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Auf Amrum packen viele mit an für den Umweltschutz…

Wer zum ersten Mal nach Amrum kommt, ist erstaunt, wie sauber diese Insel ist. Entlang der Bohlenwege in den Dünen, am Watt, auf den Straßen – Amrum hat nicht nur ein grünes Image, die Insel ist es auch.

Wer nach einer Flut mit Westwind am Strand spazieren geht, kommt manchmal mit mehr als nur einem Sack voll Müll zurück

Zumindest bis die Flut kommt. Denn das, was allen Gästen jeden warmen Sommer versüßt, das auflaufende, kühle Wasser, bringt leider nicht nur Erfrischung mit, sondern auch immer wieder Müll. Die Badequalität beeinträchtigt das überhaupt nicht. Doch es ist den Stammgästen längst aufgefallen, dass der Müll zugenommen hat.

Oftmals ist er im Sand kaum auszumachen, denn vieles schwimmt schon seit so langer Zeit im Meer, dass es in winzige Teile zerfallen ist und die Farben verblasst sind.

Doch immer wieder erkennt man beim Gang entlang des Flutsaums auch die teils knalligen Farben von Müll aus der Schifffahrt, dem Fischfang und von Offshore-Arbeiten. Und von dem überbordenden Plastikgebrauch der Gesellschaft allgemein.

Da gibt es Tüten, Folien, Flaschendeckel, Reste von Fischernetzen, Fischwannen, Plastikeimer, Baumaterialien, Seile, Überreste von Luftballons oder Getränketüten. Sogar Spielzeug, Bürstengriffe, Feuerzeuge und Windeln landen hier am Strand. In letzter Zeit finden sich noch dazu weiße Klumpen von Paraffin, das offenbar einfach in der Nordsee entsorgt wurde.

Brigitte Rohner-Winkel sammelt seit Jahren beim Strandspaziergang Müll: „Es ist eine Frage der Einstellung“.

Brigitte Rohner-Winkel verbringt seit 44 Jahren ihren Urlaub auf Amrum. Doch mittlerweile macht die Paderbornerin so gut wie keinen Strandspaziergang mehr ohne Müll aufzuheben. „Die Meere sind voll davon“, sagt sie. „Das ist eine Umweltkatastrophe.“

Dass sie sich nun nicht mehr nach Muscheln bückt, sondern nach Müll, ändert an ihrem Urlaubsgefühl und ihrer Erholung aber nichts. „Es ist eine Frage der Einstellung“, sagt sie. „Der Müll stört mich mehr als das Aufsammeln.“ Und sie ist nicht die einzige, die so denkt und handelt. Immer wieder helfen Gäste und Einheimische auf diese Weise dem Umweltschutz.

In der Nordsee landen mehr als 20.000 Tonnen Müll pro Jahr. Also 20 Millionen Kilogramm pro Jahr oder knapp 55.000 Kilo pro Tag. Eine schier unvorstellbare Menge. Doch nur ein Fünftel dessen wird angespült, so der BUND Schleswig-Holstein. Es ist fast ein Wunder, dass nicht noch mehr davon an den Stränden landet.

Es ist ein Wunder, dass nicht noch mehr Müll an unseren Stränden landet.

Allein beim Fischfang besteht über die Hälfte des Mülls, der in den Netzen landet, aus Kunststoff. Ein Poster des Mellumrates (http://www.mellumrat.de/wp-content/uploads/2017/07/POSTER_M%C3%BCll-in-der-Nordsee-A1.pdf) zeigt, dass auch 69% des gesammelten Mülls aus Plastik, Styropor und Schaumgummi bestehen.

Was dieser von Menschen achtlos entsorgte Müll mit der Natur anrichtet, ist Gegenstand weltweiter Forschung. Zahllose Tiere verenden. Viele ersticken in Fischernetzen. Viele verhungern aber auch, weil sie sich den Magen mit Müll füllen, der so interessant bunt ist und nach all der Zeit im Wasser lecker nach Algen und Fisch riecht. Sie verhungern also bei vollem Magen. Die meisten dieser Tiere werden aber nie gefunden.

Die jährlichen Sammelaktionen, die Umweltverbände, Küsten- und Insel-Gemeinden entlang der Nordsee initiieren, sind deshalb ein wichtiges Zeichen. Auch auf Amrum werden sie schon seit Jahrzehnten durchgeführt.

Viele Einheimische gehen von Kindesbeinen an einmal im Jahr am Strand für den Umweltschutz und ihre Insel Müll aufsammeln. Und die Schutzstation Wattenmeer informiert Gäste und Schulklassen unter anderem über die Auswirkungen unseres Handelns auf die Natur.

Im Alltag sind die Gemeinden der Insel für das Sauberhalten der einzelnen Strandabschnitte zuständig. Dabei werden die zahlreich aufgestellten Mülleimer ein- bis zweimal am Tag geleert. Und die großen Funde wie Eimer, Wannen und Holzpaletten werden ebenfalls mitgenommen.

Die Gemeinden leeren die Mülleimer und nehmen den großen, angespülten Müll ebenfalls mit.

Doch die Insel ist nicht nur vor Ort aktiv. Amrum ist Mitglied der Insel- und Halligkonferenz, die sich unter anderem für mehr Umweltschutz für die Nordsee einsetzt, auch im Landtag in Kiel.

