Strandkorbvermieter haben ihr “Steckenpferd” entdeckt …

Wer sich (noch) nicht auf die Großen traut, kann seit neuestem beim Café Knülle am Nebeler Strand mit Steckenpferden üben. © Sandra Hermannsen

Ein Hobby oder eine Liebhaberei, der man zuweilen passioniert nachgeht, wird umgangssprachlich auch gerne als Steckenpferd bezeichnet. Für manche ist es gar eine Lebensaufgabe, der sie sich verschrieben haben. So weit sollte man bei Nils Randow und Kalle Wruck vom Nebeler Strandkorbverleih vielleicht nicht gehen, aufs Steckenpferd sind die beiden dennoch gekommen.

Hobby Horsing nennt sich eine noch relativ neue Trendsportart, die sich von Finnland aus in der Welt verbreitet hat und mittlerweile immer mehr Anhänger findet. Und hobby horse heißt zu deutsch, na klar, Steckenpferd. Und genau solche kann man seit kurzem beim Café Knülle ausleihen.

Bereits in der Antike wurde der Holzstab mit Pferdekopf als Kinderspielzeug erwähnt. In einigen Regionen ist es noch heute Bestandteil zeremonieller Tänze, Prozessionen und Paraden. Doch über die Nutzung im spielerischen oder rituellen Kontext hinaus, hat sich eben auch eine ernstzunehmende Sportart entwickelt. In Finnland wurden erstmals 2010 Weltmeisterschaften im Steckenpferdreiten ausgetragen. Seitdem wächst die internationale Community. Auch in Deutschland erfreut sich der Sport wachsender Beliebtheit. Mittlerweile sind über 8.000 aktive Hobby Horser registriert und es existieren rund 300 Vereine, die diese Sportart als eigene Sparte anbieten. Seit 2023 gibt es sogar einen eigens dafür gegründeten Verein, den Deutschen Hobby Horsing Verband, kurz DtHHV – mit durchaus strengem Regelwerk. Wie beim echten Reiten gibt es die verschiedensten Disziplinen: Vom klassischen Dressurreiten, über Parcours mit herausfordernden Hindernissen bis hin zum Pferderennen. Teilnahmevoraussetzungen und Richtlinien zur Leistungsbewertung sind neben vielen anderen Punkten in eben jenem Regelwerk festgelegt. Selbst die Bekleidung, die Länge des Hobby Horse-Stabs und teilweise das Gewicht des Hobby Horses sind streng definiert.

Aktuell haben Kalle Wruck und Nils Randow bis zu acht verschiedene Steckenpferde im Verleih. © Sandra Hermannsen

“Bei uns geht es in erster Linie um den Spaß”, sagt Kalle Wruck vom Strandkorbverleih. Gegen eine Gebühr von 2 Euro pro Tag können Interessierte eines von aktuell acht Steckenpferden leihen. In liebevoller Handarbeit hat Nils eine Halterung gebaut, die Stäbe auf Regellänge gebracht und die Pferdchen getauft. Das zahlt sich aus, der Verleih boomt. Ob ernsthafte Hobbyreiter*innen oder kleine Nachwuchstalente – täglich kommen, vor allem Mädchen, zum Steckenpferdestall. Dann hört man sie schwärmen: “Ich hätte gerne Cornetto!” – “Und ich finde Solero am schönsten.” Wann immer man beim Café Knülle vorbeikommt, sind ein oder mehrere Pferdchen auf Ausritt. “Dass das so gut läuft, hätten wir auch nicht gedacht!”, resümiert Kalle Wruck nach wenigen Wochen.

Ungeschriebene Regel beim Hobby Horsing ist es, auf selbstgenähten Steckenpferden zu reiten. Doch noch stammen die Exemplare bei Nils und Kalle aus dem Einzelhandel oder Altbeständen von befreundeten Insulanern. Wer sich jedoch am Café Knülle ein Denkmal setzen möchte, darf natürlich ein eigens angefertigtes Exemplar in die Betreuung geben.

Nun kann man sich natürlich vorstellen, dass die Sportart nicht von allen so ernst genommen wird, wie sich die Gemeinschaft das wünscht. Im Netz kursieren zahlreiche Videos und Memes, die sich darüber lustig machen. Doch selbst Experten aus Reitverbänden geben zu, dass Hobby Horsing durchaus auch beim echten Reiten helfen kann. Fertigkeiten wie Koordination, Schnellkraft, Balance und Raumgefühl werden durch das Steckenpferdreiten gefördert. Und: Die Tierrechtsorganisation PETA feiert den Sport bereits als tierfreundliche Alternative zum teils qualvollen Leistungssport mit echten Pferden.

Die nächsten Deutschen Meisterschaften im Hobby Horsing finden übrigens im kommenden Mai  in Frankfurt am Main statt. Mit dabei ist dann sicher auch die aktuelle Weltrekordhalterin  im Springreiten: Die mittlerweile 16-jährige Schleswig-Holsteinerin Lotta Mirring ist bereits seit zwei Jahren ungeschlagen in ihrer Disziplin. Mit 1,42 m absolvierte sie 2023 den bislang höchsten Sprung mit einem Steckenpferd. Respekt!

Als neuer Außenposten der Steckenpferd-Community ist der Amrumer Kiosk also gar nicht schlecht gewählt. Der Reitsport scheint den Norddeutschen im Blut zu liegen. Hinzukommen die zahlreichen Pferdehalter*innen und -liebhaber*innen auf der Insel. Wem das nötige Kleingeld für die richtigen Reitstunden also noch fehlt, kann bei Nils und Kalle am weiten Strand kostengünstig üben.

Übrigens: Hobby Horsing wurde für die Olympischen Spiele 2024 vorgeschlagen. Zwar wurde es bislang nicht angenommen, einen Ausblick für die Zukunft des Sports dürfte dies dennoch geben.

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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