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Alte Geschichten…

Amrums Pastorin Thurid Pörksen nutzt ihre Vakanzvertretung auch, um mit möglichst vielen Insulaner über Früher zu klönen. Wir haben Sie einfach mal nach einer Sommergeschichte von früher gefragt …

1961, da war ich fünfzehn Jahre alt, und von Ostern bis Sommer – schulbefreit – auf Amrum, weil ich auf meine behinderte Schwester aufpassen sollte, während meine Mutter in Hamburg im Krankenhaus war. Ich wurde dorthin verfrachtet, wo es günstig war und landete in Steenodde bei Ernst Peters, der war Leuchtturmwärter. Er knatterte morgens mit seinem lauten Motorrad los, gefolgt von seinem Hund Tell, der wie verrückt bellte. Ich schlief in einem durchgelegenen Doppelbett, hatte eine Schüssel mit Wasser im Zimmer und saß jeden Morgen mit meinen Wirtleuten in der Küche. Es gab Halligbutter, die durfte ich mit buttern. Allerdings hatten Peters’ nur eine Kuh – und bis bei der die Milch zum Buttern zusammen war, dauerte es. Dementsprechend speziell schmeckte also das Endprodukt; ein bisschen ranzig halt.

Peters kam aus einer Norddorfer Seehundjägerfamilie und man erzählte sich, dass eine der Schleudern, mit denen sie die Tiere auf der Sandbank robbend jagten, auch schon mal einen Gast getroffen hatte, der da mitrobbte. Alles Strandholz, was man fand, wurde in den Ofen gestopft. Ernst Peters Frau Inge kam aus dem Honigparadies, und Ernst war wohl damals mit einem zweirädrigen Pferdekarren vorgefahren, als er sie abholte. Die beiden hatte einen Sohn: Julius. Der Dachdecker Christian Peters ist sein Enkel.

Bei meinen Wirtleuten am Küchentisch gab es immer Geschichten, und ich durfte alles fragen. Was die Nazizeit betrifft, ist mir der Satz in Erinnerung: Wir hatten zu der Zeit immer eine Kuh mehr im Stall. So ging es wohl vielen. Es war plötzlich Arbeit da. Man fühlte Sinn. Auf Amrum schaufelte Peters mit am neuen Deich am Tonnenlegerhafen. Da steht heute noch das Denkmal vom Arbeitsdienst mit der Inschrift „Ich diene“.

Ich hatte mich schnell mit Helga Jakobs befreundet, der Tochter von Kapitän August Jakobs. Für die Abend- und Mondscheinfahrten hängten wir gemeinsam Plakate in den Dörfern auf, und saßen dann mit Kräuterkäse vom Kolonialwaren, den Boy Diedrichsen in Steenodde betrieb, am Deich und guckten aufs Meer. Die Heimatabende im Bahnhofshotel in Nebel erinnere ich sehr gut. So schade, dass es weg ist. Zwischen Hotel und Pastorat war damals nur Wiese – eine ganz wunderbare Blumenwiese, voll von Glockenblumen. Ein ganz schönes Erinnerungsstück habe ich gerade vor einer Woche von Marret Dethlefsen, der Tochter des Hauses, bekommen. Wir sprachen über die alten Zeiten, und ich erinnerte mich an die hübschen Muscheln, in denen immer die Butterstückchen auf den Frühstückstischen drin waren. Und dann ging Marret doch tatsächlich los und brachte mir eine dieser kleinen Schalen. Die ist über siebzig Jahre alt. Ich hüte sie jetzt sehr.

Die Muschel wird jetzt gut gehütet…

Mein Fahrrad kam von Fiete Tönissen, der hatte in Süddorf eine Schrottwerkstatt und lötete aus fünf Bruchrädern ein neues zusammen, mit dem man dann über die Insel knirschte. Ein ganz kluger Mann war er, mit blitzenden Augen und einem hellen Verstand. und eine Vorstellung davon, wie die Gesellschaft funktionieren sollte, hatte er auch. Gerechter, viel gerechter, hat er immer gesagt. Der war Kommunist. Ich leg’ dir die Leitung, und wenn du später Geld hast, kannst du sie bezahlen, hat er zu einem Kunden mal gesagt.

Später, 1962, als ich schon auf Amrum lebte und in Niebüll ins Internat ging, fuhren wir alle zwei Wochen nach Hause, von Schlüttsiel aus mit der Amrumer Schifffahrts-AG, der ASAG, die August Jakobs gerade zwei Jahre vorher gegründet hatte. Ich fuhr ab da nie mehr über Wyk, nur noch Schlüttsiel. Obwohl da gar nichts war. Man stand im Sturm und musste mit dem Rad weiter zur Schule. Nicht alle Amrumer waren so ASAG-gläubig wie ich. Während der Überfahrt habe ich auf dem Schiff geputzt, und musste deshalb nichts bezahlen. Als der Winter 1962/63 so hart war, haben wir auf Amrum geschlossen gesagt, dass wir nicht rüber zur Schule fahren können bei dem Eisgang und haben tatsächlich eine Woche schulfrei rausgeschunden.

Ich suche ja derzeit mit den Konfirmanden einen Weg zu unseren Wurzeln, und wir sprechen viel über die Vergangenheit und kürzlich über die Halbjuden aus Sopot (Zapott), die nach dem Krieg im Kurhaus in Wittdün untergebracht waren. Was dann dazu führte, dass ein Kind nach Hause lief und sagte, Oma, du musst mir alles von den Nazis erzählen. Ich verbringe auch viel Zeit bei alten Insulanern und klöne über Früher. Dabei fällt mir auf, dass viele vom alten Pastor Pörksen schwärmen. Meinem Ex-Schwiegervater. Seine Geschichten auf den Heimatabenden im Bahnhofshotel lebten ja vom Echo und wurden jedes Mal blumiger und illustrierter. Die ganze Luft war punschig, und es wurde sehr viel gesoffen. Es gibt eine schöne Geschichte wahrscheinlich aus den 50er Jahren. Da waren die Sommer viel trockner, und auf Amrum gab es noch Landwirtschaft. Es regnete wochenlang nicht und jemand fragte den Pastor, ob er nicht für Regen beten könnte. Der hat natürlich gezögert, er ist ja kein Medizinmann. Aber die Bauern kamen immer wieder, und irgendwann hat er dann im Gottesdienst ein paar Worte dazu gesagt. Tja, und die Leute kamen raus – und es regnete. Das hätten wir ja auch schon viel früher haben können, haben sie sich dann beschwert.

Meine Mutter hat in ihrer Amrumzeit an dem Roman ihres Lebens geschrieben und hat Ordner voll. Manchmal lese ich noch ihre Erinnerungen nach.

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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