“INSELMENSCHEN” – die heimliche Hotel-Legende von Steenodde …

Die Redaktion von Amrum-News freut sich heute die neue Serie “Inselmenschen” zu starten. Hier werden wir Ihnen Menschen vorstellen, die vielleicht nicht jeder schon kennt. Oft arbeiten Menschen im Hintergrund und werden nicht direkt gesehen. Oft haben diese Menschen auch großartige Geschichten zu erzählen – so wie Peter Lüffe.  Lassen Sie sich überraschen.

 

Andere genießen die Rente – Peter Lüffe steht lieber in der Küche. Der 74-Jährige begeistert Hotelgäste auf Amrum mit außergewöhnlichen Frühstücksideen und seiner besonderen Art. Wie aus einem Lehrer ein gefeierter Frühstückskoch wurde, erzählt seine ungewöhnliche Geschichte.

Peter Lüffe alias der “Frühstücks-Peter” beim Servieren seiner außergewöhnlichen Kreationen.

Seit neun Jahren ist er jetzt im Ruhestand. Seit neun Jahren wohnt er auch auf Amrum, zumindest in Teilzeit, in der Sommersaison. Und seit neun Jahren legt er mittags in seiner kleinen Wohnung die Beine aufs Sofa und schaut versonnen aufs Steenodder Watt. Idyllisch… Ja und den Rest des Tages? Da steht er in der Küche des Inselhotel Kapitän Tadsen, bereitet Frühstück zu, bewirtet Hotelgäste, gibt Bestellungen auf und erledigt Einkäufe. Den Rest des Tages ist er “der Frühstücks-Peter”. Ruhestand? Damit kann er nichts anfangen!

Peter Lüffe ist jetzt 74 Jahre alt – und fit wie ein Turnschuh. Wieselflink huscht der drahtige Pensionär zwischen Küche und Gastraum hin und her, begrüßt die Gäste mit einem flotten Spruch, fragt nach dem Wohlbefinden und plaudert über das Leben und die Zukunft. Im Kopf ist er mindestens genauso schnell und auch die Gedanken sprudeln nur so aus ihm heraus. Vom Stillstand ist Peter weit entfernt. Zum Glück. Denn ein Urlaub im Hotel in Steenodde ist ohne den “Frühstücks-Peter” für viele Gäste kaum vorstellbar. Warum? Das wollte ich mir anschauen. Denn während Peter im Hotel beinahe zur Ikone geworden ist, kennen die Insulaner ihn kaum. Zeit, das zu ändern…

Die Liebe zu Amrum

Der gebürtige Paderborner kam 1962 mit elf Jahren das erste Mal auf die Insel. Gemeinsam mit seinem Bruder verbrachte er in den Sommerferien einige Tage in der Jugendherberge in Wittdün. “Das war sensationell!”, schwärmt Peter. Die Insel war so ganz anders, als seine Heimatstadt. Damals sind sie auch noch in den Dünen umher getobt und haben abends Lagerfeuer gemacht. Und woran er sich außerdem noch erinnert: jeden Morgen gab’s frische Brötchen und echte Butter! “Das gab es bei uns zu Hause nicht. Wir waren vier Kinder, da war immer ein bisschen Schmalspur angesagt.” In die Jugendherberge sind die Geschwister dann noch ein paar Jahre gefahren. Als sie dann älter waren und eigenständig verreisen durften, haben sie mit Freunden auf dem Campingplatz gezeltet. Die Liebe zu Amrum war also schon früh geboren.

Lehrjahre in der Spitzengastronomie

Mit 14 Jahren begann Peter dann auf Anraten seines Vaters eine Kochlehre im Teutoburger Wald, beim renommierten Vier-Sterne-Hotel Gräfliches Kurhaus in Bad Driburg. Dort machte er seine ersten Erfahrungen in der Spitzengastronomie. Und das waren nicht unbedingt die besten: zehn Stunden Arbeit am Tag – und das sechsmal die Woche. Auch wenn nur 20 km zwischen seiner Lehrstätte und seinem Zuhause lagen, wohnte Peter während der Ausbildung im Hotel und konnte nur an seinem freien Tag zu den Eltern fahren.

