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Gerhard Martens – der Schiffsmaler von Amrum

Mit 91 Jahren noch Schiffe vom Stapel gelassen

Mit 91 Jahren noch Schiffe vom Stapel gelassen

In zahlreichen Stuben Amrums, aber auch in Amerika, befinden sich halbmetergroße Ölgemälde von Segelschiffen auf »Großer Fahrt«. Schiffe, als Zweimastschoner getakelt oder als Fünfmastvollschiffe, wie die »Preussen« der Hamburger Reederei Laeisz.
Diese Schiffe waren unterwegs zur Westküste Südamerikas zu den Salpeterhäfen Iquique, Caleta Buena, Pisagua, Taltal und anderen. Dabei musste das berüchtigte Kap Hoorn umrundet werden, wo zahl­reiche Seefahrer aus aller Welt ihr Leben verloren.
Neben Salpeter, damals in Europa als Dünger und als Sprengstoff von großer Bedeutung, spielte auch der Seevogeldung (Guano) eine beacht­liche Rolle als Dünger.
In dieser Zeit zählte Amrum noch bis zu 15 Kapitäne, die in Diensten Hamburger, Antwerpener und Londoner Reeder standen.
Wilhelm Tönissen, Carl Jessen, Friedrich Stuck, Weilern Peters, Julius Schmidt, Cornelius Bendixen, Anton Schau, Peter Nahmen Petersen, Heinrich Quedens waren die bekanntesten Schiffsführer jener Zeit.

Die Handelsseefahrt mit Beteiligung von Amrumern lässt sich bis in das 15. Jahrhundert zurückführen.
Und zusammen mit der »Grönlandfahrt«, dem Walfang und Robbenschlag im nördlichen Eismeer, war es die alles über­ragende Periode der Inselgeschichte. Aber sie spielte sich ja außer­halb der Insel ab, auf nahen und fernen Meeren, und hatte dadurch enorme Auswirkungen auf das Leben der Inselfrauen.
Sie hatten in Haus und Hof und bei der Erziehung der Kinder »die Hosen an«, standen aber auch gleichzeitig unter der ständigen Drohung von Todesnachrichten der seefahrenden Väter, die oft auch nicht auf sich warten ließen. Die Todesraten glichen zeitweilig denen der Soldaten in den Weltkriegen, und so gesehen, lebten die inselfriesischen Frauen rund 500 Jahre lang in »bangender Hoffnung«.
Diese Zeit ist später in eindrucksvoller Weise dokumentiert worden – unter anderem durch Schiffsbilder des früheren Seemannes Gerhard Martens aus Süddorf.

Gerhard Martens war eines der elf Kinder des Grönland-Commandeurs Marten Martens und dessen Frau Eyck, geb. Gerrets. Das Ehepaar wohnte zu­nächst in Nebel, zog aber um 1848 nach Elsfleth an der Weser. Hier lebte die Familie rund 30 Jahre. Der Vater war einer der letzten Grönland-Commandeure von Amrum, der die Elsflether Brigg “Patriot” von 1843 bis 1857 ins Eismeer führte und an­schließend bis 1865 die Brigg “Alliance” übernahm.

Zuletzt soll er auch noch Mitreeder an Handelsschiffen gewesen sein, ehe er völlig mittellos in den 1870er Jahren nach Amrum zurückkehrte.
Er hatte in Elsfleth für sei­nen Schwiegersohn eine Bürgschaft unterschrieben, und dieser war bank­rott gegangen. Auf Amrum lebte das Ehepaar in großer Armut, und hier starb der Grönland-Commandeur im Jahre 1883, während seine Frau Eyck noch bis 1910 lebte und 99 Jahre alt wurde!
Die meisten Kinder waren in Elsfleth geboren worden, darunter auch Ger­hard, geboren am 14. Oktober 1855. In jungen Jahren ging er zur See, doch von seinen Seereisen ist nur eine auf dem Wyker Handelsschiff »Amilhujo« unter dem aus Norddorf stammenden Kapitän Johannes Matzen bekannt. In den 1880er Jahren wanderte Gerhard nach Amerika aus und diente hier in der Binnenschiffahrt unter dem aus Norddorf stammenden Kapitän Peter Nickels Johannen.

Viermastbark "Kurt", Kpt. Wilhelm Tönissen. Eines der vielen "Martens-Schiffsbilder"

Viermastbark “Kurt”, Kpt. Wilhelm Tönissen. Eines der vielen “Martens-Schiffsbilder”

1892 kehrte Ger­hard Martens nach Amrum zurück und fand in der Küstenseefahrt auf dem Schoner »Frieda«, Schiffer Volkert Quedens jun., Beschäf­tigung. Die »Frieda« verfügte – fortschrittlich für jene Zeit – auch über ei­nen Motor. Dieser explodierte allerdings 1894 auf der Elbe, so dass der Ka­pitän mit brennenden Kleidern über Bord sprang und von Gerhard Martens aus dem Wasser gefischt werden musste. Weitere Küstenfahrten folgten und zuletzt eine Tätigkeit beim Bau des Seezeichenhafens im 1.Weltkrieg. Erst spät, um 1930, begann Gerhard Martens, inzwischen 75 Jähre alt, mit dem Malen von Schiffen, wobei ihm hinsichtlich der Detailge­treue der Takelage und Schiffstypen die eigene Erfahrung zugute kam. Und es ist erstaunlich, dass er noch so viele Stu­ben auf Amrum mit seinen Bildern schmücken konnte. Erst der Tod am 25. Juni 1946 nahm ihm den Pinsel aus der Hand, kurz nachdem er noch ein letztes Bild signiert hatte.
Der Kunstwert von Gerhard Martens Bildern mag nicht überall Anerkennung finden, aber hinsichtlich ihrer Atmosphäre und ihrer Vermittlung einer in ihrer Art großartigen Zeit der Inselgeschichte, sind die Bilder von Gerhard Martens wert­voll und zeitlos.
Gerhard Martens war verheiratet mit Ida, geb. John, deren Vater 1863 bei der berüchtigten Bergungsfahrt zur gestrandeten »Horus« ums Leben ge­kommen war. Das Ehepaar hatte vier Kinder und lebte in einem kleinen Häuschen in Süddorf. Beide wurden sehr alt, Gerhard fast 91, Ida fast 95 Jahre – in damaliger Zeit ein gesegnetes Alter.
Georg Quedens

 

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