In der Chronik der Volksschule Nebel lesen wir unter dem Datum des 29. März 1936 in einem Rückblick: “Die gesamte Bevölkerung von Amrum stimmte bei der Reichstagswahl (en) einstimmig für den Führer”, aufgeschrieben von dem als Lehrer in Nebel wirkenden Volkert Wögens (auf Amrum genannt “Volle Wup”), der von 1935 bis zum Oktober 1942 Lehrer in Nebel war und dann in sein Föhrer Heimatdorf Utersum zurückkehrte. Volle war, wie andere auf Föhr und Amrum wirkende Lehrer, ein strammer Nazi. Und es wimmelte in der Anfangszeit (vor Judenverfolgung und Weltkrieg) von Zustimmung, ja gläubiger Begeisterung für den “Führer” und seine Partei. Denn die Nazis waren mit der Regierung seit 1933 furios gestartet, Überwindung der Wirtschaftskrise, Autobahnbau in “Großdeutschland”, Deichbau, Küstenschutz und Verbindungsdämme in Nordfriesland, Förderung des Fremdenverkehrs durch die Organisation “Kraft durch Freude”, Kindergärten in Nebel und Norddorf für die Entlastung der Mütter, Naturschutz durch entsprechende Gesetze (auf Amrum das NSG Odde, das Listland und Morsum-Kliff auf Sylt), Arbeit für alle nach dem Elend der Weltwirtschaftskrise um 1930. Das musste der Bevölkerung imponieren und erklärt die hohe Zustimmung für die Naziregierung. Besonders in Nordfriesland war diese Zustimmung hoch, und fast am höchsten auf Amrum.
Aber es gab auch “Stimmenthaltungen”, ja sogar offene Ablehnung, so dass die Aussage des Lehrers Wögens wohl nicht ganz zutreffend war. Beispielsweise betrieben in Norddorf die Familien Schult (nicht die mit –dt), das Ehepaar Reese (Hotel Hüttmann) und die Familie Matthies Bendixen eine mehr oder weniger deutliche Abstinenz zur “Bewegung” und in Nebel der Maurer Louis Kölzow eine unverhohlene Opposition.

Louis Kölzow stammte aus Rostock. Dort am 5. November 1973 geboren, wanderte er nach der Maurerlehre Anfang der 1890er Jahre nach Amrum ein. Hier war eben nach 1890 die Gründung von Seebädern erfolgt, auf Wittdün entstanden noble Hotels einer Aktiengesellschaft, in Norddorf die Seehospize durch die Westfälische Diakonissenanstalt Bethel und an der Satteldüne bei Nebel ein feudales Kurhaus durch eine Gesellschaft aus Wandsbek in Hamburg.
Für Maurer gab es also auf der Insel viel zu tun, umso mehr, als es auf Amrum an Handwerkern fehlte, weil die männliche Bevölkerung ganz einseitig auf die weltweite Seefahrt ausgerichtet war oder gleich nach der Konfirmation nach Amerika auswanderte.
Die Einwanderung von Handwerkern wurde aber nicht nur von den Bauunternehmern, sondern auch von der Inselweiblichkeit begrüßt. Seefahrt und Auswanderung hatten nämlich die Insel von jungen Männern empfindlich entblößt, und Frauen hatten es schwer, einen Mann zu finden.
Dieser Zustand wurde durch die Seebadgründungen erheblich abgemildert – und auch Louis Kölzow fand bald eine Braut. Er heiratete am 1. Juli 1894 die Tochter Dora des Bäckermeisters Tycho Martensen in Nebel und hatte mit ihr nicht weniger als 16 Kinder, darunter dreimal Zwillinge. Aber fast alle starben bei oder bald nach der Geburt. Nur wenige erreichten das Erwachsenenalter und gründeten Familien.
Dazu gehörten die Familien Petersen in Nebel und Kölzow in Norddorf. Hier machten sich Theodor (“Tewe”) als Bauunternehmer und sein Sohn Heinrich (“Theo-Heini”) als Architekt (Haus Burg, Raiba in Nebel u. a.) einen Namen.

