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Von Skagen bis Striptease: die neuen Ausstellungen im MKDW


Ein großes, reiches Programm haben sie aufgefächert, sagte Professor Ulrike Wolff-Thomsen, die Direktorin des Museums Kunst der Westküste, mit Blick auf die drei neuen Frühjahrs-Ausstellungen des feinen Kunstmuseums in Alkersum auf Föhr. Tatsächlich ist es wieder ein interessanter Streifzug quer durch die Genres, aber immer treu entlang der Küstenlinie der Nordsee, die – von 1830 bis 1930 – mit ihren Malern, Farben, Motiven und Stimmungen einen Schwerpunkt des Hauses bildet.

Das Museum Kunst der Westküste auf Föhr

Angefangen vom Worpsweder Künstlerpaar Overbeck-Rothe, die Anfang letzten Jahrhunderts auf Föhr und Sylt malten und kurten, über die Maler der Künstlerkolonie Skagen, die dort arbeiteten, wo Nordsee und Ostsee zusammenfließen, und das Licht dort oben zwischen Skagerrak und Kattegat weltberühmt machten. Begleitet werden diese um die Zeit 1880 bis 1920 entstandenen sechzig Werke (In Skagens Licht) von drei modernen Künstlern, die genau dieses Licht ebenfalls gefangen genommen hat und die – jeder auf seine Weise – damit weiter experimentieren: Der dänische Fotograf Joakim Eskildsen, der in dem surrealen Licht beim Übergang von Tag zu Nacht Menschen, Meer und Straßenszenen festhielt, der Maler Ulrik Møller, ebenfalls Däne, der eigentlich immer nur im Winter in Skagen ist und durch dessen Bilder sich also Seenebel und Dunstschleier ziehen und die Frankfurter Künstlerin Birgit Fischötter, die Bilddetails der von ihr bewunderten alten Skagen-Meister mit der Kamera bewusst unscharf herauszoomt und ihnen mittels transparenter Folien und leuchtender Farbe eine neue, sehr lebendige Dimension schenkt.

Und dann ist da noch die neue Fotoausstellung oben auf der Galerie des Museums, die einen so schönen, tiefen Blick in Grethjens Gasthof ermöglicht und dem Betrachter mit viel Raum und Licht hilft, der Atmosphäre der Fotos in Ruhe nachzuspüren. Ausgestellt wird der Hamburger Fotograf Herbert Dombrowski (Schicht und Striptease), ein Meister des Schwarz-Weißen, ein Zeuge aus der Zeit, die den Mythos von St. Pauli und Altona geprägt hat – die 1950er Jahre – mit harter Arbeit im Hafen, kargem Leben in Nebenstraßen und der flirrenden Atmosphäre der Tanzlokale. Mit seiner Leica-Kamera, die der als Jude verfolgte und Flüchtende bei Freunden versteckt über den Krieg retten konnte und die – korpushaftig anwesend – bei der Eröffnungsansprache Museumsdirektorin Wolff-Thomsen fast zu Tränen rührte, hat dieser Mann nicht nur für Magazine die Hotspots sondern auch für Wohnungsbaugenossenschaften das Alte festgehalten, ehe es vom Neuen zubetoniert wurde. Siebzig seiner Arbeiten zeigt das Museum jetzt in Zusammenarbeit mit der Berliner Galerie Hilaneh von Kories.

