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Große Protestaktion in Wyk auf Föhr – Amrumer solidarisch…

 

„Wir wollen unsere Kinder hier bekommen und uns nicht vorschreiben lassen, wo wir sie bekommen sollen. Das ist mir auf der Veranstaltung noch einmal so richtig klar geworden“, sagte eine der werdenden Mütter von Amrum, die mit nach Föhr gefahren waren, um für den Erhalt der Geburtsmöglichkeit auf den Inseln zu demonstrieren.

Gut was los...

Gut was los…

Trotz des ziemlich verregneten Wetters am Sonntagmittag nahmen etwa 2000 Menschen an der Kultur- und Protestaktion teil, die mit einem Umzug der Musikfreunde Osterlandföhr vom Sandwall zum Wyker Rathausmarkt begann und von Frauen in Föhrer Trachten begleitet wurde.
„Unsere Traditionen sollen wir pflegen, aber das Wichtigste, unsere Kinder, dürfen wir hier nicht mehr bekommen, obwohl wir alles da haben: Kreißsaal, erfahrene Hebammen und Frauenärzte, Rettungsdienst, Hubschrauber… Das kann doch nicht sein!“

Wir brauchen Inselkinder...

Wir brauchen Inselkinder…

Die Schließung des Kreißsaales wird immer wieder mit einem Gutachten begründet,
das aus vermeintlich personalrechtlichen Gründen bisher unter Verschluss gehalten wird und so den Verdacht nährt, dass die Schließung des Kreißsaals in Föhr nur ein Baustein in einem finanziellen Gesundschrumpfungskonzept für das Klinikum Nordfriesland ist, das der Workflow- und ehemalige Logistikmanager Christian von der Becke als neuer Geschäftsführer der Klinikum Nordfriesland gGmbH umsetzen soll. (Das kleine „g“ vor GmbH steht übrigens für „gemeinnützig“.)

Vereint... die Inselhebammen

Vereint… die Inselhebammen

Wäre der Kreißsaal politisch gewollt, wäre er auch möglich, meint Renate Sieck, eine der Organisatorinnen der Protestaktion am Sonntag.
Aber er ist offenbar politisch nicht gewollt, denn Landrat Dieter Harrsen (Wählergemeinschaft Nordfriesland) und in dieser Funktion auch Vorsitzender des Klinik-Verwaltungsrates folgte der Einladung zum Aktionstag nicht.
Harrsen ließ den Inselboten wissen, dass die Argumente zur Genüge ausgetauscht seien und mittlerweile die Emotionen im Mittelpunkt stünden, unterstrich aber erneut, dass es völlig ausgeschlossen sei, das erforderliche Fachpersonal im Inselkrankenhaus adäquat zu beschäftigen und zu finanzieren, um die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe erfüllen zu können, die von Gerichten für die Beurteilung von Haftungsklagen herangezogen würden.
Auf die Forderungen der Initiative Inselgeburt nach konkreten Lösungsansätzen, die etwaige Mängel beheben oder entkräften, die aus der Insellage resultieren (etwa die Schwierigkeit Blutkonserven vorrätig zu halten oder einen Kinderarzt zu stellen), ging er ebenso wenig ein wie auf die vorhandenen Vorzüge einer guten 1:1 Betreuung durch ein erfahrenes Team von Hebammen und Gynäkologen auf der Insel.

Bauchschau...

Bauchschau…

Geburten, bei denen ein Risiko bestehe, würden sowieso auf’s Festland überwiesen und falls dennoch etwas Unvorhergesehenes unter der Geburt passiere, komme man von den Inseln vielleicht sogar schneller in eine Kinderklinik als manch ein Neugeborenes auf dem Festland, meinen die von der Schließung des Wyker Kreißsaals Betroffenen. Natürlich nicht in Sekundenschnelle, aber 100%ige Sicherheit könne in der Realität sowieso niemand garantieren und wer sein Kind auf dem Festland bekommen möchte, kann dies ja tun. Doch gezwungen zu werden, fernab der Familie zu entbinden und dort schon zwei Wochen vorher in einer anonymen Umgebung auf die Geburt warten zu müssen, sei einfach inakzeptabel.

