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Hallo, wer wohnt denn hier? Zu Besuch bei Üüs aran.

Das erste genossenschaftliche Wohnprojekt Amrums in der Wittdüner Mittelstraße, Üüs aran, ist soweit fertig, dass die ersten Mieter einziehen konnten. Die elf Parteien von Haus 3 bekamen am Sonnabend ihre Schlüssel ausgehändigt. Die beiden anderen Häuser folgen nächste und übernächste Woche.

Die Tür ist auf! Heiko Müller und Wittdüns Bürgermeister Jürgen Jungclaus (v.r.) mit den ersten Mietern

Die Tür ist auf! Heiko Müller und Wittdüns Bürgermeister Jürgen Jungclaus (v.r.) mit den ersten Mietern

Zum feierlichen Szenario gab es gleich drei warmherzige Begrüßungsreden. “Wer hätte damals gedacht, dass alles so zügig und reibungslos verlaufen würde?”, sagte Heiko Müller, Zentralmarkt-Chef und Üüs aran-Vorstandsmitglied, und erinnerte an den ersten Ideenaustausch mit allen drei Gemeinden vor drei Jahren, das Hinzuziehen des erfahrenen Kieler Projektentwicklers TING, die Bildung der Arbeitsgruppen und den Baubeginn im Oktober 2015. Nun sind 32 Wohnungen (fast) fertig. Vorstand, Aufsichtsrat, alle Beteiligten – sie seien so unglaublich gut zusammen gewachsen; die Arbeit mit der Gemeinde Wittdün: ebenfalls problemlos. Und wenn man die drei modernen Häuser auf dem Areal neben dem Kurpark sieht, dann lacht man doch heute über die bange Frage von weit gestern: Warum reißt ihr denn unsere “schöne” Nordseehalle ab? Keine Frage: Üüs aran ist eine Bereicherung. Dem konnte Wittdüns Bürgermeister Jürgen Jungclaus nur zustimmen. Sein Dank ging an die Initiatoren, die so tief eingestiegen seien und an die Gemeindevertretung. “Dieses Projekt hat das wichtige Thema Daseinsvorsorge auf den Inseln hervorragend umgesetzt.” Er wünschte allen ein harmonisches Miteinander in einer wachsenden Gemeinschaft. Föhr-Amrum-Amtsdirektorin Renate Gehrmann freute sich, dass solche Projekte auf den Inseln möglich sind (auf Föhr gibt es seit 2013 das Mehrgenerationenhaus der Genossenschaft “föhreinander” mit 28 Wohnungen in der Wyker Strandstraße) und hofft, dass diese positiven Signale weit rausgetragen werden und Nachahmer finden. “Ein Dank an alle, die die Idee hatten, dazu gestanden und sie durchgesetzt haben.” Applaus!

Mitbringsel für die erste Hausparty...

Mitbringsel für die erste Hausparty…

Was dann folgte, war ganz zauberhaft: Auf allen drei Geschossen von Haus 3 steckten Schlüssel in den elf Türen. Im Eingangsbereich stand ein Tisch mit Wein, Prosecco, Wasser und Saft; man nahm sich ein Glas und ­öffnete – mit ein bisschen Adventskalender-Feeling – einfach eine der Türen. Und siehe da, in den Wohnungen warteten schon die Mieter beziehungsweise Genossen. Hallo, wer wohnt denn hier?

Martina Riecken

Martina Riecken

Martina Riecken (51): Seit 22 Jahren beim DRK in Wittdün. Genau so lange lebte sie auf 26 Quadratmetern. Dachgeschoss, zwei kleine Fenster. Jetzt hat sie fast 60 qm, sechs große Fenster und eine Terrasse, nicht nur für ihre zwei kleinen Hunde. Jeder Mieter hatte bei der Einrichtung Mitspracherechte. “Mein Backofen auf Augenhöhe ist für mich das Größte. Ich hatte noch nie eine richtige Küche.”

Judith (51), Krankenschwester, und Klaus Schubert (61), Maurer: “Wir haben uns, glaube ich, als allerletzte entschieden. Auf jeden Fall haben wir die Frist für die Küchenbestellung um einen Tag verpasst. Wir hatten nie daran gedacht, hier einzuziehen. Aber als die Anlagen fertig war, sah das alles so einladend aus. Den Geist so einer Genossenschaft finden wir genial.”

Zara El Basher (46), arbeitet für die W.D.R. am Schalter in Wittdün und fährt Bus. “Dass ich die Möglichkeit habe, hier jetzt auch wirklich zu bleiben, ist toll. So etwas wie Eigenbedarf ist damit passé. Ich habe mich für die Insel entschieden, und jetzt kann ich das eben auch richtig leben.”

