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Meerblick inklusive: Andrea Russos erster Amrum-Roman

Andrea Russo muss eine Ausnahmeerscheinung sein. Sonst wäre einer wie Jens Quedens nicht verzückt. Der Amrumer Friese, eher friesisch herb als lieblich, Chef vom Öömrang Ferian, unermüdlicher Verleger und Pottwalskelett-Organisator hatte die Autorin bei sich am Küchentisch insularisch fit gemacht für ihr erstes Amrum-Buch. “Sie ist überhaupt nicht eingebildet, total natürlich; wir waren innerhalb von fünf Minuten befreundet.” Wer Jens Quedens kennt, weiß, was dieses Lob bedeutet.

Anna Rosendahl: Meerblick inklusive, Heyne Verlag, 9,99 Euro.

“Meerblick inklusive” ist gerade erschienen, und ist nach Büchern über Rügen und Juist Russos erster Amrum-Roman. “Aber da kommt noch einer” verspricht die 48-jährige Autorin. “Ich hab mich voll verliebt in die Insel.” Die Bücher hat sie als Anna Rosendahl und Anne Barns geschrieben, ihr ebenfalls aktuelles “Brombeerzimmer” unter Anne Töpfer. Eine Vielschreiberin mit mehreren Namen – aber einer Vita: Geboren 1968 in Hessen, heute der Liebe wegen in Oberhausen mit Mann, Tochter und Hund, hat Andrea Russo Kunstpädagogik studiert und jahrelang als Lehrerin an einer Förderschule gearbeitet, ehe sie sich vor Kurzem entschloss, das geliebte Bücherschreiben zum Hauptberuf zu machen. “Das war auch keine leichte Entscheidung. Ich war übrigens auf Amrum, als ich mir das hin und her überlegte. Da kann man sich wirklich gut den Kopf frei pusten lassen.”

Jens Quedens’ Frau Kerstin saß bei Russos erstem Besuch mit am Küchentisch und schwärmt genau so wie ihr Mann. Was Wunder, schließlich hatte Russo ihr Brombeermarmelade mitgebracht aus dem “Geheimrezept” eines ihrer Bücher. Zu Amrum kam Russo weil sie nach Rügen und Juist gerne eine weitere Inselgeschichte schreiben wollte. Beim Recherchieren blieb sie an der kleinen Große-Freiheit-Insel hängen und fuhr einfach mal los. Und wen fragt man aus, wenn man was über Amrum erfahren will? Genau! Jens Quedens lud die sympathische Blonde zu Teepunsch und Inselgeschichten, erzählte von den Auswanderern und den Erlebnissen seiner Kindheit.

Hat sich in die Insel verliebt: Autorin Andrea Russo
© Privat

Nun fragt man sich, wie so eine Geschichte entsteht? “Ich wollte zum Beispiel von ihm wissen, in wen sich meine junge Protagonistin verlieben könnte”, erklärt Russo. “Ich dachte zuerst an einen Seehundjäger; wo gibts schon noch Seehundjäger?, klang irgendwie wildromantisch.” Doch Quedens klärte die Städterin vorsichtig darüber auf, dass der Begriff “Jäger” schon ein bisschen mehr Erklärung bedürfe, weil sie ja schließlich nichts jagen – und so richtig nicht zum Helden taugen würden. Jetzt ist der Herzensjunge Seenotretter. Für eine Insel eine sehr gute Wahl!

Russo, die beim zweiten Besuch auch ihren Mann mitbrachte, mit dem sie dann gemeinsam an Jens Quedens’ Küchentisch landete, hat eine hintergründige Geschichte von Flucht und Findung geschrieben: Eine alte Dame verlässt von einem Tag auf den anderen ihr Leben. Ihre Enkelin vermutet sie auf der Insel Amrum, denn von dort brach Oma Elisabeth nach der großen Flut 1962 überstürzt auf und kehrte nie wieder zurück. Was war damals geschehen? Meike reist ihrer Oma hinterher und findet … etwas, was hier nicht verraten wird. Es ist eine Story zwischen Vergangenheit und Neuanfang, ein Strandkorb-Wohlfühl-Buch, von dem man bestimmt öfter aufschauen und in die Ferne blicken wird, die gerade gelesenen Zeilen in Gedanken mitnehmend.

Amrum Liebhaber werden sich freuen: Wege, Orte, Kuchen und ein paar Leute sind typisch Insel und sofort wiederzuerkennen. Russo und Jens Quedens haben gemeinsam überlegt, wo das Haus der alten Dame gestanden haben und was auf Amrum im Sturm so alles passiert sein könnte. Dass einige Personen im Buch so schöne Namen haben wie Tücke, Boy und Barne ist Quedens geschuldet, der der Autorin kurzerhand das Buch “Kleine Namenskunde für Föhr und Amrum” hinterherschickte. Über die auf Friesisch eingestreuten Sätze hat er auch drüber geguckt, was Russos Lektorin im Verlag einen Seufzer der Erleichterung entlockte.

Andrea Russo ist auf der Insel ganz schön rumgekommen. Sie hat in Norddorf in einer kleinen Pension gewohnt und zum Frühstück mit der spirituellen Besitzerin über Feuerschamanen diskutiert, sich mit dem Bäcker über Rezepte zu Friesentorte und Butterkuchen ausgetauscht und in Caféstühlen gesessen und Menschen zugehört oder ganz einfach drauf los gefragt: “Entschuldigen Sie, ich schreibe ein Buch, darf ich mal was fragen …?” Dabei fällt ihr immer wieder auf: “Die schrägsten Geschichten erzählt wirklich das Leben. So was kann man sich unmöglich ausdenken.” Im Sommer kommt Russo wieder auf die Insel, auf jeden Fall zum Vorlesen und vielleicht mit Fragen und Ideen für das nächste Buch.

Ihren ersten Amrum-Roman hat Andrea Russo übrigens Jens Peter Bork und Theodor Flor gewidmet. Das sind die beiden Rettungsmänner, die 1890 während ihres Einsatzes mit dem Rettungsboot Theodor Preusser vor Hörnum verunglückten. Die dramatische Geschichte ist oft auch Thema in Kai Quedens’ Inselvorträgen. “Jens Peter Bork war mein Urgroßvater”, sagt Jens Quedens. Über diese Widmung hat er sich ungemein gefreut.

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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