Drag, Chanson und Apfelkuchen

Ein ungewöhnlicher Konzertabend lockt rund 100 Gäste in die Wittdüner Kapelle. Dragqueen Eva Adamski verbindet scharfen Humor mit klugen Chansons und großer Bühnenpräsenz. Am Ende bleibt vor allem ein Lied in Erinnerung.

Bis auf den letzten Platz besetzt: Rund 100 Gäste kamen zur Dragshow in die Kapelle

Höchsten Besuch bekam Amrum vergangenen Dienstag: Die Königin war zu Gast und machte der kleinen Wittdüner Kapelle ihre Aufwartung. Die Königin von… ? “Die Königin des urbanen Köln!”, wie der ehemalige Sylter Lehrer und Theaterpädagoge Ulrich Siering Eva Adamski ankündigte. Was sie hier auf Amrum mache, wisse er auch nicht. Aber er kenne sie bereits seit ihrer Geburt – und lernte sie damals als Naturmystikerin kennen. Und Natur und Amrum, das passe ja wieder.

Eine Königin in der Bunten Kapelle

Eva Adamski, die royale Bühnenfigur des 1966 geborenen Lehrers Asmus Ring, ist Moraltheologin, Melancholikerin und Chansonsängerin. Und die Gäste in der Kapelle an jenem Abend von ihrem Können zu überzeugen, wird dann wohl auch der Hauptgrund ihres Besuchs auf der Insel gewesen sein. Gut eine Stunde lang gab Eva Adamski Stücke aus ihrem neuen Programm “Lieder für die Krise” zum Besten. “Na das kann ja heiter werden”, kommentierte sie den Titel selbst, “aber ihr wusstet ja, worauf ihr euch einlasst!”

Gefühlvoll und mitkräftiger Stimme begeisterte Eva Adamski am Klavier.

Ein Abend für den guten Zweck

Organisiert wurde dieser Abend erneut vom Verein Bunte Kapelle, der sich ehrenamtlich um den Erhalt und die Sanierung der kleinen Wittdüner Kirche bemüht. Neue Buntglasfenster und ein Holzfußboden seien der Traum und das Ziel des aktuell zwölfköpfigen Vereins. Spendenfinanzierte Veranstaltungen wie Konzerte, Lesungen, Podiumsdiskussionen oder Büchertauschnachmittage sollen zur Finanzierung beitragen. Und dabei schlägt die Bunte Kapelle eben auch mal ganz neue Wege ein. Der Abend mit Eva Adamski war wohl die erste Dragshow, die die Insel bislang erlebt hat. Dass die Idee ausgerechnet von der früheren Pastorin Thurid Pörksen stammte und der Abend zudem nur drei Tage nach dem furchtbaren Anschlag auf den Berliner CSD stattfand, kann als dreifaches Zeichen für Freiheit sowie die Achtung der Menschenrechte und Menschenwürde auf der Insel gedeutet werden.

Handtuch statt Diadem: “Ich bin eine hochaktive Transpiratorin.”

Zwischen Witz und Melancholie

Rund 100 Gäste waren der Einladung gefolgt, Eva Adamskis “breiten Repertoire an frischen Liedern; einer Mischung aus tief- und irrsinniger Chansonkunst, Singer-Songwriter-Charme und Piano-Pop-Glitzer”, wie es auf ihrer Webseite steht, zu lauschen. In einer langen, schwarztransparenten Tüllrobe mit Goldstickereien, einem apfelgrünen Seidenschal, jeder Menge Schmuck und einer goldenen Kopfkette mit Rubin auf der Stirn schwebt die selbsternannte “Königin in Moll” nahezu ans Klavier im Altarraum. Und eröffnet das Konzert mit dem titelgebenden Werk:

“(…) Moll ist toll und ich bin voll, voller Charme und Expertise.

Ich bin die Königin in Moll. Bring euch Lieder für die Krise.

Auch wenn das melancholisch klingt, von Trübsal keine Spur!

