Eiderenten verlassen Amrum, Brandgänse brüten nicht mehr
Amrum ist seit Jahrhunderten die Insel der Seevögel. Fast das gesamte Dünengebiet der beiden Naturschutzgebiete Amrumer Dünen und Amrum Odde wird im Frühjahr und Sommer für Brutplätze genutzt. Und mit über 1000 Brutpaaren von Herings-, Silber und Sturmmöwen sowie einigen Paaren der großen Mantelmöwe sind Möwen auch die häufigsten Brutvögel auf der Insel. In früheren Jahrhunderten spielten Möwen auch für die Ernährung der Inselbevölkerung eine Rolle, lieferten sie doch Mengen von Eiern (ein Möwenei hat den doppelten Inhalt eines Hühnereies). Aber seit einigen Jahren wird die Dominanz der Möwen verdrängt durch die Wildgänse, den arktischen Wintergästen Nonnen- und Ringelgänsen sowie den einheimischen Graugänsen.
Nonnengänse, auch Weißwangengänse genannt, waren noch vor wenigen Jahren so selten, dass sie europaweit unter völligem Naturschutz gestellt waren. Auf Amrum kamen sie nur als seltene Irrgäste vor. Doch dann explodierten die Mengen dieser Art regelrecht, erkennbar durch übermäßige Nachwuchsraten, offenbar begünstigt durch die Erwärmung des Erdklimas, insbesondere in der Arktis, und entsprechender Vegetation.

Auf Amrum treffen die Nonnengänse schon im August/September ein und fliegen erst Mitte Mai wieder ab. Damit bevölkert die Nonnengans die Insel rund ein halbes Jahr lang und verursacht in der Landwirtschaft gravierende Probleme. Es werden nicht nur Wiesen und Felder kahlgefressen, sondern auch durch Gänsekot derart verschmutzt, dass sie für die Landwirtschaft nicht vor Sommermitte nutzbar sind. Durchschnittlich 3000 Nonnengänse, nach anderen Schätzungen bis zu 5000, bevölkern die Insel. Dazu kommen – ebenfalls als arktische Wintergäste – die Ringelgänse. Diese sind schon seit Urzeiten auf Amrum bekannt und spielten früher als Jagdwild eine beachtliche Rolle. Ringelgänse erscheinen aber erst auf dem Rückzug zu den Brutgebieten im Februar/März und sind Mitte Mai zusammen mit den Nonnengänsen verschwunden.
Die Zahl dieser Gänse wird auf bis zu 500 Tiere geschätzt. Jäger und insbesondere Landwirte, die über Gänseschäden bis zur Existenzaufgabe klagen, drängen schon seit Jahren auf die Aufhebung des Naturschutzes für diese beiden Arten und die Neuaufnahme einer Jagdzeit. Aber angesichts der Gänsemassen würden selbst Abschüsse von einigen Hundert Vögeln eine kaum spürbare Entlastung bringen. Die Wildgänse werden ja von Schrotkugeln nicht satt. Sie würden aber unruhig umherfliegen, andere landwirtschaftlich genutzte Flächen aufsuchen und ihren Nahrungsbedarf durch das Herumfliegen um einiges erhöhen. Ein anderes Problem: Als Zugvögel mit jährlich Tausenden von Flugkilometern eignen sie sich nicht mehr als Wildbret. Ihr Muskelfleisch ist so fest, dass es sich nach Aussage älterer Insulaner im Ofen sozusagen in “Briketts” verwandelt.
Probleme verursachen aber auch die Graugänse als Standvögel. Sie haben sich seit ihrer Aussetzung auf Amrum im Jahre 1973 auch auf nahezu eintausend Exemplare vermehrt (die Liste der Möwenzählung 2026 nennt 830 Tiere), und Graugänse sind fast ganzjährig anwesend.
Die Graugans gehört also seit über 50 Jahren zu den Brutvögeln der Insel Amrum, ursprünglich als Ziergeflügel von Menschenhand in der Vogelkoje Meerum “eingebürgert”. Graugänse treten nicht mit den Massenscharen ihrer aktischen Verwandten auf, sind allerdings paar- und familienweise über alle Insellandschaften verbreitet, auch dort, wo keine Teiche oder Tümpel in der Nähe sind. Und eine Graugans legt nur 5-6 Eier, aber durch die intensive Betreuung der Brut durch die in lebenslanger “Ehe” lebenden Elternvögel werden fast alle Jungvögel flügge, so dass sich eine starke Vermehrung dieser Art ergibt. Mit dieser Eigenschaft sind auch die Graugänse ein Problem für die Amrumer Landwirtschaft geworden.
Graugänse dürfen in der Bundesrepublik bejagt werden, und zwar schon ab 1. August, bis zum 15. Januar sowie einem neuerdings verlängerten Termin. Doch sind in diesen Wintermonaten kaum Graugänse bei uns im Lande. Um die Vermehrung in Grenzen zu halten, wurden im Revier Norddorf jährlich fast 2000 Grauganseier durch die Jagdpächter abgesammelt. Das sind die Gelege von fast 500 Brutpaaren. Aber dann entdeckten die Naturschutzbehörden, dass der Großteil der Gelege im Naturschutzgebiet Amrumer Dünen eingesammelt wurde und verboten im Brutjahr 2025 jegliches Eiersammeln, um das Naturleben im NSG nicht zu stören. Die Tatsache, dass Graugänse schon ab Anfang März ihr Gelege machen und andere Vögel, deren Brut erst ab Ende April, Anfang Mai erfolgt, gar nicht gestört würden, war in studierten Kreisen offenbar nicht bekannt. Resultat: im Brutjahr 2025 gab es im Revier Norddorf derart viele Grauganspaare mit Nachwuchs, dass “höheren Orts” die Regelung, den Nachwuchs durch Eiersammeln zu regulieren, als die beste aller Möglichkeiten erkannt und die Erlaubnis (mit Auflagen) erteilt wurde, Graugansgelege bis auf ein bis zwei Eier abzusammeln.
Bedingt durch das Sammelverbot im Brutjahr 2025 kamen fast täglich Gänsefamilien auf der Wanderung aus den Dünen zur Norddorfer Marsch in das Dorf und verursachten unter Gästen und Einheimischen einen erheblichen Aufruhr bei dem Versuch, die Wildgänse zu den Wiesen und Wasserstellen in der Marsch zu leiten.
Der Absturz des Amrumer Wappenvogels
Wappenvogel der Insel war in früheren Zeiten die Eiderente. Hier war das südlichste Brutvorkommen dieser Art, und sie war in den 1930er Jahren der Anstoß für die Erklärung der Amrumer Odde zum Naturschutzgebiet. Noch in den 1980er Jahren bevölkerten Eiderenten als Brutvögel die Insel (mit Ausnahme der Feldmark) und insbesondere die Ostküste mit dem Wattenmeer als Aufzuchtgebiet für die Jungen. An den Stränden von Wittdün und Steenodde zählte man “Kindergärten” mit bis zu 500 Jungen, und in der Vogelkoje brüteten mehr als 50 Eiderenten in Form regelrechter Kolonien, ebenso in der Norddorfer Marsch an den dortigen Wasserkuhlen.

