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Am Platz an der Sonne, da tut sich was…

Facelifting für den Zeltplatz am Leuchtturm

Abschied nehmen fällt allen Amrum-Urlaubern schwer – oft wird an der Fähre so lange gewunken, bis die Insel ganz im Dunst verschwunden ist.

Besonders schwer fiel es in diesem Jahr denen, die auf Zeltplatz II am Leuchtturm Urlaub machten und der Amrumer Natur so verbunden sind, dass sie, gern unbekleidet, von April bis September mitten im Dünensand zelten. „Am Platz an der Sonne“, heißt es in einem der vielen Amrum-Lieder vom FKK-Zeltplatz, „da tut sich was“: Nach fast 40 Jahren hieß es Abschied zu nehmen vom alten Waschhaus; denn das wird abgerissen und über Winter durch ein zeitgemäßes Sanitär- und Wirtschaftsgebäude ersetzt.

Der Abriss hat begonnen…

Beinah unglaublich und doch so vielsagend: Es gab auf dem Zeltplatz zum Abschied sogar ein echtes Waschhauskonzert – im und für das alte Waschhaus. Klassik- und Tangoklänge passend zum Anlass. Gut einhundert Zeltplatzgäste lauschten drinnen und draußen den Geigen des Musiker-Ehepaares aus Baden Württemberg, das mit drei seiner vier Kinder auf dem Platz Urlaub machte. Die beiden Orchestersolisten, die auch international unterwegs sind, kündigten sogar schon ein zweites Waschhauskonzert an, für den Spätsommer nächsten Jahres, dann zur Begrüßung des neuen Sanitärgebäudes.

Um das flache Holzgebäude am Eingang des Zeltplatzes, dem nun ein Facelifting bevorsteht, das den Charakter des Platzes erhält, auf dem eine artenreichen Tier- und Pflanzenwelt lebt und jedes Jahr eine Sturmmöwenkolonie brütet, ranken oder reimen sich unzählige solcher Zeltplatz-Geschichten. Bis es 1979/80 gebaut wurde, mussten die FKK-Camper noch in die „Villa Hügel“ auf’s Plumpsklo und im Freien duschen – kalt mit Grundwasser per Handpumpe. So war „das Waschhaus“ ein Synonym für den Einzug der Zivilisation auf dem Platz, aber nie einfach bloß ein Sanitärgebäude mit Elektrizität, Dusche, Klo und Spüle – sondern von Anbeginn auch Nachrichtenbörse und Kommunikationszentrum.

Hier trifft oder verabredet man sich und tauscht die neuesten Informationen aus. Hier steht man werktags morgens am Wagen des Inselbäckers in der Brötchenschlange oder studiert in Ruhe die angeschlagenen Zettel neben dem alten Münztelefon – vielleicht solche wie diese: „Heute 19:00 Musik-Session am Dünenübergang. The Naked Botanist – botanische Zeltplatzführung – Treffpunkt 14:00 hier. Kleinfeldfußball jeden Tag. Ringtennis täglich im Spieletal 13:00 Uhr. Großes Nordlandzelt abzugeben – bitte melden bei… Skat. Doppelkopf. Morgen kein Yoga. Damenfahrrad zu verschenken. Singen mit Kindern und Erwachsenen. Suche vergriffene CD mit den Amrum Liedern. Basteln im Zelt von…Vogelkundliche Wanderung. Übungs- und Turniertermine für Beach- und Kleinfeld-Volleyball – ungeübt, geübt und mixed.“

Volleyball ist neben Ringtennis übrigens eine der Traditionssportarten auf dem FKK-Zeltplatz. Gespielt wird bis ins hohe Alter und Kinder lernen hier Volleyball, lange bevor es in der Schule angeboten wird. „Lars Flüggen, einer der beiden deutschen Beach-Volleyball Olympiasieger von Rio 2016, hat hier auf dem Platz Volleyballspielen gelernt“, erfahre ich von Pit Katzer, mit dem ich verabredet bin, um über den Amrumer Sport- und Naturisten Verein e.V. (ASN) zu sprechen, der in dieser Saison sein 20-jähriges Jubiläum feierte und vor zwei Jahren den Deutschen Verband für Freikörperkultur (DFK) als Pächter des FKK-Zeltplatzes am Leuchtturm abgelöst hat (Amrum News berichtete).

20-jähriges Jubiläum wird im und um das Gemeinschaftszelt gefeiert…

Der ASN wurde 1997 in Wittdün von langjährigen Gästen des FKK-Zeltplatzes gegründet und ist als gemeinnütziger Verein auf Amrum eingetragen. Pit und Barbara Katzer, die aber von allen nur Beppo genannt wird und seit 2005 Vorsitzende des ASN ist, waren von Anfang an dabei. Der Verein setzt sich für die Förderung des Umwelt- und Naturschutzes und des Sports ein und legt großen Wert darauf, dass der Zeltplatz am Leuchtturm ein ZELT-platz bleibt – ohne Caravans und Wohnmobile. Schon seit seiner Gründung engagiert sich der ASN dafür, dass der Platz nicht kommerzialisiert wird und das vom Verein erwirtschaftete Geld den Gästen zu gute kommt, für Spiel- und Sportgeräte oder Verbesserungen der Infrastruktur auf dem Platz eingesetzt wird.

