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Das Kurhaus-Kapitel

In einem der schönsten Häuser Wittdüns waren einst verfolgte jüdische Familien untergebracht. Heidemarie Kugler-Weiemann hat ihre Geschichte festgehalten

Kann in jeder Buchhandlung bestellt werden: Ein Kapitel für sich

Das Kurhaus war einmal das bekannteste Haus Amrums, ein schöner, weißer, langgestreckter Bau, dessen Alleinlage oben auf der Südspitze sofort jeden Blick auf sich zog, sobald man – auf der Fähre stehend – Föhr hinter sich gelassen hatte. Das Kurhaus! Amrum, wir kommen!

Nicht so euphorisch wird es gewesen sein für jene jüdischen Familien, die nach Ende des zweiten Weltkriegs auf Amrum ankamen und im Kurhaus einquartiert wurden. 200 Schicksale, Verfolgte aus Danzig, aus sogenannten Mischehen: Eltern, Kinder, kleine Kinder; hungrig, teilweise traumatisiert – mit ungewisser Zukunft. Über diese Menschen und ihre Zeit auf der Insel hat die Lübeckerin Heidemarie Kugler-Weiemann jetzt ein Buch geschrieben, eins, was voll ist mit lebendigen Geschichten.

Alt-Amrumer bei der Buchvorstellung mit der Autorin (vorne links). Rechts daneben Inge Sarsfield.

Denn die Menschen organisierten sich und ihr Leben schnell in den Zimmern des Kurhauses, ohne Heizung und anfangs ohne Kochmöglichkeit. Und die wenigen Inselkinder, die sich nicht scheuten, sich Neuem zu nähern, hatten ihren Spaß. „Wir sind zum Tanzen auf die Terrasse gekommen, und ich habe ein Mädchen bewundert, die Spagat auf dem schmalen Geländer der Wandelbahn konnte“, sagt Inge Sarsfield. Die damals 10-Jährige war mit ihrem Bruder Peter oft im Kurhaus, ihre Eltern betrieben die Jugendherberge in direkter Nachbarschaft. Diese Aufgeschlossenheit gehört immer noch zu Inge Sarsfields Leben, die trotz Stationen auf dem Festland und in den USA bis heute den Kontakt zu einigen der Kurhaus-Kinder nicht verloren hat. Durch sie konnte Heidemarie Kugler-Weiemann die ersten Bande zu den Protagonisten knüpfen.

Die Autorin Heidemarie Kugler-Weiemann

Das Thema ergriff die ehemalige Lehrerin 2004, als sie in einer Dissertation über jüdisches Leben in Schleswig-Holsteins Nachkriegsjahren einen kleinen Hinweis zur Situation auf ihrer langjährigen Ferieninsel Amrum las. Die 66-Jährige beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit der jüdischen Geschichte ihrer Heimatstadt Lübeck und ging dem Vermerk nach. Zehn Jahre ist das her. Als nun das Buch fertig war, mit so viel Persönlichem drin, dass es der Autorin ein Anliegen war, ihren Protagonisten als erstes das Werk zukommen zu lassen, da flossen Tränen. Und da wurden lange Briefe geschrieben. „Allein dafür hat sich dieses Buch so, so gelohnt“, sagt Kugler-Weiemann. Wie bewegt sie ist, ergibt sich aus der Geschichte: Nicht jeder, den sie kontaktierte, wollte reden. Mache wollten gar nicht zurück denken. Ein vielversprechendes Treffen wurde unmittelbar vor Termin abgesagt. Ohne viel Worte – weil Worte fehlten. Von einer dieser zögerlichen Erstkontakte hielt Kugler-Weiemann am Tag ihrer Buchvorstellung einen langen Brief in den Händen, der sie abends zu Tränen rühren sollte.

