Auf dem Tisch des Amrum-Archives liegen drei Notizbücher der Jahre 1975 – 1995, 1996 – 2008 und 2009 – 2025, die also genau 50 Jahre Naturgeschehen auf der Insel mit zehntausenden von Daten, vorwiegend aus der Vogelwelt, umfassen. Aber auch Vorgänge aus der übrigen Tierwelt – Säugetiere, Amphibien, Seegetier, Insekten – sind notiert und sind die Grundlage für Jahresübersichten über die Entwicklung der Inselnatur gewesen, so auch für das Jahr 2025.
Seit Jahren werden in der Brutzeit von den hiesigen Naturschutzvereinen und von freiwilligen Naturfreunden die so genannten „Möwenzählungen“ durchgeführt. Die Zählung erfolgte am 29. Mai 2025 und ergab, wie schon in den vorherigen Jahren, als häufigsten Brutvogel auf Amrum die Heringsmöwe. Gezählt wurde durch das Begehen der Insellandschaften im Naturschutzgebiet Amrumer Dünen sowie der übrigen Bereiche, die als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen sind.
Im NSG Amrum-Odde wurden die Vögel durch Drohnen ermittelt. Erfreulich, dass mit einigen Brutpaaren der Große Brachvogel im NSG Amrumer Dünen an 1 – 2 Brutplätze notiert werden konnte, das eine Paar schon seit etwa 20 Jahren in der Nähe des Quermarkenfeuers. Aber ansonsten erfasst die Liste nur die Anwesenheit der jeweiligen Vogelarten im Brutgebiet, nicht die Anzahl der Brutpaare. Beispielsweise hat nach den jahrzehntelangen Erfahrungen des Verfassers in einer optisch dicht besiedelten Möwenkolonie nur etwa die Hälfte der dort anwesenden Möwenpaare eine Brut mit Eiern und Jungvögeln.
Im NSG Amrum-Odde konnten auf den Drohnenfotos 32 Löffler gezählt werden. Dieser eigentlich in Südeuropa beheimatete Vogel brütet erst seit dem Jahre 2018 auf Amrum (auf dem Vorland von Midlum auf Föhr derzeit schon eine Kolonie von etwa 50 Löfflerpaaren).
Seit 1999 brütet auch die größte Möwenart, die Mantelmöwe, im NSG Amrumer Dünen. Möwen treten in der Regel nach erster Ansiedlung und Bildung von Kolonien in Massen auf (siehe Heringsmöwe). Aber bei der Mantelmöwe ist es bei wenigen Paaren geblieben. Die Möwenzählung 2025 meldet nur 11 im Brutgebiet Anwesende, und diese haben auch keine Kolonie gebildet, sondern in kilometerweiten Abständen ihre Brutplätze ausgewählt. Dafür aber halten die Mantelmöwen Jahrzehnte am Brutplatz fest, machen oft Jahre an immer derselben Stelle ihr Nest. Ortstreue wurde besonders bei einem Paar in den Süddorfer Dünen festgestellt. Seit dem Jahr 2000 ist hier ein Revier besetzt, und weil die Mantelmöwe als Brutvogel auf Amrum so selten ist, wurde die Brut in den ersten Jahren durch den Verfasser mit einem Hinweis an die Möweneiersammler markiert. Ebenso wurde die Brut bis zum Flüggewerden der Jungen kontrolliert. Und dann das Erstaunliche und kaum Erklärbare: Nach einigen Jahren erkannte die Mantelmöwe, vermutlich das revierbewachende Männchen, den Verfasser, kaum dass dieser das Dünengelände betrat, auf etwa einen halben Kilometer Entfernung vom Brutplatz und kam mit warnendem „kuo kuo gok gok“ (etwas tiefer als die Stimme der Silbermöwe) herangeflogen und begleitete ihn bis zum Brutplatz, machte allerdings nur schwache Sturzangriffe, anders als sonst bei Großmöwen üblich. Und es kommt noch verrückter: Als vor einigen Jahren der Jäger und Naturkenner Gerhard Gerrets die Beobachtung dieses auf Amrum seltenen Brutvogels übernahm, wurde auch er bald von der Mantelmöwe erkannt und „begrüßt“ – unfassbar, wie ein Vogel aus den Menschenmengen auf dem Süddorfer Strandweg und auf dem Kniepsand sowie dem Wald-Dünenweg zum Leuchtturm mit täglich Hunderten von Wanderern eine bestimmte Person wiedererkennt!