Bereits 2015 war der Neubau des Sanitär-und Wirtschaftsgebäudes im Pachtvertrag zwischen der Gemeinde Wittdün und dem ASN vereinbart worden, der die Investition über die neue Pacht refinanziert. Doch der Startschuss für den Beginn der Arbeiten fiel auf Wunsch des ASN erst in diesem Jahr. So nimmt es nicht Wunder, dass nicht nur die zweite Platzsaison, sondern auch die Planungen für das neue Waschhaus und die Umgestaltung des Eingangsbereichs eine Rolle auf der Mitgliederversammlung des ASN spielten, die jeden Sommer auf Amrum stattfindet, wenn sich die Ferientermine der meisten Bundesländer überschneiden. (Mehr unter: http://www.asn-amrum.de/)

Überwiegend sind oder werden die Gäste des Zeltplatzes Mitglieder im Amrumer Sport- und Naturisten Verein oder sind Mitglieder eines anderen FKK-Vereins, weiß Katzer. Es seien viele Familien im ASN. So komme man einschließlich der Kinder inzwischen auf 1000 Vereinsmitglieder. „Wir sind ein 4-Generationen Platz. Hier zelten Säuglinge bis 84-jährige. Manche kommen seit Jahrzehnten, und die Generationen sind im Kontakt mit einander.“ Das sei außer bei Familienfeiern selten in unserer Gesellschaft.

Unter den ASN-Mitgliedern sind gleich mehrere Biologen, die dem Verein mit ihrer Expertise aktiv zur Seite stehen und ihn in Sachen Dünen- und Naturschutz beraten. Sie bieten während ihres eigenen Urlaubs sogar Führungen zu seltenen Pflanzen und Kleinlebewesen auf dem Zeltplatz und drum herum an. Das Umweltbewusstsein auf dem Platz sei sehr hoch und die Gäste würden darauf angesprochen, sagt Pit Katzer. Mir fällt auf, dass tatsächlich überhaupt kein Müll herum liegt, nicht mal eine Kippe.

Als auf Amrum nur die Odde Naturschutzgebiet war und die FKKler vom Zeltplatz als Erkennungszeichen zum Abschied an der Fähre Klopapierrollen vom Winde verwehen ließen, war Umweltschutz auf der Insel noch kein Thema. Aus diesen Zeiten stammen die ersten der ironisch bis melancholischen Amrum-Lieder von Kurt Walter und anderen Campern auf Zeltplatz II, die auch heute noch gesungen werden. Sie werden von Zeltplatz-Generation zu Zeltplatz-Generation weiter gegeben und ergänzt. Der ASN hütet diesen Schatz sozial-kultureller Entwicklung der reiselustigen Republik in einem Liederbuch.

In jedem Jahr wird er von Zeit zu Zeit gehoben – so auch in dieser Saison, als „20 Jahre ASN“ gefeiert wurden – beim Sommerfest mit Gästebüffet. Da wird dann das große, weiße Gemeinschaftszelt innen toll geschmückt (von außen sieht es aus wie ein rundes Zirkuszelt mit Feuerabzug) und die Gäste steuern etwas zum Essen für das gemeinsame Büffet und die Tischdekoration bei. Die Musiker auf dem Zeltplatz treten auf, auch ein Zauberer für die Kinder. Man sitzt zusammen um die Feuerschale, wer mag bis spät in die Nacht, und singt die alten und neue Lieder. Viele handeln von der Liebe zu Amrum, vom Abschied und vom Wiederkommen.

Die letzten “Schätze” werden gesichert…

Als Sturmtief „Sebastian“ nur ein paar Wochen später über die Insel fegte, waren einige ASNler noch dabei, den Zeltplatz winterfest zu machen und steckten in den letzten Sicherungsarbeiten vor dem Abriss des alten Waschhauses. Die Orkanböen des ersten, sehr früh im Jahr einsetzenden Herbststurms machten ihnen ganz schön zu schaffen, doch pünktlich zum Saisonende am 15. September war alles verstaut. Die Bagger konnten kommen!

Was jetzt noch fehlt, einmal abgesehen vom neuen Sanitär- und Wirtschaftsgebäude selbst, ist eine weitere Strophe im Lied „Oh du schöne Sommerferienzeit“. Kommt in „Zeltplatz II – nackidei“ nach „Villa drin – früher hin“ und „Waschhaus hier – Klopapier“ jetzt „alles rein – nicht zu klein“? Ein bisschen Zeit bleibt ja noch bis zur Eröffnung im April….

Der FKK-Zeltplatz am Leuchtturm ist vom 15. April bis zum 15. September geöffnet. Nähere Informationen im Internet unter: http://www.fkk-zeltplatz-amrum.de/

Einen interessanten Reisebericht aus dem Frühjahr 2017 findet man hier:http://pluennenkreuzer.de/wordpress/2017/06/24/sand-zwischen-den-zaehnen-camping-auf-amrum-2/

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Über Astrid Thomas-Niemann

Astrid Thomas-Niemann ist gelernte Schifffahrtskauffrau sowie studierte Sprach- und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre als Schifffahrtsanalystin gearbeitet und lebt seit 2015 in Wittdün. Als junge Frau kam Astrid 1981 das erste Mal auf die Insel und besuchte auf Zeltplatz II die Niemanns aus Hamburg, die Amrum seit 1962 urlaubsmäßig die Treue halten, inzwischen bereits in der 4. Generation.
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