Wie es wohl gewesen sein muss für die Juden in Wittdün, neben einem Bürgermeister zu leben, der mit den Worten zitiert wird, „man solle alle Flüchtlinge ins Meer jagen.“

Das Amrum nicht nur Bullerbü ist und war, sollte sich jeder denken können. Der Inselchronist Georg Quedens, der mit dem letzten Band seiner Amrum-Chronik 2012 eine in dieser Bandbreite noch nie veröffentlichte Geschichte von der Insel nationalsozialistischer Zeit vorlegte, fand bereits in seinem Vorwort deutliche Worte: „Ein Thema, dessen Publikation dadurch erleichtert wird, dass nahezu alle strammen Nazimarschierer (…) inzwischen das Zeitliche gesegnet haben und deren Nachkommen durchaus zugemutet werden kann, sich mit den Untaten und Verirrungen ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen.“

Wittdün früher, oben am Bildrand das Kurhaus

Auch Kugler-Weiemann greift in zwei Kapitel ihres Buches die Situation in Wittdün auf, die Notjahre direkt nach dem Krieg und den Bäder-Antisemitismus in den Jahren zuvor. Sie erzählt das Leben der Kurhaus-Menschen in vielen Facetten, bis hin zu den fehlenden Perspektiven, der zur Untätigkeit verdammten, teilweise gut ausgebildeten, jüdischen Apotheker und Bäckermeister.

Wenn sich die Wittdüner mit den Kurhaus-Menschen nicht mischten und das Kurhaus „wie ein Tabu“ gewesen sei, war längst nicht Antisemitismus Schuld, sondern eher der ganz normale Inselwahnsinn. Der Lehrersohn notierte: „Was mir komisch vorkam, war, dass fast niemand jemals aus Wittdün über die ganze Insel ging.“ Die Dorfkämpfe waren vielschichtig: Wittdün gegen die Jungs vom Leuchtturm. Nebel gegen Norddorf, beide gegen Wittdün, und so weiter; jede Kombi war möglich. „Es war so eine Art Kriegszustand“, schrieb der Lehrersohn. Außerdem: 800 Flüchtlinge musste Amrum allein im Februar 1945 aufnehmen, die Schulklasse schwoll von zwei Dutzend Kindern auf knapp 200 an. Der Lehrer und eine junge Assistentin unterrichteten rund um die Uhr in Schichten. Es fehlte allen an etwas und vielen an allem. Auch das wird im Buch deutlich.

Die Randstreifen sind die mit keinen Zusatz-Infos gefüllt, über die man immer wieder stolpern kann und die Mini-Geschichtchen über Menschen erzählen, die nur am Rande gestreift werden, die auf interessante Quellen wie die Tagebücher einiger Alt-Amrumer verweisen, auf liebevoll handgezeichnete Übersichtskarten von Wittdüns Südspitze anno 1945 und Listen mit Kleidungsbedarf: „Größe: mittel, Figur: schlank, besonders dringend: Schuhe und Kleid“. Im Buch auch Auszüge aus der Schulchronik, persönliche Erinnerungen der jungen Inge Sarsfield und – unveröffentlichte – „Amrumer Erinnerungen“, die der Lehrersohn Jan-Udo Wenzel später in seiner kanadischen Heimat verfasste.

Aus dem Buch: Zeichnung der Südspitzen-Bebauung von Inge Sarsfield

Fünf Jahre bleiben die Juden in Wittdün, dann erfolgte die Umsiedlung in andere Bundesländer der neu gegründeten Republik. Einige zogen weiter nach Israel, in die USA und nach Brasilien. Einige sprachen nie wieder über die Erlebnisse dieser Kriegs- und Nachkriegsjahre. Andere schrieben sich Briefe, schrieben Erinnerungen auf oder schlossen sie in sich ein. Manche kamen wieder nach Amrum und suchten Erinnerungen. Ihre Ich-bin-wieder-hier-Fotos sind auch Teil des Buches.

Als das Kurhaus 1974 abgerissen wurde, ließ manch Amrumer Teile des Interiors bei sich weiterleben. Jens Quedens, der gerade selbst baute, nutzte die Gunst der Stunde und besorgte sich Schrank, Bett und zwei Nachttische für sein neues Fremdenzimmer. Der Quedens-Verlag übernimmt den Vertrieb des Buches von Heidemarie Kugler-Weiemann, das von überall aus bestellt werden kann. Eine breite Leserschaft ist dem Werk zu wünschen. Denn die Geschichte ist ein kleines, wichtiges Kapitel für sich.

Ein Kapitel für sich: Verfolgte jüdische Familien aus Danzig im Kurhaus von Wittdün / Amrum 1945 -1950, Lübeck, 2018. 24,90 Euro

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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