Die Schirmherrin der Veranstaltung Katja Ebstein, die wegen eines anderen Engagements leider nicht persönlich dabei sein konnte, ließ eine Solidaritätsbotschaft verlesen, und für Alex und Konstantin Rethwisch, den auf Föhr geborenen Sänger der international erfolgreichen Band „Stanfour“, war es eine Herzensangelegenheit, die Aktion mit ein paar Songs zu unterstützen, wie vermutlich für alle, die zum fröhlich-bunten Programm dieses Protestnachmittags beitrugen. Denn es waren wirklich außergewöhnlich viele regional und überregional bekannte Kulturgruppen wie Folk-Baltica-Sängerin Keike Faltings mit ihrer friesischen Gruppe „Kalüün“, das A-capella „Quintettt ohne fünf“, die „Feer Ladies“ und der Männergesangverein Föhr-West, die Tidenhup-Band, die Band „Cruisin for Bruisin“, die Oevenum-Midlumer Trachtengruppe, die Kinder des „Circus Mytilus“, die Hip-Hopper der Eilun-Feer-Skuul, die kleinen Rapper Tom und Nico und andere Inselkinder, die auftraten oder zu Wort kamen. Nicht zu vergessen; der Sketch „Das Beste am Norden kommt noch“.

Stanfour unterstützten die Aktion auf ihrer Heimatinsel

Stanfour unterstützten die Aktion auf ihrer Heimatinsel

41 Geburten gab es seit der Schließung des Kreißsaals auf Föhr. Viele Frauen konnten nicht rechtzeitig auf’s Festland fahren, weil ihre Kinder krank waren oder nicht untergebracht werden konnten. 14 Mal mussten Frauen ausgeflogen werden oder einen Notkaiserschnitt bekommen. Eindrucksvoll schilderten einige Mütter, was ihnen widerfahren ist.

Die Schließung des Kreißsaales werde mehr Notfälle produzieren als sie verhindere,
ist Hebamme Martje Thiesen von der Kreistagsfraktion der Grünen überzeugt und ermutigte die Insulaner, die Gründung eines Geburtshauses in Erwägung zu ziehen. Solidarisch mit dem Ziel, Geburten auf Föhr wieder zu ermöglichen, erklärten sich die Landesvorsitzenden des Hebammenverbandes Margret Salzmann ebenso wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen und Dunsums Bürgermeister Erk Hemsen, der unter großem Beifall an den Widerstand friesischer Frauen erinnerte, die ihre Feinde mit heißer Grütze vertrieben.
Und Hildegard und Sieghard Schmantek, die als Vertreter Bürgerinitiative zum Erhalt des Niebüller Krankenhauses vom Festland angereist waren, um den Protest der Insulaner zu unterstützen, verabredeten für die Zukunft eine enge Zusammenarbeit mit der Initiative Inselgeburt Föhr-Amrum.
Eines wurde am 17.7. in Wyk sehr deutlich: Die Initiative wird nicht aufgeben, und Renate Sieck hat im Inselboten schon angedeutet, wie es weiter geht: „Wir beruhigen uns nicht. Wir wollen nach Berlin!“

 

Fotos: Kinka Tadsen

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Über Astrid Thomas-Niemann

Astrid Thomas-Niemann ist gelernte Schifffahrtskauffrau sowie studierte Sprach- und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre als Schifffahrtsanalystin gearbeitet und lebt seit 2015 in Wittdün. Als junge Frau kam Astrid 1981 das erste Mal auf die Insel und besuchte auf Zeltplatz II die Niemanns aus Hamburg, die Amrum seit 1962 urlaubsmäßig die Treue halten, inzwischen bereits in der 4. Generation.
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