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Flanieren, flanieren, flanieren … Großes Rotary-Fest: Künstler auf Amrum

Dass ein junger Mensch viel Geld hinblättert, um ein feuerwehrrotes Landschaftsbild von Amrums Maler- und Burgenbaulegende Otfried (Pancho) Schwarz zu kaufen, hat Charme! Das Kunstwerk bleibt übrigens auf Amrum. Überhaupt wurde wieder gut verkauft beim “Künstler auf Amrum”-Fest. Wofür die Rotarier der Insel das Norddorfer Gemeindehaus samt Garten zwei Tage lang in ein buntes, feines Kunstquarree verwandelten.

Die Türen waren gerade geöffnet, das Grußwort von Christian Peters, Amrums amtierender Rotary-Präsident, war gerade gesprochen (“Genießen Sie die Kunst!”), da drängelte man sich schon vor den Bild- und Fotowänden. “So schöne Sachen, da brauche ich viel Zeit. Wir kommen morgen bestimmt noch mal”, hörte man von vielen Gästen, die bei der Vernissage am ersten Abend dabei waren. Das besondere an der Atmosphäre ist die Ungezwungenheit, mit der Aussteller und Gäste aufeinandertreffen. Sie treffen sich nämlich wirklich, sie stehen beisammen, sie sprechen sich einfach an, sie erzählen sich ihre Geschichten. Das ist das Riesenplus bei dieser Veranstaltung. So war Otfried Schwarz, der gleich noch eine Skulptur verkaufte, froh, den Fragen nach seiner Gesundheit ein positives Lachen entgegen zu schicken. “Ich kann wieder alles machen, aber langsam.” Nach einem nicht so gesunden Jahr ist das eine schöne Nachricht.

Insgesamt 23 Künstler stellten aus. Darunter ein paar neue. Zum Beispiel der Pariser Franck D. Blady, seit Jahren Kunstlehrer am Internat Luisenlund, der Traumlandschaften erschafft, in dem er aus Zeitschriften Models in abstrakte Farbräume verpflanzt, wo er sie mit sich selbst konfrontiert. “Die Bilder haben mich so berührt”, sagt Evelin Knauß, eine Besucherin, im Gespräch mit Monsieur Blady. Und er, der Amrum bisher noch gar nicht kennt, hat so ein Glück mit seiner Gesprächspartnerin, weil sie nämlich alles kennt und jeden Sommer sechs Wochen kommt, als gute Freundin der auf Amrum lebenden sehr, sehr alten Schauspieler-Dame Elfriede Rückert.

Der größte Teil der Künstler hat Wohnsitz oder Elternhaus auf Amrum: Kai Quedens, Birgitt Sokollek, Georg Dittmar (Crazy Horst-Sänger und Maler), Hilla Randow oder der Hamburger Grafiker Nick Jungclaus, dessen Bilder schöne Namen haben: Auf dem Weg – Lichtjahre – Ideenwechsel – Nah am wilden Himmel. Weiter dabei: Elmar Koritzius, Satteldünen-Kunstpädagogin Katrin Biederstaedt, Öömrang Skuul-Lehrer Rüdiger Seiffert und die Fotografen Jan Dettmering, Fabian Ploppa und Jens Gerdes.

Teilzeit-Amrumer wie der Maler Rüdiger Skadow, Grafiker Tobias Hartmann mit seinen signalfarben lackierten Walen, recycelt aus Meeres-Plastikmüll, Felix Karweick und Holzbildhauerin Ria Bredemeyer, Steffen Ulbrich mit wunderschön zarten Langzeitbelichtungen und Sebastian Dörken, ein Berliner Designer, der abgelöste, von ihrer Unterseite getrennte Polaroids zeigte – eine alte Technik, und der jedes Jahr ein paar Wochen als Sabbatical bei der Norddorfer Surfschule verbringt.