Nienor, Dirk und Tim Lange (v.l.)

Nienor, Dirk und Tim Lange (v.l.)

Nienor (36) und Dirk Lange (52) mit Tim (10): Sie gehört zum Staff der Jugendherberge, er ist Fahrradmechaniker. Die kleine Familie ist seit 25 Jahren auf der Insel und hat all die Jahre in zwei Zimmern gelebt, wo wechselseitig das Sofa als Bett genutzt wurde. Ihre 3 Zimmer, 75 qm mit Balkon in Haus 2 werden nächste Woche fertig. “Tim freut sich wahnsinnig auf sein eigenes Zimmer. Unser ganzes Familienleben wird sich nochmal richtig ändern. Das wird viel schöner. Wir hatten auch schon überlegt, von der Insel zu gehen.”

Theda Bieber (37): Sie ist seit zwei Jahren im Vorstand von Üüs aran aktiv: Alle drei Wochen Zusammenkunft, planen, absprechen – und jetzt endlich richtig feiern. Man sieht es ihr nicht an, aber sie mag nur ihre Füße zeigen, die wie hunderte andere auch an diesem Tag der offenen Tür in Laminat schonenden Überziehern steckten. “Für mich beginnt hier ein neuer Abschnitt. Und ich habe endlich eine richtige Küche. Wir waren ein super Planungs-Team, und jetzt freue ich mich auf das Miteinander.”

Lore Richter

Lore Richter

Lore Richter (70), Rentnerin, zwei Zimmer: “Zu meiner alten Wohnung waren es drei Treppen. Ich will das Risiko nicht, später nicht mehr vor die Tür zu kommen. Hier ist alles einfacher. Auch energetisch – nichts zieht, alles neu und großzügig. Ich freue mich auf die Gemeinschaft, hier werde ich nicht alleine sein. Wir haben in der Gartengruppe schon einen Kräutergarten geplant. Im Frühjahr geht’s los.”

Denise und Andreas Dollmann

Denise und Andreas Dollmann

Denise (33) und Andreas Dollmann (37), wohnen bisher noch in Kiel: Er arbeitet als Elektrotechniker im Offshore-Windpark hundert Kilometer südwestlich vor Amrum. Sie hat als gelernte Buchhalterin flugs die Hausverwaltung von Üüs aran übernommen. Die beiden haben sich auf Amrum kennengelernt und im letzten Jahr hier geheiratet. Sie suchten schon lange nach einer Möglichkeit, auf die Insel zu ziehen. Ihre 4-Zimmer-Wohnung im sogenannten Familienhaus wird bald fertig und ist schon auf Nachwuchs ausgelegt. “Wir freuen uns über die vielen Kinder, die zusammen spielen können, über die Gemeinschaft und auf das Inselleben.”

Cornelius Jannen

Cornelius Jannen

Familie Jannen: Dass Cornelius Jannen mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern direkt neben seiner Schwester wohnen wird, ergab sich zufällig. Die beiden Familien beziehen die 5- und 6-Zimmer-Wohnungen im Familienhaus. 95 und 105 Quadratmeter für viel Leben mit insgesamt sechs Kindern. “Wir waren zwölf Jahre weg und sind glücklich, dass wir hier wohnen können. Bei so viel Kindern zählen gerade die praktischen Dinge: alles auf einer Ebene, Spülmaschine, Kinderwagen-Platz im Flur. Wir freuen uns auf das Nebeneinander mit allen.”

80 Menschen mit derzeit 24 Kindern finden in den drei Häusern eine neue Heimat. In insgesamt fünf Wohnungen von den 32 haben Amrumer Arbeitgeber investiert, damit ihre ständigen Mitarbeiter eine ordentliche Bleibe haben. Ein Arzt, zwei Lebensmittel-Märkte, die Versorgungsbetriebe. Zwei Beispiele folgen dem sehr schönen Solidaritätsprinzip solcher Projekte: So haben zwei Ladies ihre Wohnungen zwar “erworben”, das Wohnrecht allerdings an zwei Verkaufsmitarbeiter abgetreten. Also an Menschen, die auf Amrum eine Infrastruktur aufrecht halten, ohne die kein Tourist auf dieser Insel urlauben wollte. Und die sich von ihrem Lohn bisher keine so schöne Unterkunft leisten konnten. Ein Hoch – wirklich – auf solches Tun!

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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