Museumsdirektorin Wollf-Thomsen

Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte: Das Worpsweder Künstlerpaar war des ewigen Birken-Moor-Birken-Motivs und der Querelen der großen Meister im berühmten Künstlerdorf bei Bremen überdrüssig, so dass sie ab 1903 immer mal wieder auf Föhr und Sylt neue, frische Sicht nahmen: Meer, Brandung, Dünen, Friesenhäuser. Umso spannender wird das Schlendern durch die drei Säle mit rund hundert Werken der beiden Eheleute, wenn man sich vergegenwärtigt, was verheiratete Frauen zu dieser Zeit überhaupt noch durften. Eigentlich nur dreierlei: dem Herd nah sein, sowie Mann und Kind dienen. “Malweiber” wurden damals Jungfern mit Pinsel in der Hand abschätzig genannt. Und auch Hermine wusste, dass ihre Kreativität nach der Heirat schlimmstenfalls zu einem “Sonntagnachmittagsplaisir” schrumpfen würde. Was Fritz Overbeck seiner Frau also damals erlaubte, was die beiden immer und immer wieder in Diskussionen miteinander aushandelten – ihr Verhältnis in der Liebe und in der Arbeit – das ist sehr, sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit. Da die beiden nie gemeinsam auf den Inseln waren – er reiste drei Mal nach Sylt, sie zweimal nach Föhr und einmal nach Sylt –, gibt es einen umfangreichen Briefwechsel, der, als Buch und als Hörbuch, ganz charmant und liebevoll nachverfolgen lässt, wie schwer es für beide war, in dieser Verbindung ihren “Mann” zu stehen. Schöner Kunstgriff: Wenn die zwei sich über die Arbeit unterhielten, wurde aus Hermine, dem “lieben Schatz”, dem “Herzensschatz” dann plötzlich ein “lieber Hermann”. Auch Hermine spielt mit und gibt als Hermann ihrem Mann Ratschläge zu seinen Bildern.

Sie, die im Gegensatz zu ihm auch mit der Kamera umging, setzte den Focus ganz anders. Was sich beim Gang durch die Ausstellung wunderbar beobachten lässt. Nicht das Typische, nicht die Wellen, die Dünen und die Friesenhäuschen sind ihr Ding, sondern das, was abseits liegt: Sie schneidet schmucken Friesenhäusern sogar das Dach ab, nur um den Focus auf die Wasserspiegelungen eines winzigen Tümpels zu legen. Ihre Bildkomposition ist eine ganz andere als seine, nicht immer steht das Motiv im Zentrum, dafür ein spannender Bildausschnitt, gedanklich herangezoomt, lebendig gemalt. Was man dabei aber auch nicht vergessen darf: Sie konnte moderner sein, denn sie musste ja nie malen, um zu verkaufen.

Weil das Freiluftmalen, das damals dank kleiner, leichter Malpappen, Tubenfarbe und Malkästen für immer mehr Künstler eine Option war, hängen in der Ausstellung neben manchen großen Leinwandgemälden die kleinen Ölstudien auf den Malpappen, wodurch an nachvollziehen kann, wie sich der Entwurf zum fertigen Bild entwickelt hat.

Surreales Skagen-Licht: Museumssprecherin Dr. Christiane Morsbach zwischen Eskildsen-Fotografien

Den beiden Liebenden und Malenden war leider kein langes gemeinsames Leben vergönnt. Es war zum Ende sogar ein Drama. Nachdem sie neun Monate lang, krank an Tuberkulose, im Sanatorium in Davos geweilt hatte und sich beide nun endlich auf ein trautes Miteinander im Haus in Bremen-Vegesack freuten, da starb er, 39-jährig, drei Tage nach ihrer Rückkehr an einem Hirnschlag. Hermine war damals 40 Jahre alt, immer noch von schwacher Konstitution, blieb mit zwei kleinen Kindern und dem Haushalt allein. Zeitlebens hat sie das Werk ihres Mannes zusammengehalten, nur im äußersten Notfall mal ein Bild verkauft. So dass heute, im Overbeck-Museum in Bremen, noch alles erhalten ist. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie sein Atelier, organisierte Ausstellungen mit seinen Bildern und malte im Stillen weiter. Bis auf eine Ausnahme sind ihre Bilder weder signiert noch datiert. Als nach ihrem Tod, sie starb 1937 mit 68 Jahren, die rund 70 Gemälde und über 200 Ölstudien übereinandergestapelt hinter den fast tausend Werken ihres Mannes in ihrem/seinen Atelier entdeckt wurde, waren selbst ihre beiden Kinder, Fritz-Theodor und Gerda, erstaunt, was die Mutter geschaffen hatte. Erstmals werden jetzt ihre Bilder, die vor über hundert Jahren auf Föhr entstanden sind, im Museum Kunst der Westküste gezeigt.

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About Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.

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