Aber dann verschwanden die Eiderenten still und fast unauffällig als Brutvögel aus der Insellandschaft und waren nur noch in den Dünen längs der Wittdüner Südküste und auf der Odde anzutreffen. So auch im Jahr 2025. Hier wurden um den 20. Mai erste kleinere Kindergärten notiert, die aber bald verschwunden waren. Karsten Schult beobachtete, dass – wie bereits in früheren Jahren – Silbermöwen erfolgreich den Nachwuchs erbeuteten. Aber auch anderen Prädatoren müssen für die Verluste verantwortlich sein. In Verdacht geraten dabei auch Seehunde. Fazit: Die Eiderente ist dabei, ihr Stammland als Brutvogel zu verlassen, hat sich dafür aber auf fast allen Inseln und Halligen an der Nordseeküste etabliert.

Die auffällig – unauffällige Abwanderung der Eiderenten von Amrum ist das eine Problem der insularen Vogelwelt – ein anderes ist das “Nichtbrüten” der Brandgänse, der “Beraganen”. Brandgänse bevölkerten früher wie heute zu Tausenden das Wattenmeer zwischen Amrum und Föhr, besonders konzentriert in der Bucht am Norddorfer Deich. Ebenso sind im Frühjahr/Sommer die Wasserkuhlen in der Marsch von Brandgänsen besetzt. Und ab Juni/Juli müssten Hunderte von Brandganspaaren mit ihren Jungen im Watt erscheinen. Aber seit etlichen Jahren das gleiche Bild: Nur einige wenige Paare tauchen am Amrumer Wattufer auf. Allen anderen verzichten auf eine Brut! Theoretisch dürfte kein Mangel an Bruthöhlen sein, zumal die dafür zuständigen Wildkaninchen durch RHD (Chinaseuche) laufen dezimiert werden. Der Jäger und Naturkenner Gerhard (Geke) Gerrets aus Süddorf vermutet, dass möglicherweise Hohltauben und Dohlen die Bruthöhlen besetzen, deren Brutzeit etwas früher beginnt. Inbesondere die Dohlen haben sich auf Amrum in den letzten Jahren sehr vermehrt. Aber wenn eine Brandgans brüten will, dann würde sie schon irgendeine Nothöhlung finden.
Georg Quedens
2026 Urheberecht beim Verfasser
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

