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Ein Kleid aus prächtigem Eigensinn

Pastorin Thurid Pörksens Liebe zum Geschichten erzählen lassen gibt auch zur aktuellen Friedenswoche tiefe Einblicke in das Leben und Denken der (Insel)Menschen früher und heute. Unter dem Thema „Erinnern für die Zukunft“ wurde in Bildern und Worten die Geschichte der Amrumerin Marret Dethlefsen (Nebel, Bahnhofshotel) erzählt, die in Deutschlands dunkler 1930er-Jahre-Zeit die einzige war, die zur Konfirmation trotzig Tracht trug. Dafür haben ihr die Konfirmanden des Jahres 2018 einen Brief geschrieben – eine Liebeserklärung an die Freiheit.

 

Marret Dethlefsen bei ihrer Konfirmation 1939

Liebe Marret,

wir schreiben Dir einen Brief zurück durch die Zeit – im nächsten Frühling werden wir konfirmiert, dann sind es 79 Jahre rückwärts. 1939 hast Du mit den anderen 18 Mädchen und Jungen vor der Veranda im Pastorat gesessen, um von da zur Kirche zu gehen.

Du bist das einzige Mädchen in Tracht – schön siehst Du aus und so besonders. Wie kam es, dass die anderen Mädchen so dunkel gekleidet waren, fragten wir uns. Die unheimliche Antwort, die wir bekommen haben, war : es sollte d e u t s c h sein –

ein Zeichen nationaler Verbundenheit, Führertreue … Du hast strahlend ein anderes Zeichen gesetzt im Kleid Deiner Großmutter Jule. Hat sie Dich bestärkt, ein Kleid zu tragen, das überdauert? Ein Kleid aus prächtigem Eigensinn, friesisch-uthländisch?

Wenn wir 2018 zu unserer Konfirmation dieselbe Tracht tragen, werden wir an dich denken. Wir zeigen dann nur unsere Freude, dankbare Verbundenheit mit der Amrumer Heimat – der vielschichtigen, und festliche Lebenslust.

Du hast es so viel schwerer gehabt: mitten in der Gemeinschaft und doch ausgesondert: Kind Deines jüdischen Vaters – Emil Martin Levy und Deiner Mutter Cilly Dethlefsen. Am 11.November 1924 bist Du in Altona zur Welt gekommen: Zeit großer Auf-und Umbrüche: Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen, Streit auf den Straßen – Wie war Dein Heim? Deine Eltern sind mit Dir ausgewandert – nach New York – ins Weite, ehe es zu eng wurde in Deutschland. Dort gab es das Föhr-Amrumer-Netzwerk. Aber Deine Eltern trennten sich – wir können Dich nicht mehr fragen nach Deinen Ängsten. Du kamst nach Amrum – zur Großmutter ins Bahnhofshotel.

In vielen Briefen an Deine Freundin Hilda hast Du später von bunten Erinnerungen daran geschrieben : von Wind und Weite, von Blumenwiesen, von Eierwerfen, von Singen und Freundinnen , von Klaar Kimming, von Fahrten nach Helgoland. Und immer schriebst Du auch von Heimweh nach Liebe und Sicherheit. Und zwischen den Zeilen von verschluckten Tränen. Es hingen ja Hakenkreuze an den Masten,

die Männer trugen hohe blanke Stiefel und dunkle Uniformen, die Kinder riefen auf der Straße, was sie zu Hause gehört hatten: ein Judenkind, ein Judenkind, wird ausgegrenzt – einer traf dich mit einem harten Schneeball: tiefste Kränkung, statt der ersehnten Freundschaft.

Die anderen Mädchen waren beim BDM – und fanden es spannend dort. Du durftest dabei sein, erinnert sich jemand, aber Du durftest den Knoten nicht tragen – um sichtbar zu machen, dass Juden nicht dazugehören.

Kleine, grausame Stiche – unvergleichlich schlimmer ging es Millionen und Abermillionen jüdischer Menschen in unserem Land und dann in ganz Europa– das wissen wir, aber an Dir können wir das Unermessliche ahnungsweise ermessen, das immer mit solchen Stichen und Verletzungen beginnt. Das seine tiefen Wurzeln hat in Neid , Dummheit , Nicht-Wissen und teuflischen Fehlinformationen.

‚Marret hatte ihren Dünkel‘, sagten manche: Das war Dein Panzer, nicht wahr ?!

Sich nichts anmerken lassen. So tun, als wäre man über alle Kränkung erhaben und hätte keine Angst. So hast Du dagesessen zwischen Deinen dunkel gekleideten Mitkonfirmanden, Marret Levy. Im Konfirmandenregister steht : Marret Lange. Auch den Namen hat man Dir weggenommen. Du solltest einen deutschen Namen tragen: unauffällig – nicht mehr Du selber. Damals hat noch der Pastor die Segensworte ausgesucht und versucht, jeder und jedem etwas mit auf den Weg zu geben, das stärkt und weiterhilft: manchmal Lichtzeichen im Dunklen.

Er hatte selber zu leiden, weil er kein deutscher Christ sein wollte, sondern ein Bekenner von gerechtem Miteinander um Gottes Willen – er konnte wohl mitfühlen mit Dir und gab Dir diese Verse mit auf Deinen Weg:

„Habe ich dir nicht geboten: sei getrost und unverzagt? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tust.

Alles, das du uns geboten hast, das wollen wir tun, und wo du uns hinsendest, da wollen wir Hingehen“ (Josua 1, 9 und 16)

Du bist im Schutz guter Freunde nach Breslau gegangen in die kaufmännische Lehre.

Dort hast Du den Krieg erlebt und den gift-gelben Stern gesehen – und wie die Sterne untergegangen sind.

Aus der Zeit haben wir keine Briefe von Dir, was hättest Du davon auch schreiben dürfen … Aber die eine Geschichte wissen wir: von Deinem Heimweh nach Amrum und wie Du Weihnachten nach Hause wolltest und in Dagebüll vom Dampfer musstest, weil der Bürgermeister es so verfügt hatte: er könne für Deine Sicherheit nicht garantieren….(wusch er so seine Hände in Unschuld?)

Niemand ist Dir zur Seite gesprungen … Du bliebst allein zurück – mit welchen Gedanken? Immerhin hast Du Deinen Onkel Anton angerufen und der wieder seinen Freund Fiete Lützen auf Föhr (der später mal Geschäftsführer der WDR geworden ist) Und der schickte ein Motorboot. So kamst Du doch noch nach Hause und hörtest in der Kirche die Geschichte von dem kleinen Judenkind, das in finsteren Zeiten zur Welt gekommen ist – und hörtest die Engel ihr FÜRCHTET EUCH NICHT singen.

Liebe Marret, wir werden konfirmiert wie Du – und Du wirst dabei sein, weil Du uns die Herzen weiter aufgeschlossen hast .Wir sind selbstbewusster geworden und damit offen und interessiert am Anderen. – Wir tragen Dein Kleid.

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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