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Gib mir ein A oder sei das Fragezeichen

Jan Helbig aus Hamburg

Gott muss ein Kunstfreund sein. Zumindest der Wettergott. Denn sonst wäre die Idee, Menschen am Strand von Nebel im Sand liegend Buchstaben nachformen zu lassen, nicht so ein Erfolg geworden. Über 100 Engagierte, im Großteil Gäste, aber auch ein paar Insulaner, trafen sich um 16 Uhr am Bohlenweg und legten sich auf den grob in den Sand gezeichneten Satz „Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?“ Der Hamburger Performance-Künstler Jan Helbig hatte bereits im letzten Jahr das Interesse der Strandspaziergänger auf sich gezogen, als er ebendiesen Satz – stundenlang am Boden knieend – aus Tausenden von Muscheln legte. Nun also Menschen; und das es so viele wurden, lag auch an der guten Vorbereitung. Denn Helbig war bereits mittags aufgebrochen zu einer Tour von Strandkorb zu Strandkorb und hatte gemacht, was er gerne mit seiner Kunst tut: die Interaktion suchen. „Darf ich mich vorstellen, ich bin Jan Helbig und Künstler und möchte sie gern einladen an einem Kunstprojekt mitzumachen.“ Danach: „Was denken Sie, wenn sie diesen Satz hören?“, “Wie ist Ihr Verhältnis zur Arbeit?“ Einige der Fragen, wie auch die nach dem Selbstwert, sind zentrale Themen des Künstlers, der in solch interaktiven Formaten einen ganz wichtigen Charakter von Kunst sieht. „Die spannende Frage ist doch, sind Menschen bereit, sich für so eine Sache mit völlig Fremden gemeinsam in den Sand zu legen?“, sagt Helbig. Der studierte Maler lebt in Hamburg, wo der Kurse und Workshops gibt und Auftragsporträts fertigt und – immer wieder – im öffentlichen Raum den Dialog mit dem Publikum sucht. Seine beiden großen Kinder aus Kiel kommen auch oft auf die Insel. Helbig hat auf Föhr seinen Zivildienst geleistet und ist dem Charme der Nordsee immer treu geblieben. Sein aktuelles Projekt läuft unter der Schirmherrschaft des kleinen und sehr lebendigen Kunstvereins Amrum, der seinen Sitz beim Café Knülle mitten auf dem Nebeler Strand hat.

Einmal Probeliegen bitte!

Helbig sagt, dass ihm zwar auch Ästhetik in der Kunst wichtig sei, aber noch wichtiger sei der Dialog, das sich Beschäftigen mit einem Thema, mit dem man sich sonst eher nicht beschäftigt. Wobei am Ende – im allerbesten Fall – Reflektion und Differenzierung stehen kann. Dialoge bekam Helbig auf jeden Fall, es gab eigentlich kaum einen Strandkorbinsassen, der sich nicht auf ein Gespräch einließ. Und wenn doch (der Einzelfall), dann mit der wunderbar ehrlichen Begründung, zu introvertiert zu sein, und sich von derlei plötzlichen Aktionen gestresst zu fühlen, sie im Grunde aber zu befürworten. Mehrheitlich fand die geplante Aktion Anklang, und natürlich produzierte das Thema Meinungen von bis. Von ja, auf jeden Fall, Geld sei genug da bis „Wie? Alle das gleiche Einkommen? Dann haben wir ja Sozialismus“, so die Meinung eines im Rentenalter noch arbeitsaktiven Ingenieurs aus Niedersachsen. „Wir kleistern uns immer mehr mit Verpflichtungen voll und mauern uns zu“, gab eine Kommunikationstrainerin ihre Erfahrungen weiter. „Wenn es zu diesem Grundeinkommen käme, dann ist es bestimmt nicht so, dass wir dann nichts mehr tun würden.“ Sicherlich ist es auch eine Generationenfrage – während junge Leute einfach ohne Ende weiter studieren würden, was sie wirklich interessiert, hielten die älteren Semester an dem Leitsatz fest, für sein Einkommen ausschließlich selbst verantwortlich zu sein. Wobei viele die Veränderungen der Arbeitswelt – die Kurzfristjobs, die teils miese Gehaltslage samt keiner Perspektive als Anlass sahen, den Wert von Arbeit vielleicht bald anders zu definieren. Dass die Zahl der Freiwilligenjobs immer mehr ansteige, sei doch auch ein Zeichen, sagte eine pensionierte Schweizer Lehrerin. Auf die Frage, was er getan hätte, wenn für sein Einkommen gesorgt gewesen wäre, antwortete ein erfolgreicher Ex-Außendienstler: „Ich hätte zugesehen, dass ich nur noch das Schöne und Gute in der Welt erkenne.“

Die Aktion von oben:
Was wäre / wenn für / dein Einkommen / gesorgt wäre?

Am Ende lagen sie alle gemeinsam im Sand. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir das schaffen“, sagte Helbig froh. Tatsächlich waren eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt kaum mehr als vielleicht 30 Gäste an der Sammelstelle. Die suchten sich – auch als Familie – schnell ihre Lieblingsbuchstaben und -wörter („Wir sind das ‘was’“). Dann füllten sich aber doch peu à peu die Lücken, auch dank solcher Unterstützer wie der Dame aus Lüneburg, die mitten auf dem Bohlenweg stehend jeden Spaziergänger Arme schwenkend motivierte, ein W, ein R oder ein Fragezeichen zu sein. „Ich bin gefühlt das hundertste Mal auf Amrum und finde solche Spontanaktionen toll“, sagte die gebürtige Schweizerin. Hätte es nicht geklappt, sagt Künstler Helbig, dann wäre auch das ok gewesen. „Mir war ein Setting wichtig, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen.“ Der Fehler, das Scheitern, nimmt in der Kunst des Hamburger ebenfalls eine große Stellung ein. „Das Besondere kann ja überhaupt erst durch Fehler entstehen“, sagt er. „Wir sollten die Gelassenheit haben zu sehen, dass Schönheit erst dann entstehen kann, wenn Sachen nicht perfekt sind.“ Wohl wahr: Auch aus der Luft betrachtet, lagen die Worte nicht ganz so flüssig im Sand. Aber schön war’s. Und Spaß hatten alle.

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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