“Und wenn’s mal richtig richtig traurig wird, dann wird’s für euch ein Lied in Dur.”

Von Trübsal und Traurigkeit ist bei Eva Adamskis Programm wirklich keine Spur. Auf jeden Titel folgt eine äußerst heitere Zwischenmoderation. Frech und selbstironisch erzählt Adamski von ihren Erlebnissen auf der Insel (“Bei DEM Strand hatte ich nahezu saharische Gefühle und habe mir ein Dromedar gewünscht!”), von ihrem Leben als Lehrer (“Ich bin teilzeitprostituierte CEO der 7G an einer städtischen Gesamtschule.”), ihrem Hobby Plogging (“Joggen und Müllsammeln. Aber hier auf Amrum habe ich ja überhaupt nichts zu tun!”) oder ihrer “Familie” (“Ich hatte sowas ähnliches wie Kinder: zwei Langhaarkatzen. Und Leute, ich verstehe euch, man macht sich ja sooo viele Sorgen. Wann kommen sie nach Hause? Werden sie gemobbt? Oder wählen sie die AfD?!”). Schon nach dem zweiten Titel hatte sie außerdem ihr royales Diadem gegen ein lindgrünes Handtuch getauscht, da sie “eine hochaktive Transpiratorin” sei. “Am Ende der Schöpfung hatte Gott noch ein paar Schweißdrüsen übrig und dachte sich, die gibt er der Königin.”, scherzt Adamski.

Der ganze Abend ist eine Mischung aus solchen humorvollen Geschichten, geistreichen Texten, kräftigem Gesang und dem virtuosen Klavierspiel von Eva Adamski.

Bei ihrem, wie sie selbst sagt, größten Hit “Nimm mich hinter der Mülltonne”, schaut Eva Adamski entschuldigend zum gekreuzigten Jesus im Altarraum. Es sei weniger biografisch, mehr eine Hymne an die menschliche Vereinigung – auch untenrum. Wieder viel Gelächter in der Kapelle.

Zwischen den einzelnen Stücken gab Eva Adamski unterhaltsame Anekdoten zum Besten.

Der Apfelkuchen als Höhepunkt

Nach einer kurzen Pause, in der sie genüsslich eine Banane mampft und mit vollem Mund weiter plaudert (“Ich war ja vor 30 Jahren schon mal hier, aber da gab’s noch weniger Reet. Wann ging das eigentlich los? Damals hatten die Dächer noch Ziegel!”), folgen noch zwei weitere Titel – und schließlich der Höhepunkt des Abends: “Ein solipsistisches Dramolett in drei Teilen über ein äußerst diverses Thema”, kündigt Adamski diesen Abschluss bedeutungsvoll an, “das Lied heißt Apfelkuchen”. Erleichtertes Lachen bei allen, die gerade noch versucht waren, die verheißungsvolle Ankündigung intellektuell aufzudröseln. In dieser Ode an einen Klassiker des Backwerks, besingt Eva Adamski die Überforderung der heutigen Zeit mit einer eigentlich einfachen Aufgabenstellung. Die Webseite Chefkoch liefere 5783 Rezepte für “Apfelkuchen”, die Adamski beinahe alle in einer Geschwindigkeit herunterrattert, dass man sich als Zuhörer nicht nur fragt, wie man so schnell ohne Zungenkrampf sprechen, sondern auch, wie man sich diese ganzen Rezeptnamen merken kann! Der Titel endet mit einer völlig vom Internet überforderten und erschöpften Adamski, die schließlich zum guten alten Dr. Oetker-Backbuch greift. Was für eine Metapher!

Mit viel Applaus und Jubelrufen endet dieser einmalige Abend nach einer guten Stunde. Die Zugabe “Ohne Dich”, eine druckreife Liebeserklärung an einen Menschen, ohne den man nicht leben möchte, bildet einen wunderschönen emotionalen Abschluss. Hoffentlich wird es nicht das letzte Mal gewesen sein.

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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