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Sommerfußball früher: Zuschauermassen am Norddorfer Strand

Auf die Idee für unsere kleine Mini-Serie hat uns ein Gespräch mit Amrums Pastorin Thurid Pörksen gebracht, die ihre Vakanzvertretung auch dazu nutzt, mit möglichst vielen Insulanern über früher zu klönen. Das gefiel uns. Also sind wir losgezogen. Erzähl’ doch mal! Deine Lieblingsgeschichte von früher … Zweiter Teil: Reinhard Jannen.

1968, da war Reinhard Jannen 13 Jahre alt, hat er zum ersten Mal vor Publikum Fußball gespielt. „Ich erinnere mich genau an das erste Spiel“, sagt der 62-jährige Norddorfer, der auf Föhr für die Ferring-Stiftung arbeitet. „Unten am Strand, rechts vom Übergang wurden mit Spaten Linien gezogen, Schaufeln als Eckfahne, und das Tor waren zwei Pfähle. Statt Latte hatte wir ein Tau, das je nach Wind hoch oder runter schwang.“ Die Begeisterung der Gäste muss riesig gewesen sein, sonst hätten sich nicht 500 bis 1000 Zuschauer jeden Sonntag ab 15 Uhr um das Spielfeld gedrängt. Die Partie: Amrumer (mit Rettungsschwimmern und Strandkorbvermietern) gegen Gäste. „Wir trugen Weiß und die Touristen spielten in Bunt oder mit nacktem Oberkörper, sagt Jannen. Der Spielfeldrand war schwarz von Menschen, in Zweierreihen hätten sie da gestanden und gejohlt, erzählt er. Obwohl die Gäste überwiegend verloren haben. „Die waren es nicht gewöhnt, auf Sand zu spielen und nach einer Stunde platt.“

In allen durchsuchten Archiven gab es kein Foto mit Zuschauerandrang. Aber es hat ihn wirklich gegeben!

Ganz ohne Werbung waren diese Spiele jahrelang der Sommer-Sonntagsschlager am Norddorfer Strand. Einzig ein kleiner Zettel am Strandübergang wies darauf hin. „Schiedsrichter gesucht, stand auch immer drauf“, erzählt Jannen. „Wir hatten richtige Koryphäen. Unter anderem einen Mann aus Hamburg, der pfiff auch Landesliga und kannte Uwe Seeler. Er war klein und sehr aufgeblasen und immer der Meinung, alle Zuschauer kämen seinetwegen. Ok, aber dafür pfiff er uns auch beständig jahrelang.“

Wenn der Ball vom kräftigen Wind zu weit weg getragen wurde, musste das Spiel für fünf Minuten angehalten werden, und einer lief halb Richtung Nordspitze den Ball einfangen. Und je nach Witterung war der Platzgrund entweder steinhart oder total sandig. „Und oft hoppelte der Ball über die Sandverwehungen, also Spielen auf höchsten Niveau war dabei nicht drin.“

Reinhard Jannen (untere Reihe, 3. v. l.): Seit Anfang der 1970er Jahre spielten die Amrumer in einheitlichen Trikots.

Oft mussten auch die Zuschauer ran: Für die jeweils letzte Reihe strandwärts hieß es: Hochwasserschutz! Sie musste – bewaffnet mit Schaufeln – dafür sorgen, dass bei auflaufend Wasser das Spielfeld trocken blieb. Klappte immer hervorragend: „Die Leute haben kleine oder große Wälle geschaufelt und zweimal 90 Minuten ein Auge drauf gehalten“, sagt Jannen anerkennend.

„Früher war am Strand viel mehr los. Unsere ganze Kindheit fand da statt“, erzählt der Norddorfer. „Vormittags mussten wir alle zuhause raus; wir waren eins, zwei, vier und sechs Jahre alt; ich konnte kaum laufen. Aber um halb zehn wurden die Zimmer gemacht, da konnte uns unsere Mutter nicht gebrauchen. Auch die Gäste mussten raus. Und da damals alle kleine Zimmer hatten, ohne Fernseher und alles, waren die auch viel früher am Strand. Heute kommen die meisten erst gegen halb eins“, weiß Jannen von seinem Bruder, der in Norddorf Strandkörbe vermietet. „Früher wurden die auch den ganzen Urlaub über durchgemietet – gleich für drei oder vier Wochen. Dieses tageweise Mieten gibt es erst seit Mitte der 80er Jahre.“

Wenn Reinhard Jannen, der heute noch neben seinem Elternhaus wohnt, vom Norddorf seiner Kinder- und Jugendzeit erzählt, dann auch vom Leuchtturmlicht, das noch ins Fenster scheinen konnte – so klein war der Wald. Den Bus konnte man schon sehen, wenn er in Nebel am Kapitänshaus Klar Kimming vorbeifuhr und im Dorf gab’s vier Lebensmittelläden, drei Obstgeschäfte und zwei Schlachter und Bäcker.

Als der Strand in Norddorf schmaler wurde, hörten die Fußballspiele auf. „Toll war die Einfachheit der ersten Stunde. Die Begeisterung von 1000 Leuten für einen Ball – am Strand mit nichts als Meer als Kulisse.“

 

Reinhard Jannen (62) hatte mit Ende 20 auch mal Strandkörbe in Norddorf. Der Friesisch-Experte betreut das Archiv der Föhrer Ferring-Stiftung und ist ein absoluter Kenner der Region.

 

Aufgezeichnet von Undine Bischoff

Fotos im Besitz von Ralf Hoffmann

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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