Ein voller Saal, ein Buch auf der Shortlist und eine Autorin zum Anfassen.
Turid Müller zog ihr Publikum mit Humor, Herz und einem beklemmenden Stück Zeitgeschichte in den Bann.
Doch das wichtigste Geheimnis behielt sie für sich – noch.

Ein „Moin“ und ein Krimi
Die Tage werden kürzer, die Luft kühler, und die ersten morgendlichen Nebel tauchen die Insel in eine besondere Stimmung. Es wird ruhiger – jetzt beginnt die Zeit für gemütliche Stunden mit warmen Pullovern, Kuschelsocken, Tee (oder „Toter Tante“) und langen Spaziergängen. Und: Der Herbst ist perfekt für einen guten Krimi.
Da kam die Lesung am vergangenen Sonntag im Gemeindehaus Norddorf mit Turid Müller genau richtig. Nicht zum ersten Mal durfte sie auf Amrum aus ihrem für den GLAUSER-Preis 2025 nominierten Buch lesen und die Besucherinnen und Besucher in den Bann ziehen. „Im Schatten der Insel“ schaffte es sogar auf die Shortlist – das heißt, es stand in der engeren Auswahl bei der Preisvergabe.
Amrum als Schauplatz
Turid Müller, Psychologin und Schauspielerin, begrüßte das Publikum mit einem norddeutschen „Moin“ und ein wenig Klönschnack über sich selbst und die Entstehung ihres Buches. Sie erzählte, dass ihre Liebe zu Amrum schon in Kindertagen begann und sie die Insel seit vielen Jahren regelmäßig besucht. Da bot es sich an, diesen Ort als Schauplatz ihrer Geschichte zu wählen. Scherzend fügte sie hinzu, dass sie so noch öfter nach Amrum kommen könne – und das Ganze auch noch finanziere, wenn sie hier aus ihrem Krimi lesen dürfe.
Nahbar und sympathisch, im typischen „Insel-Du“, berichtete sie außerdem, dass ihre Hauptfigur Lale und sie einige Gemeinsamkeiten hätten – welche genau, dürften die Zuhörerinnen und Zuhörer selbst herausfinden. Eines verriet sie immerhin: Beide sind Psychologinnen.

Zwischen Demenz und Kinderverschickung
Die Kapitel wechseln zwischen der Gegenwart und der Zeit der Kinderverschickung. Während die Geschehnisse um Lale und ihre an Demenz erkrankte Mutter in der heutigen Zeit auch für humorvolle Momente sorgen – obwohl das Thema Demenz keineswegs leicht ist – taucht die Autorin zugleich tief ein in die bedrückenden Erfahrungen der Verschickungskinder in Heimen. Schwarze Pädagogik aus der NS-Zeit und ihre Folgen für die kindlichen Seelen: Das geht unter die Haut.
Ein Mordfall und viele Fragen
Und was wäre ein Krimi ohne Mordfall? Natürlich gibt es auch einen – und wie soll es anders sein, verstrickt sich Lales Mutter darin. Sie war selbst als Kind auf Föhr verschickt, hat aber nie darüber gesprochen. Den genauen Zusammenhang verriet Turid Müller allerdings nicht. Viele Besucherinnen und Besucher wollten sofort weiterlesen und nutzten schon die Pause, um ein Buch mit persönlicher Widmung zu kaufen. Da die 15 Minuten nicht ausreichten, wurde der Verkauf nach der rund anderthalbstündigen Lesung spontan verlängert – sehr zur Freude der Gäste.
Während der Pause gab es zudem ein kleines Familienspiel der Autorin: Zwei auf Friesisch („Öömrang“) geschriebene Sprüche von Amrumer Friesenbänken sollten frei übersetzt werden. Manches Lustige kam dabei heraus und sorgte für Auflockerung nach den düsteren Kapiteln. Müller wählte diesen Kontrast sehr geschickt.

Nahbar, herzlich – und ein bisschen geheimnisvoll
Am Ende stellte sie sich den Fragen des Publikums. Ob sie jemanden kenne, der als Kind verschickt wurde? Ja – ihre eigene Mutter. Diese habe jedoch zum Glück vor allem positive Erinnerungen an die Zeit, lediglich Heimweh sei ein Thema gewesen. Turid Müller recherchierte intensiv zu diesem dunklen Kapitel und findet es spannend, aus realen Geschichten einen fiktiven Roman entstehen zu lassen.
Zu viel konnte sie nicht preisgeben, ohne dem Buch vorzugreifen. Also bleibt nur: es sich mit „Im Schatten der Insel“ gemütlich machen und selbst herausfinden, wie es mit Lale und ihrer Mutter weitergeht.
„Im Schatten der Insel“ – Turid Müller
PIPER Verlag
ISBN 978-3-492-50746-2
18 €
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

