Im Herbst verwandeln sich die Salzwiesen Amrums in ein faszinierendes Farbenspiel: Der Queller leuchtet in kräftigen Rot- und Gelbtönen, während die Blüten der Strand-Aster zahlreiche Insekten anlocken. Doch hinter der farbenprächtigen Kulisse verbirgt sich weit mehr als ein schöner Anblick. Pflanzen und Tiere müssen sich auf Kälte, Sturm und regelmäßige Überflutungen einstellen. Wie überstehen sie die unwirtliche Jahreszeit? Ein Blick auf den Queller, einen erstaunlichen Kleinschmetterling und eine seltene Wildbiene zeigt, welche faszinierenden Überlebensstrategien in der Salzwiese stecken.

Der Queller – vom grünen Pionier zum roten Herbstleuchten
Besonders eindrucksvoll präsentiert sich im Herbst der Queller (Salicornia europaea agg.). Seine roten und gelben Farbtöne leuchten schon von Weitem. Doch warum färbt sich der Queller im Herbst rot?
Der Queller, auch Salzkraut oder Meeresspargel genannt, ist eine Pionierpflanze der Salzwiesen im Wattenmeer. Dank seiner besonderen Toleranz gegenüber Salz und Überflutungen gedeiht er am Übergang zwischen dem Watt und den höher gelegenen Bereichen der Salzwiese. Dort spielt er eine wichtige Rolle bei der Ablagerung von Sedimenten, die mit Ebbe und Flut herangetragen werden.
Da er regelmäßig von Meerwasser überspült wird, nimmt er im Laufe des Sommers viel Salz auf. Um die hohe Salzkonzentration in seinem Gewebe auszugleichen, speichert er zusätzlich Wasser. Dadurch quillt sein Gewebe auf – daher stammt sein Name Queller.
Im Herbst ist der Salzgehalt so hoch, dass die Pflanze abstirbt. Dabei wird das grüne Chlorophyll abgebaut. Sichtbar wird zunächst ein gelber Farbstoff, bevor die Pflanze den leuchtend roten Farbstoff Betacyan bildet. Dieses Pigment kommt im klassischen Herbstlaub von Bäumen nicht vor, ist aber eng mit dem Farbstoff der Roten Bete verwandt. Er erfüllt eine wichtige Funktion: In der Endphase der Samenreife schützt er den Queller vor Licht- und Salzstress.
Meeresspargel – eine Delikatesse aus dem Watt
Kulinarisch Interessierte kennen den Queller auch unter dem Namen Meeresspargel. Die jungen, unverzweigten Triebe sehen im Frühsommer aus wie winzige Spargelstangen. Ihr knackiger Biss erinnert an grünen Spargel, der bissfest gegart wurde. Auch bei der Ernte gibt es eine Gemeinsamkeit: Verwendet werden vor allem die jungen, zarten Triebspitzen.

Ein winziger Schmetterling mit erstaunlichem Lebenszyklus
In den Salzwiesen gibt es zahlreiche Pflanzenarten, die eng mit bestimmten Insekten verbunden sind. Auch der Queller beherbergt einen hoch spezialisierten Bewohner: die Salzkraut-Sackmotte (Coleophora salicorniae).
Der winzige Kleinschmetterling erreicht eine Flügelspannweite von etwa 11 bis 13 Millimetern und ist ockergelb gefärbt. Seine Raupe ernährt sich ausschließlich von Queller. Dabei frisst sie im Inneren der fleischigen Triebe und bleibt von außen zunächst unentdeckt.
Im letzten Stadium ihrer Entwicklung fertigt die Raupe einen charakteristischen Raupensack an, der in Form und Farbe perfekt an die Quellerpflanze angepasst ist. Wenn der Queller im Herbst abstirbt, gelangt der Raupensack mit der Raupe auf die Wattoberfläche. Die Raupe verlässt den Sack, gräbt sich in den Boden ein und verpuppt sich. Im folgenden Sommer schlüpft der Schmetterling.

Die Strand-Aster – ein letztes Blütenmeer im Spätsommer
Den farbenprächtigen Abschluss der Salzwiesenblüte bilden im Spätsommer die großen Bestände der Strand-Aster (Tripolium pannonicum, auch Aster tripolium). Stellenweise reicht ihre Blütenpracht bis in den Oktober hinein.
Die Strand-Aster gehört zur Familie der Korbblütler. Ihre zahlreichen gelben Röhrenblüten sind von hellvioletten, strahlenförmig angeordneten Zungenblüten umgeben. Die Einzelblüten sitzen dicht beieinander in einem von Hüllblättern umgebenen Blütenstand, der wie ein kleines Körbchen aussieht. Daher stammt der Name der Korbblütler.
Auch die Strand-Aster hat Mechanismen entwickelt, um mit dem hohen Salzgehalt ihres Standortes zurechtzukommen. Ihre bodennahen älteren Blätter, in denen sich besonders viel Salz angesammelt hat, wirft sie ab.
Doch die Strand-Aster ist nicht nur eine Augenweide, sondern auch kulinarisch interessant. Ihre jungen, dickfleischigen und leicht salzigen Blätter werden in den Küstenregionen mehrerer westeuropäischer Länder als Gemüse zu Fischgerichten serviert. In den Niederlanden ist das Gemüse beispielsweise unter dem Namen „Lamsoren“ (Lammsohren) bekannt.
Da die Strand-Aster häufig in geschützten Salzwiesen wächst – so auch auf Amrum –, wird sie in der niederländischen Provinz Zeeland für den Verkauf auf küstennahen Feldern angebaut.

Die Strandaster-Seidenbiene – eine seltene Spezialistin
Die späte Blütenfülle der Strand-Aster lockt zahlreiche Insekten an. Zu ihnen gehört eine besonders seltene und hoch spezialisierte Wildbiene: die Strandaster-Seidenbiene (Colletes halophilus).
Sie fliegt von Mitte August bis Mitte Oktober und sammelt Pollen vor allem an der Strand-Aster. Anders als staatenbildende Honigbienen lebt sie solitär: Jedes Weibchen legt sein eigenes Nest an und versorgt seine Brut selbst.
Ihre Nester gräbt sie in offene, sandige Böden der Salzwiesen und Küstendünen. Die unterirdischen Gänge mit ihren Brutzellen kleidet sie mit einem seidenartigen Drüsensekret aus. Diese Auskleidung schützt die Brut besonders in der Salzwiese vor eindringendem Wasser.
Die Nachkommen überwintern als Ruhelarven im Boden. Erst im folgenden Sommer setzen sie ihre Entwicklung fort und verpuppen sich. Zu Beginn der Strand-Aster-Blüte schlüpfen die erwachsenen Bienen und beginnen ihren eigenen Lebenszyklus.

Ein kleiner Lebensraum – eine große Verantwortung
Die Strandaster-Seidenbiene kommt weltweit nur in Mitteleuropa vor. In Deutschland ist sie vor allem an den Küsten der Nord- und Ostsee anzutreffen. Aufgrund ihrer besonderen Bindung an Küstenlebensräume trägt Deutschland eine besondere Verantwortung für ihren Erhalt.
Die herbstlichen Salzwiesen Amrums sind damit weit mehr als ein farbenprächtiges Naturschauspiel. Sie sind ein Lebensraum voller hoch spezialisierter Arten, deren Lebenszyklen eng miteinander verwoben sind. Der rote Queller, die verborgene Raupe und die seltene Seidenbiene zeigen, wie viel sich in dieser Landschaft entdecken lässt – gerade dann, wenn sich die Natur auf den Winter vorbereitet.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