Peter Lüffe bei den Vorbereitungen: “Für den Sonnenaufgang lasse ich das Messer fallen und radele auf die Mole.”

“Schon im ersten Lehrjahr dachte ich: Oh oh, sieh zu, dass du hier schnell wieder rauskommst. Das hältst du kein Leben lang durch”, erzählt der heute 71-jährige, als wir bei selbstgebackenen Cantuccini und Nussecken am Nachmittag im Frühstücksraum des Hotels sitzen, Peters Reich sozusagen. Nach einer Mittagspause ist er gerade dabei, das Frühstück für den kommenden Tag vorzubereiten. Einen Fenchel-Orangensalat, der am nächsten Morgen neben zahlreichen weiteren kleinen Köstlichkeiten auf dem Buffet stehen wird. Wenn er damals so schnell weg wollte, aus der Gastronomie, wieso steht er dann heute, ausgerechnet im Rentenalter, wieder in der Küche?

Vom Koch zum Lehrer

Es sei nicht die Tätigkeit an sich gewesen, die er nicht mochte, also das Kochen. Es waren die Umstände, unter denen er nicht arbeiten wollte. Der Stress, die langen Tage, die Arbeit am Abend und an den Wochenenden. “Und dann habe ich mich an die Schule zurückerinnert: Der Lehrer saß vorne im Klassenzimmer, während die Schüler arbeiteten. Spätestens am frühen Nachmittag war Schluss, die Wochenenden waren frei und Ferien gab’s auch noch!”, erklärt Peter seinen pragmatischen Sinneswandel. Also hat er nochmal ein paar Jahre die Schulbank gedrückt, sein Abi nachgeholt und schließlich ein Lehramtsstudium absolviert. “Tja, und dann habe ich eben 38 Jahre lang an einer Mittelschule in Augsburg als Lehrer gearbeitet.”

Ein Stück Tokio auf Amrum

So ganz ließ ihn die Gastronomie aber nie los. Noch in den Semesterferien während des Studiums half Peter im Ostseebad Damp 2000 aus, einer riesigen Ferienanlage mit 7000 Betten. Später nahm er sich ein Urlaubssemester, reiste nach Asien und lernte in Japan den Küchenchef vom Hilton-Hotel in Tokio kennen – und kochte so mehrere Monate lang im dortigen Restaurant für deutsch-österreichische Küche.

Eigentlich zu schade zum Essen: “Meine Kunst ist die Kochkunst. Ich lege nicht einfach nur etwas auf den Teller, ich richte es an”, sagt Peter Lüffe. © Peter Lüffe

In den Schuldienst nach Deutschland ging Peter trotzdem zurück. Doch die Verbindung zu Asien blieb. Heute lebt seine Schwester in Japan, die er auch jedes Jahr dort besucht. Außerdem war er viele Jahre mit einer Thailänderin verheiratet, mit der er auch eine Tochter bekam. So ist auch der bis heute starke Einfluss der asiatischen Küche auf Peters Frühstückskreationen zu erklären. Hokkaido-Kürbis auf südindische Art. Avocado mit schwarzem Sesam und Limette. Rote Bete nach japanischer Art. “Man mag es nicht glauben, aber wir haben hier im Hotel auch internationale Gäste, aus Korea, aus Thailand. Und einmal checkte hier eine Japanerin ein. Da habe ich gedacht: Um Gottes Willen, ich mit meiner Rote Bete japanische Art!”, erinnert sich Peter. “Aber was hat die dann gesagt: Super, Peter! Genau wie in Japan, nur besser! Die hat dann sogar Rezensionen geschrieben, dass der Koch aus dem Tokioter Hilton jetzt im Inselhotel Kapitän Tadsen auf der kleinen Nordseeinsel kocht. Total irre.”

Doch nicht nur internationale Einflüsse prägen Peters Frühstück. Auch Klassiker gehören dazu: Marmeladen, Granola, sizilianisches Gebäck oder Obstsalat, den er mit einer Prise Tonkabohne verfeinert. Und natürlich alles selbst hergestellt und eingekocht.

