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Friesische Landpartie

Georg Quedens kennt die Inselbahn noch aus Kindertagen

Die Teilnehmer der friesischen Landpartie, die auf den Spuren der alten Inselbahn durch die Norddorfer Dünen flanierten, mussten sich in drei Gruppen aufteilen, so groß war der Andrang gewesen. Wahrscheinlich wollten alle den Wal sehen, der am Ende des Weges im Amrumer Naturzentrum aufgeständert ist. Sechzig Menschen hatten nach einem Vortrag von Georg Quedens über die Geschichte der Amrumer Inselbahn die Gelegenheit, mit dem Leiter des Naturzentrums Henning Volmer Richtung Pottwal zu ziehen und beim Dünenspaziergang zu erfahren, welche Schätze sich zwischen Strandhafer und Heide verbergen. Im Strunluuker, dem sehr zu empfehlenden Restaurant oberhalb der künftigen Walausstellung, zog dann die Ur-Amrumerin Pauline Höfer eine Verbindung zwischen Stationen ihres Lebens und dem von Ex-Pastor Erich Pörksen, der bis 1972 fast vierzig Jahre das Gemeindeleben der Insel prägte und von ihr geprägt wurde.

Jedes Mal ist das Jahrestreffen der beiden friesischen Inselinstitutionen, dem Öömrang Ferian (Amrum) und der Ferring-Stiftung (Föhr) ein Hort von erzählter Lebensweisheit und ein Ort der Freundschaft – der alten und der neu entstehenden. Man kann diesen beiden Wissensquellen um ihre Leiter Jens Quedens und Dr. Volkert F. Faltings gar nicht genug neue Anhänger und Unterstützer wünschen, die jedwede Neugier auf Inselgeschichte stillen können: in den Archiven und der Bibliothek der Stiftung in Alkersum und bei den Vorträgen und Führungen im Norddorfer Naturzentrum und im alten Öömrang Hüs in Nebel.

Georg Quedens kennt die Inselbahn noch aus Kindertagen                         

Georg Quedens unterhielt hinter seinem Diaprojektor („späte Bronzezeit“; er erwähnt es immer wieder gern, und es kommt immer wieder gut) die Gäste formidabel zur Inselbahngeschichte und über Zeiten, als Wittdün drauf und dran war, Westerland den Rang als Sommerfrischequartier Nummer 1 abzulaufen – wenn die Bahn 1907 unter ihrem Gründer nicht einen ersten Konkurs hingelegt hätte. Überhaupt soll sie nur ein einziges Jahr in ihrer bis 1939 andauernden Fahrt schwarze Zahlen geschrieben haben: 1935, mit genau 25 Mark und drei Pfennigen. Die Erzählungen zu kräftigem Wellenschlag, zu dem sie hin unterwegs war, zum Baden bei Blasmusik, den 30 Mark Strafe beim Baden an nicht dafür ausgewiesenen Stellen und der um 1900 existierenden direkten Verbindung zwischen Norddorf und Hamburg per Schiffsanschluss wurden flankiert von Erinnerungen der Zuhörer und Überlieferungen aus der Zeit vor dem ersten Amrumer Elektrizitätswerk (vor 1920): „Wenn zwei Handwerker ihre Kreissägen angeschaltet haben, war die Stromversorgung platt“, erzählte Georg Quedens.

Der Anfang einer schönen Ausstellung

Derlei Anekdoten zogen sich auch durch den Dünenspaziergang zu dem Naturzentrumsleiter Henning Volmer aufgrund der großen Zuhörerschar alle Freiwilligendienstler der Einrichtung als Guide hinzugezogen hatte. Die Küstendünen mit ihren teilweise feuchten Dünentäler entlang des alten Inselbahnbahndamms vom Norddorfer Parkplatz zum Strand – aus naturkundlicher Sicht ein ganz seltener Lebensraum, wie Volmer sagte – waren vor fünfzig Jahren nicht nur feucht, sondern nass, gefüllt mit Wasser, was, als es gefroren war, den Kindern des Ortes als Eislauffläche diente. Was alles in dieser Inselnatur an schützenswertem Reichtum vorhanden ist: 15000 Paare der Heringsmöwe, ein Viertel des deutschen Bestandes brüten in den acht Quadratkilometer großen Dünenlan  dschaft der Insel. Kreuzkröten werden wieder angesiedelt und die kaum fingergroße Sumpf-Weichorchis-Orchidee steht auf der roten Liste der bedrohten Arten und ist außerhalb von Amrum in Schleswig-Holstein nur noch an einem Ort zu finden. Auch die Kriechheide ist bedroht, weshalb man sich angesichts ihrer wuchernden Dichte am Wegesrand sofort an einem besonderen Ort wähnt.

Gezeichnete Geschichte auf einem Walzahn

Obacht für die Natur! Im Naturzentrum in der ehemaligen Schwimmhalle unterhalb des 13 Meter langen Pottwalskeletts, zog Vollmer das große Fischernetz auseinander, an Hand dessen er erläuterte, was Walmägen alles aufnehmen müssen, in müllverstopften Zeiten wie diesen. Für die Ausstellung, die rund um den 2016 in der südlichen Nordsee verendeten Wal und sein von Spezialisten in monatelanger Arbeit ausgekochtes und präpariertes Knochengerüst entstehen soll, fahndet der Verein gerade nach der Motorabdeckung eines Geländewagens. Solche ein Blechmonstrum hat man auch schon aus Walmägen geschält. Dagegen ist der fein verzierte Walzahn, der einem alten Amrumer Grönlandfahrer-Haushalt entstammt, ein Schmuckstück, was lächeln macht.

Zeigte, was Walmägen alles aufnehmen müssen: Henning Volmer

Gerührt wandte man sich nach einem guten Mittagessen und vor einem heißen Kaffee der Amrumerin Pauline Höfer zu, die am hohen Ecktisch im Strunluuker sitzend, sich an ihr Leben erinnerte, wo es eng mit Amrums Altpastor Erich Pörksen verbunden war, der ab 1934 fast vierzig Jahre auf Amrum wirkte. Pörksen hatte Höfer konfirmiert, sie ihrem Mann angetraut und war für sie, die als Auswanderin die damals sehr arme Insel Richtung Amerika verließ, ein Anker in ihrem vielen Heimweh. „Heimweh ist Liebe“, sagt Höfer. Über Höfers Großonkel, der Pörksen ein enger Unterstützer war, sagte dieser: „Johannes Jannen lehrte mich (…) die Liebe zu diesem kleinen Land und ließ mich erkennen, daß der Glaube das Herz aller Heimatforschung ist.“

Der Tag verging zwischen deutschem und friesischem Sprachmischmasch. Was schön ist. Denn so wird es Neuinteressierten leicht gemacht, aus dem (H)ort erzählter Geschichte zu schöpfen.

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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