„Wir werden im Land ernst genommen und finden bei Umweltminister Habeck durchaus Gehör“, sagt Sprecherin Natalie Eckelt. Und weil die Konferenz zugleich Mitglied der dänisch-internationalen Umweltorganisation KIMO ist, die unter anderem gegen den Meeresmüll kämpft, reicht Amrums Stimme auch über die Landesgrenzen hinaus.

KIMO hat herausgefunden, dass zwar immer noch 20-40 Prozent des Mülls im Meer von Schifffahrt, Fischerei und Offshore-Arbeiten stammen. Doch 60-80 Prozent kommen vom Festland.

Darunter auch die so beliebten Luftballons, die bei jeder nur denkbaren Gelegenheit, von Kinderfesten über Hochzeiten bis zu Demonstrationen und Gemeindefesten mit guten Wünschen losgelassen werden.

Dieser Ballon flog 150 Kilometer von Ostfriesland über das Meer, bis er im Tang verheddert am Strand von Norddorf landete.

Wie der Luftballonrest auf diesem Bild. Er war mehrere Wochen unterwegs, bis er, im Seetang verheddert, am Strand von Norddorf angespült wurde: 150 Kilometer Luftlinie von seinem Startpunkt in Ostfriesland entfernt. Ob sich irgendjemand Gedanken darüber gemacht hat, dass er sich nicht einfach in Luft auflösen wird, sondern in der Natur Schaden anrichten könnte?

Da dieser Ballonrest ausnahmsweise mit Absender angespült wurde, hat Amrum-News bei der dort angegebenen Dorfgemeinschaft nachgefragt. Der Luftballon war Teil eines Wettbewerbs, erzählt der Veranstalter, der gerne anonym bleiben möchte. Kinder durften einen Luftballon für einen Euro kaufen und halfen damit, die Kasse der Krabbelgruppe aufzubessern.

Zum kommenden Weihnachtsmarkt werden jene Ballonreste, die an die Dorfgemeinschaft zurückgeschickt wurden, ausgewertet. Die drei Kinder, deren Luftballon am weitesten geflogen ist, werden eine mittlere zweistellige Geldsumme gewinnen.

Ansich ist das eine nette Idee, gerade für Kinder sicher ein großer Spaß – würde das Ganze nicht auf Kosten der Natur gehen. Doch viele bedenken die Folgen nicht, selbst wenn sie sie kennen.

„Eigentlich hat man das ja genug im Fernsehen gesehen“, bekennt nun auch der Veranstalter. „Vielleicht muss man sich mal eine ökologische Alternative ausdenken. Oder auch ein ganz anderes Gewinnspiel machen.“ Er hat sich jetzt vorgenommen, dies mit den anderen Vereinsmitgliedern zu besprechen.

Brigitte Rohner-Winkel, in der Hand ebenfalls gefundene Luftballonreste, plädiert: „Wir brauchen einfach mehr Umweltbewusstsein. Wozu braucht man überhaupt Plastikbänder an Luftballons?“

Das sieht auch der Mellumrat so, der sogar eigens ein Poster deswegen veröffentlicht hat: http://www.mellumrat.de/wp-content/uploads/2017/07/POSTER_Luftballon-A1.pdf. Doch mehr Umweltbewusstsein allein auf Amrum oder in Deutschland genügt natürlich nicht, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Die EU hat zwar schon 2008 eine Rahmenrichtlinie verabschiedet, die dafür sorgen sollte, dass die europäischen Meere bis 2020 in einem guten Umweltzustand sein werden. Doch allein die Definition, was ein „guter Umweltzustand“ ist, bleibt schon jedem Anrainerland selbst überlassen.

Bis heute gibt es keinerlei wirksamen Instrumente, um die Verursacher des Plastikmülls in der Nordsee angemessen in die Pflicht zu nehmen. Den Küstengemeinden bleibt deshalb nichts übrig, als selbst aufzuräumen.

Diese Schilder des Rotary Clubs Amrum informieren seit Mai 2017 darüber, wie lange die Natur benötigt, um Müll abzubauen.

Bei den riesigen Ausmaßen des Amrumer Knieps ist die Insel für jede Mithilfe dankbar. Auch die Natur wird es allen danken, die dem guten Beispiel von Brigitte Rohner-Winkel folgen und auf ihren langen Strandspaziergängen nicht nur Muscheln sammeln.

Auf Föhr wird, erzählt Natalie Eckelt von der Insel- und Halligkonferenz, bereits mit Supermärkten über eine Reduzierung der Plastikverpackungen gesprochen. Ein vielversprechender Ansatz, der sicher auch auf Amrum und bei den Gästen Anklang finden würde.

Denn ein Leben ohne Plastik ist möglich und sinnvoll. Und mit einem Verzicht auf Plastiktüten, auf überflüssige Plastikverpackungen und auch auf das Fliegenlassen von Luftballons wäre den Tieren im Meer und auf Ihrer Lieblingsinsel noch mehr geholfen.

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Über Birte Vogel

Birte Vogel ist freie Journalistin und Autorin und hat sich 2017 den Traum vom Leben auf Amrum erfüllt. Mit ihrer eigenen Firma nordsee.text schreibt sie Bücher, Porträts und andere Texte für Unternehmen. Die Insel kennt und liebt sie seit Kindertagen und schreibt jetzt auch für die Amrum-News, um gemeinsam mit den Leser_innen diese alte Liebe noch einmal ganz neu zu entdecken.
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