Die große Familie von Louis und Dora Kölzow wohnte in Nebel in einem ganz kleinen Haus an der Söderjaat. Das Wohnen in diesem Häuschen war sicherlich nur deshalb möglich, weil die meisten Kinder früh starben. Ihr Tod wurde aber nie von einer zuständigen Behörde untersucht. Man munkelte im Dorf, dass “schlechtes Wasser” die Ursache war, denn an etlichen Häusern im alten Amrum lagen Brunnen und Klärgrube des Viehstalles dicht nebeneinander.
Louis Kölzow und seine Frau Dora geb. Martensen waren das kinderreichste Ehepaar auf Amrum. Aber die Familie wurde zeitlebens belastet durch die Trunksucht des Vaters, der auch den größten Teil der geerbten Ländereien seiner Ehefrau vertrank. Erst auf dem letzten Grundstück legte die Mutter Dora ihren Daumen, und auf diesem Grundstück am Südwestrand von Nebel konnten die Enkel in den 1960er Jahren Häuser bauen.
Natürlich war Louis auch in der Freiwilligen Feuerwehr. Ein Gruppenfoto zeigt ihn im Jahre 1929 mit Helm und Uniform in der ersten Reihe. Aber auf einem Foto zum 50jährigen Bestehen der Wehr im Jahre 1937 ist er nicht mehr zu finden – vermutlich schon ausgeschlossen, weil er sich nicht dem damals in Nebel im Überschwang stehenden Nazi-Fimmel beugen wollte. Auch das Gemeindeprotokoll meldet den Ausschluss von Louis aus der Feuerwehr. Denn in dieser Hinsicht machte der Maurer aus Rostock in Nebel Geschichte. Er gehörte zu den ganz Wenigen, die sich offen und mutig gegen die Nazi-Narretei wehrten und sich dabei großer Gefahren für Leib und Leben aussetzten.
Als er eines Tages mit zwei Arbeitskollegen auf einem Bau in Arbeit war, ließ er laut hörbar einen Pups fliegen und kommentierte dies mit: “Der kam direkt aus dem Braunen Haus”. “Braune Häuser” nannte man ganz offiziell solche Häuser in Dörfern und Städten des Deutschen Reiches, die den Nazi-Organisationen für Versammlungen und Kundgebungen dienten. In Nebel war dies die Gaststätte “Erholung” mit Moritz Lander als Gastwirt, der noch im hohen Alter lauthals verkündete: “Ich wähle Deutsch-National”.
Die beiden Kollegen, der eine, Karl “Büsse” Flor, fanatisch auf den Führer orientiert, kochten vor Wut über die Beleidigung ihrer “Bewegung” aus dem Hintern von Louis. Und es blieb nicht bei dieser einen Verspottung. Die im Reich bekannte Parole “Führer befiehl, wir folgen” ergänzte Louis Kölzow: “Aber nur bis zur Wittdüner Brücke”. Die Gestapo war, vermutlich nach Anzeigen aus der nazitreuen Bevölkerung Nebels, bei einigen Anlässen bei Louis im Haus, aber er blieb unbeschadet. Auch der Pups aus dem Braunen Haus hatte nicht die von den Kollegen erhoffte Konsequenz. Möglicherweise hat auch die Gestapo darüber gelacht, oder die rechte Mehrheit im Dorfe hat Louis als Kuriosum akzeptiert. Nur einmal wurde ein Übergriff registriert. Als Louis mit seinen Enkeln und seinem kleinen Boot am Wattufer von Nebel einen Ausflug machen wollte, war das ganze Boot über und über mit Hakenkreuzen “verziert”. Diese waren mit schwarzem Teer aufgemalt, und es dauerte Tage, das Boot wieder sauber zu bekommen. Der Enkel Theodor Heinrich (Theo Heini) hat diese Geschichte aufgeschrieben, aber es ist in seiner Chronik der Nazijahre die einzige Nachricht über seinen Großvater und dessen mutigen Widerstand gegen eine furchtbare, damals vorherrschende Mehrheitsideologie.
Aber Louis Kölzow litt an Ansehen auch wegen seiner Trunkenheit und einem robusten Auftreten in der Familie, als es einmal um eine Erbschaftsangelegenheit ging, wie Pauline Höfer zu berichten weiß. Er starb am 14. Februar 1962. Eine Würdigung seines standhaften Verhaltens ist aber nie erfolgt.
Georg Quedens 2026
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