Lachmöwen – gekommen und wieder verschwunden
Die erwähnte Möwenzählung nennt auch Larus ridibundus mit 57 Exemplaren an den Amrumer Küsten. Es handelt sich aber nicht um Brutpaare, denn diese kommen auf Amrum nur noch vereinzelt vor. 2025 notierte der Verfasser am Wattufer von Norddorf nur noch 1 – 2 Brutpaare. Damit wird eine Entwicklung dokumentiert, für die es keine Erklärung gibt. Die Lachmöwe war ursprünglich eine Binnenlandmöwe in Feuchtgelände. Die Kultivierung dieses Lebensraumes verdrängte die Lachmöwen dann an die Küsten, und etwa ab dem 20. Jahrhundert waren Nord- und Ostseeküste nebst den Inseln und Halligen die häufigsten Brutplätze von Larus ridibundus. Auf Amrum erfolgte die Besiedelung gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Auf dem Salzwiesenvorland am Norddorfer Wattendeich bildeten sich Brutkolonien mit bis zu 100 Brutpaaren. Aber auch auf dem Kniepsand, in einem Heidetal mit Wassertümpeln in den Wittdüner Dünen, in den Süddorfer Dünen in Nachbarschaft zu Sturmmöwen-Kolonien und Küstenseeschwalben (offenbar zum Schutz gegen Silbermöwen) sowie auf Inselchen in den Teichen der Amrumer Kläranlagen brüteten Lachmöwen in kleinen und großen Kolonien, auf Amrum insgesamt etwa 200 – 300 Brutpaare.
Anders als ihre größeren Verwandten treten Lachmöwen nicht als empfindliche Bruträuber auf. Eher erbeuten sie mehr im Vorbeiflug auch kleine Kiebitze und Seeschwalben, leiden aber selbst nicht selten empfindlich unter der Raublust größerer Möwenarten. Beispielsweise flog im Juni 1999 eine Mantelmöwe in die Kolonie am Wattufer bei Norddorf und erbeutete, ohne sich um die Abwehr und das Geschrei der Lachmöwen zu kümmern, einen schon halb erwachsenen Jungvogel, konnte diesen aber wegen dessen Größe nicht hinunterschlingen und flog dann wieder ungehindert in die Kolonie, um einen kleineren Jungvogel zu erbeuten. Und am 3. Juni 2000 wurden in einer Kolonie mit knapp 70 Brutpaaren auf dem Kniepsand in einer Nacht 26 Brutvögel von einem Fuchs totgebissen, so dass die Überlebenden ihre Brut fluchtartig verließen und geschlüpfte Jungvögel verhungerten.
Immer wieder wurden die Lachmöwen-Kolonien aber auch auf den Salzwiesen am Norddorfer Wattendeich durch „Land unter“ bei Sturmfluten betroffen, wodurch Hunderte von Gelegen und Jungvögeln vernichtet wurden. Etliche Kolonien bestanden nur einmal und wurden dann wieder aufgegeben. So auch das jahrzehntelang bestehende Brutvorkommen auf den Norddorfer Salzwiesen. Und seit drei, vier Jahren kommt die Lachmöwe nur noch mit Einzelpaaren vor. Warum diese Art Amrum wieder aufgegeben hat, bleibt rätselhaft.
Georg Quedens
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