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Ehrenpreis für Hark Bohm: Aufgewachsen ist der Filmemacher auf Amrum

Noch eine Leidenschaft neben dem Film: Gemeinsam mit Fotograf und Lehrer Sven Sturm war Hark Bohm (l.) auf Amrum Vögel beobachten
© Kinka Tadsen

Wenn Hark Bohm jetzt am Freitag beim Deutschen Filmpreis in Berlin eine Ehren-Lola für sein Lebenswerk bekommt, dann hat dieses Leben auch ganz viel mit Amrum zu tun. Bohm hat auf der Insel seine Kindheit verbracht. „Amrum ist ein fester Ort für mich. Ich glaube, die ersten zehn bis zwölf Lebensjahre sind prägend, und Norddorf war für mich prägend.“ Sein bester Freund von damals, Egon Schreiber, gehört bis heute zu Bohms engstem Freundeskreis. Die beiden kommunizieren über den Ozean hinweg: Schreiber lebt auf Long Island. Friesisch sprechen sie nicht miteinander. Bohm kann es zwar verstehen, aber außer Gud dai! – guten Tag – ist nicht viel geblieben. Wir unterhalten uns am Telefon. Und als es beim ihm klopft, lacht er und fragt, wer da ist: „Hoker as det?“

Bohm wurde 1939 in Hamburg geboren, und als seine Mutter, die von Amrum stammte, im Krieg die Großstadt verließ um auf ihrer Nordseeinsel ab vom Schuss zu sein, kam er in das Rotklinkerhaus an Norddorfs Marschseite. Er kommt bis heute regelmäßig. Hansi Decker, eben jener Egon Schreiber, Jul Schau, der damals schon alte Seehundjäger und Kojenwärter, alles Menschen, die Bohm nie vergessen hat. Seit neuestem wohnt er bei Jens Quedens, wenn er auf der Insel ist. „Wir sprechen dann über die Vergangenheit, über Schulfreunde, die Leute, die wir kennen – und über Vögel.“ Dieses Mal zog Bohm mit Henning Vollmer, dem jungen Leiter des Naturzentrums, in die Marschwiesen und durfte eine erstaunliche Entdeckung machen: „Ich habe einen Löffler gesehen, der in den Gräben nach Futter suchte. Das ist mir in den 75 Jahren, die ich nach Amrum komme, noch nie passiert!“

Die Vogelliebe verbindet ihn auch mit Georg Quedens. „Er war in den 1965er Jahren der beste Eierräuber der Insel“, erzählt Bohm. „Und später der engagierteste Vogelschützer.“ Nein, der Titel von Bohm grandiosem Film „Nordsee ist Mordsee“ stammt nicht aus der Ideenkiste von Georg Quedens, der unter eben jenem Titel seit Jahrzehnten seinen Kultvortrag hält. Kultfilm, Kultvortrag … „Ich habe meinen Film 1975 gedreht, da war ich schon dreizehn Jahre lang nicht mehr auf der Insel gewesen und hatte gar keine Ahnung, dass Georg mit zunehmender Zahl der Gäste auch immer erfolgreicher seine Vorträge hält. Der Titel lag einfach in der Luft, das war ein Schnack, und der ist ja bestimmt auch schon hundert Jahre alt.“

Kult! Nordsee ist Mordsee von 1976
© Amazon

„Nordsee ist Mordsee“ ist einer von Bohms ganz großen Filmen. Ein Flussmovie mit zwei Jugendlichen im Aufstandmodus, gespielt von Bohms Adoptivsöhnen: ein leeres Leben in den Vorstädten von Nachkriegsdeutschland – und der Versuch eines Ausbruchs. Drehort: Hamburg-Wilhelmsburg. „Zusammen mit ‚Moritz lieber Moritz’ waren das zwei ganz wichtige Filme“, sagt Bohm. Letzterer spielt zwar auf dem reichen Elbufer in Blankenese, was aber nur Kulisse ist im Kampf der Jugendlichen nach Liebe im Elternhaus. „Ein stark autobiografisch geprägter Film ist das“, räumt Bohm ein. Und: „Da sind zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits das politisch Engagierte, andererseits das einfach nur gute Geschichten erzählen wollen.“ Dazu zählen auch der Jugendfilm-Klassiker „Yasemin“ und „Vera Brühne“, die Verfilmung eines Kriminalfalls.

2016, knapp vierzig Jahre später, ist das Jungrebellentum wieder Thema bei Bohms Arbeit. Da ist er Co-Autor bei Fatih Akins Film „Tschick“. Das Roadmovie des verstorbenen Autors Wolfgang Herrndorf erinnert stark an Bohms Sujet aus den frühen Siebzigern: Raus aus der Enge, rein ins Leben, die Liebe oder zumindest die Freiheit suchen. Für den Film gibt es zig Preise. Für das Drehbuch zogen sie sich zu dritt für sechs Wochen in Hamburg zur Schreibklausur zurück und unterbrachen dafür die gemeinsame Arbeit an einem anderen Film: Fatih Akins „Aus dem Nichts“, dessen Thema den NSU-Terror aufgreift; ebenfalls hoch dekoriert. Akin und Bohm kennen sich aus der Zeit, als Bohm an der Hamburger Uni den Aufbaustudiengang Film leitete. Da hat er 1994 den jungen Akin abweisen müssen, weil der die Voraussetzungen für die Aufnahme nicht erfüllte. „Jahre später durfte ich dann eine Laudatio auf ihn halten, für seinen besten Erstlingsfilm“, freut sich Bohm.

Jetzt wird Hark Bohm ausgezeichnet. Für seine Arbeit als Schauspieler, am Set, am Drehbuch, in der Hochschule, für gute Geschichten und unvergessene preisgekrönte Kinomomente. Auch im Amrumer Lichtblick-Kino, was damals noch Friesland-Lichtspiele hieß, sei der Nordsee-Mordsee-Film hoch und runter gelaufen, erzählt Kinochef Ralf Thomsen.

Wann er wieder nach Amrum kommt, weiß Hark Bohm noch nicht. Er fährt jetzt bald nach Island und bereitet etwas vor. „Aber ungelegte Eier soll man nicht begackern.“

Die ARD überträgt live am Freitag ab 22 Uhr:

https://programm.ard.de/TV/daserste/deutscher-filmpreis-2018/eid_28106625917517

Und der Beitrag vom NDR Schleswig-Holstein Magazin mit ganz viel Amrum-Kolorit ist hier nachzuschauen:

www.ardmediathek.de/tv/Schleswig-Holstein-Magazin/Regisseur-Hark-Bohm-eine-Kindheit-auf-/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=25231230&documentId=51856034

 

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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