Da drängt sich nun natürlich auch die Frage auf: Was isst Peter Lüffe eigentlich selbst am liebsten? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Westfälischen Pfefferpotthast! Ein spezielles Gericht mit Pumpernickel, vielen Zwiebeln und Rindfleisch. Kennt keine Sau. Aber das ist Kindheit für mich.“ Für einen Mann, der in Tokio gekocht hat und auf Amrum internationale Frühstückskunstwerke zaubert, ist die Lieblingsspeise erstaunlich bodenständig.

Warum Gäste vom Frühstück schwärmen

Die Tapasschälchen, die noch vom früheren Restaurant “Hal Mei” übrig waren, inspirierten Peter überhaupt erst zu seinen Kompositionen. © Peter Lüffe

Auf dem Frühstücksbuffet wird das deftige Ragout dennoch nicht landen. Denn die Gäste schätzen vor allem die innovativen und liebevoll gestalteten Kreationen, die in kleinen Portionen serviert werden. “Wir sind schon viel herumgekommen, waren in Spitzenhotels überall auf der Welt. Aber so ein tolles Frühstück haben wir nur selten gehabt. Das ist wirklich eine 1 mit Sternchen!”, schwärmt ein Paar morgens um 8 Uhr am Buffet, als ich für einige Fotos vorbeigekommen bin. Manche Gäste machen sogar Fotos. “Ja, das kommt durchaus öfter vor,” schmunzelt eine Urlauberin. Kein Wunder, denn die kulinarischen Kreationen von Peter Lüffe sind nicht nur Gaumen- sondern auch Augenschmaus: “Meine Kunst ist die Kochkunst,” sagt er dazu. “Es ist sowas wie Malen mit Lebensmitteln. Ich lege nicht einfach nur etwas auf den Teller, ich richte es an. Und ich mache das alles, weil ich die Gäste überraschen und glücklich machen möchte. Sie sollen ein einmaliges Frühstückserlebnis haben!” Dass Kochen für Peter weit mehr als ein Job ist, zeigt sich auch abseits der Küche: Ganz nebenbei hat er im Laufe seines Lebens fünf Kochbücher veröffentlicht.

Dass Peter das gelingt, bestätigen auch die zahlreichen Google-Rezensionen. So schreiben Nutzer*innen: “Insbesondere der mehrfach genannte “Frühstücks-Peter” war jeden Morgen ein Highlight; sein mit viel Liebe und Kreativität gestaltetes Frühstücksbüffet war einzigartig – habe ich so bisher in keinem anderen Hotel erlebt.” Oder: “Hervorragendes Frühstück dank dem unglaublichen Frühstücks-Peter, der ein so wahnsinnig umfangreiches ganz besonderes Frühstück mit sehr viel Liebe herstellt. Alles perfekt!!” Und: “Phänomenales Frühstück vom Frühstücks-Peter. Das Frühstück war ein Traum – reichhaltig, frisch und mit Liebe zum Detail.”

Arbeitstag ab drei Uhr morgens

Mediterraner Zucchini-Salat. Ein Gaumen- und Augenschmaus.

Diese Wertschätzung und Dankbarkeit sind es, die Peter auch mit 71 Jahren noch motivieren, jeden Tag früh aufzustehen. An fünf Tagen die Woche ist er um 3 Uhr auf den Beinen. Dann schnibbelt, raspelt, rührt, kocht und brät er alles, was später in kleinen Tapas-Schälchen auf dem Buffet landet. “Es gibt eine Phase, in der ich richtig Gas geben muss, damit alles rechtzeitig fertig ist”, sagt er. Und trotzdem: “Wenn ich es irgendwie einrichten kann, bin ich zum Sonnenaufgang am Watt. Dann lasse ich das Messer fallen, schnappe mir das Rad, fahre fix auf die Mole und mache Fotos. Danach geht’s zurück in die Küche.” Meist hat Peter dann nochmal eine kleine Kreativpause, bevor die Gäste kommen. Dann gießt er die Blumen im Garten, pflückt bunte Blumensträuße für die Tische und – ganz wichtig – erstellt die aktuelle Inselhotel-Gazette für die Urlauber. Neben aktuellen Veranstaltungs- und Ausflugstipps gibt es da auch die “Weisheit des Tages vom Frühstücks-Peter”. “Ich bin auch immer ein bisschen Entertainer”, schmunzelt Peter. “Die Gäste lieben es, dass nicht alles so anonym ist wie in großen Hotels.”

