundamentalis­mus” nennen würde. Beispielsweise gründete Böle Bonken im Jahre 1880 einen Jugendposaunenchor. Um die Instrumente zu finanzieren, buddelte er mit Schülern in den vor- und frühgeschichtlichen Grabstätten her­um und verkaufte die Funde an auswärtige Interessenten. Diese Tätigkeit wurde ihm schließlich von den Behörden verboten wurde. Als nun eines Tages die Jugendlichen auch zu einem weltlichen Tanzvergnügen auf­spielten, wurde Böle über diese “Entweihung” von heiligem Zorn ergrif­fen, warf die Instrumente auf den Missionshausrasen und zertrat diese mit dem Ausruf: “Ich habe Euch nicht das Spielen gelehrt, damit ihr dem Teufel dient!” Wie viele Insulaner hatte Böle auch ein Los der Vo­gelkoje Meerum und bekam die entsprechenden Wildenten oder das Geld für den Verkauf. Doch eines Tages entdeckte er, dass auch Sonntags ge­fangen wurde und Böle sprach bei der nächsten Zahlung: “Dieses Geld ist Sündengeld”. Er ließ sich von einem Knaben vom Wattufer Nebel aus bei Hochwasser hinausrudern und warf das Geld in die Flut. Schnell sprach sich dieser neue fromme Streich herum und bald kursierte das folgende Gedicht:

“Böle, Böle Bonken
hat sein Geld versonken,
in des Meeres tiefsten Gründen,
wo kein Mensch es mehr kann finden.
Böle ist ein schlechter Christ,
der keinen Piep Tabak wert ist”

Seinen zunehmenden Religioswahn übertrug er fast zwangsläufig auch auf sein Lehramt und erregte bald sowohl den Widerspruch der Bevölkerung als auch die Aufmerksamkeit der Schulbehörden. Diese leiteten eine Untersuchung ein und man kam zu dem Ergebnis, dass Böle mit Übereifer und phrasen­haft den Religionsunterricht absolvierte. Hinzu kamen Beschwerden über unverhältnismäßige körperliche Züchtigungen von Schülern, die einen gewissen Sadismus des Lehrers erkennen ließen. Schließlich wurde Bandix Bonken im April 1893 – auch wegen einer zunehmenden Augenschwä­che – vorzeitig pensioniert und mit einer Pension von jährlich 600 Mark in den Ruhestand geschickt.

1876 hatte er die Witwe Gardina Tückes geheiratet, doch blieb die Ehe kinderlos. Ein Sohn der Witwe, Linius, nahm sich als 23-jähriger das Le­ben (1888) “als er geistig und seelisch zerrüttet aus der Fremde heim­kehrte und 13 Stunden um Gnade schrie”, ehe er starb. Die religiöse Bedrängnis des Stiefvaters dürfte Ursache des Selbstmordes gewesen sein! Als Selbstmörder wurde er entsprechend den damaligen Regeln “ohne Assistenz eines Predigers” begraben.

Die Ehefrau Gardina war schon 1885 gestorben und das Haus in Nebel-Norderende brannte 1889 ab. Böle fand anderweitig Unterkunft, reiste aber als Ruheständler mit selbstgegebenem Missionsauftrag durch Nordfriesland und verteilte seine religiösen Traktate, wobei er sich auch „ungeladen“ an den Mittags- und Abendbrottisch setzte.
Bandix Bonken starb am 10.April 1926 in Bollhaus nahe Waygard am Bottschlotter See , wieder einmal auf “Missionsreise”. Auch im Tode leistete er sich noch eine “Schrulle”. Er verfügte, dass sein Sarg nicht auf dem neuen Leichenwagen der St.-Clemens–Gemeinde befördert werden durfte, sondern dass er, wie es frü­her üblich war, auf einem Bauernwagen zu Grabe gefahren wurde. Hinter der Schülerschar, die das damals traditionelle Lied sang: “Lasst mich gehen, lasst mich gehen, dass ich Jesus möge sehen”, rumpelte der Bau­ernwagen von der Brücke Steenodde zum Grab in Nebel. Und hier auf dem Friedhof erhielt Bandix Bonken einen noch heute vorhandenen Grabstein mit friesischer Inschrift und dem Hinweis “Di diaram wiar ok mä di, JESUS fan Nazareth” (Dieser war auch mit Dir, Jesus von Nazareth).

Georg Quedens

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