Immer-wieder-gerne-Kommer Almut Büsing und Guna Scheffler, die als Malerin und Steinbildhauerin schon seit Jahren gemeinsam ausstellen und natürlich die Sylt-Berliner Ingo und Annette Kühl. Ingo Kühl blätterte seine Skizzenbücher auf und zeigte begeistert auf das Dachfenster eines alten Hauses in Kampen. “Ein Abbruchhaus, was wir ein paar Jahre bewohnen durften. Da habe ich vom Fensterbrett aus die schönsten Bilder gemalt, und meine Frau gab unten Malkurse.” Und weil die schöne Feststimmung schöne Geschichten hervorbringt, wird diese auch noch erzählt: Kühls Vater hatte sich jahrelang sommers wegen einer Atemwegserkrankung seines kleinen Sohnes als Polizei-Bäderdienstler auf Amrum verdingt. Von hier aus ging der letzte Brief von Kühls Mutter auf die Reise. “Sie starb, als ich vier Jahre alt war”, erzählt Ingo Kühl. “Den Brief habe heute ich.”

Rotarier Freddie Flor war als Erfolgs-Klebepunkt-Beauftragter ständig unterwegs, um die Verkäufe mit Rotary-Logo zu markieren und in sein kleines, schwarzes Büchlein zu notieren. Von den Erlösen spenden die Künstler dem Club – “für unsere Dienste oder ihre Glückseligkeit”, sagt Flor und lacht. Die Rotarier schieben damit wieder neue – auch internationale ­–­ Projekte an. Wenn das Geld, wie in einem Fall, weit nach Afrika zugunsten einer deutschen Waisenstiftung in Burkina Faso fließen soll, dann bringt die rotarische Gepflogenheit, neue Projekte immer in der Nähe eines der anderen Clubs zu initiieren, den großen Vorteil der soliden Kontrolle hinsichtlich Mittelverwendung und Zielstrebigkeit. “So wissen wir immer, was gerade Sache ist, und können entsprechend reagieren”, sagt Flor. Zu den neuesten Amrumer Projekten gehört die Unterstützung der Öömrang Skuul in Sachen EDV und Schüler-Ganztagsbetreuung sowie im letzten Jahr die Anschaffung eines Regatta-Piraten für Amrumer Segelkinder. Bildungsprojekte liegen dem Club am Herzen, weshalb man sich zum Beispiel in Lüneburg gerade um die Nachschulung von Kindern kümmert, die dadurch ihren Hauptschulabschluss schaffen können. Die Erlöse aller Weihnachtsaktivitäten gehen übrigens traditionell in ein riesiges Projekt zur (erfolgreichen!) Bekämpfung der Kinderlähmung: “End Polio Now” ist das größte, gemeinsame Engagement aller Rotary-Clubs weltweit, mit Partnern wie der Weltgesundheitsorganisation, UNICEF oder der Bill & Melinda Gates-Stiftung.

Zurück zum Fest mit scharfer Überleitung: Der feine Wein, das feine Essen – so hübsche Kuchen, und was für exzellente Burger!, die schöne Piano-Musik von Lenard Streicher (kommt zum Weinfest wieder) und Rüdiger Sokollek ließen die Gäste flanieren und flanieren. “Das ist unsere zehnte Runde”, sagt ein Paar. “Wir sehen immer wieder was Neues.” Ebenfalls Rotary-Usus ist der Besuch der Veranstaltungen anderer Clubs. “Wir erfüllen so aufs Angenehmste unsere Präsenzpflicht”, sagt Stefan Conrads, der mit seiner Frau vom Rotary-Club Solingen-Klingenpfad angereist war. Ihm gefielen besonders die Fotos der Strandburgen bei Nacht, ein Sujet auf das sich der Wahl-Wittdüner Jens Gerdes spezialisiert hatte.

Auch Amrums Leuchttürme und -feuer waren naturgemäß Gegenstand vieler Kunstwerke. Jan Dettmerings Norddorfer Quermarkenfeuer unter Sternenhimmel wirkte auf dem Textildruck-Untergrund (“ein Experiment und verkauft”) derart realistisch, dass er viele Fragen zur Entstehung beantworten durfte. Fabian Ploppas Leuchtturm-Rakete war als gut gemachter Fake auf jeden Fall ein Hingucker und Tobias Hartmanns Leuchtturm-von-unten-Bild lockte bei manchen Insulanern alte Erinnerungen hervor: “Genau so war das, wenn wir als Jugendliche mit den Füßen am Turm im Gras-Bett lagen und hoch guckten. Dann drehte sich der Himmel – und nicht das Licht.”

Tschüs bis zum nächsten Jahr! Und dann erstmals mit komplettem Gruppenbild. Denn leider fehlen dieses Jahr doch ein paar Künstler.

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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