Um 10 Uhr ist das Frühstück offiziell vorbei, spätestens um 11 Uhr geht Peter dann aber auch in seine wohlverdiente Mittagspause und macht ein Nickerchen – bevor er am frühen Nachmittag für Bestellungen, Einkäufe und erste Vorbereitungen wieder im Gastraum steht. “Anfangs musste ich sogar noch putzen und eindecken!”, sagt er. Dafür hat er aber mittlerweile Hilfe. Und wann ist Bettruhe, wenn der Tag so früh beginnt? “Um 21 Uhr versuche ich zu schlafen – gelingt mal mehr, mal weniger gut”, gibt er zu.

Warum er nicht aufhören kann

Hokkaido-Kürbis südindische Art: “In Indien habe ich mich ausschließlich vegetarisch ernährt”, sagt Peter.

Wieso tut man sich das in dem Alter noch freiwillig an, überlege ich? “Das ist einfach mein Hobby! Das Kochen, der Umgang mit den Gästen. Es entstehen so viele tolle Kontakte. Ich wurde schon von halb Deutschland nach Hause eingeladen. Und viele Gäste bringen mir mittlerweile Spezialitäten aus ihrer Heimat mit – Pralinen, Saure Gurken oder mein geliebtes Paderborner Brot”, freut sich Peter. “Und mit dem Trinkgeld am Ende der Saison kann ich mir schon wieder ein Flugticket nach Asien leisten.” Denn mittlerweile lebt auch seine Tochter in Thailand, die er dort in diesem November besuchen wird.

Kurz hatte Peter Lüffe darüber nachgedacht, diese Saison seine letzte sein zu lassen. Nicht, weil er sich jetzt doch mal zur Ruhe setzen will! Nein. Aber viele andere Interessen kommen eben zu kurz. Die ganzen alten Freunde in der Heimat sieht er kaum. Ins Fitnessstudio würde er gerne regelmäßig gehen. Oder ins Kino. Lange Fahrradtouren mag er. Und der Jakobsweg, den er bereits von Augsburg bis zum Genfer See gelaufen ist, wartet auch noch auf seine Fortführung. Aber: “Ohne Insel kann ich nicht”, stellte Peter fest.

Was ist es denn, was er an Amrum so liebt? “Die schöne Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Unter Umständen kannst du ja in vier Stunden vier Jahreszeiten erleben. Also das ist einmalig”, schwärmt er. “Gerade jetzt im Frühsommer ist es natürlich besonders schön… Die Schlehen blühen, die Rhododendren, die Wildrosen. Alles blüht. Und dann diese Gerüche!”. Und er ergänzt: ”Na und der Strand natürlich – ich bin viel in der Welt herumgekommen, habe viele Strände gesehen. Aber solche Strände wie den Kniepsand, vor allen Dingen in der Sauberkeit, gibt es kaum!”

Und ehrlich gesagt kann auch die Insel nicht ohne ihn. “Peter, du warst von Anfang an der Star”, soll sein Chef im Hotel gesagt haben. Und der “Frühstücks-Peter” ist längst zur Marke geworden. “Das kam von den Gästen, die haben mich manchmal so genannt”, erzählt Peter, “Und dann erreichte mich eines Tages ein Briefumschlag von einem Gast, der zwei Wochen zuvor abgereist war. Ich hab mich noch gewundert, was der wohl schickt… Tja und darin war eben das offizielle Namensschild, das ich seitdem an meiner Arbeitskleidung trage.”

Nun hatte die Marke Peter auch noch ein offizielles Markenzeichen.

Und eine kleine Bilanz der letzten neun Jahre vom Frühstücks-Peter? Er hat sich nur einmal geschnitten, kein einziges Mal verschlafen und – ist kein einziges Mal baden gewesen! Zeit, das in der nächsten Saison nachzuholen.

 

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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