Auf dem Wege von Norddorf zur Nordspitze, am Ende der Marschenwiesen, wo das Gelände zu flachen Dünen aufsteigt und die Straße einen Bogen macht, steht ein anderthalb Meter hohes, weisses Gebilde, das man als Vorbeiwandernder vielleicht für eine Grenzmarkierung halten und nicht weiter beachten würde.
Erst beim Nähertreten entdeckt man die Bild-und Schrifteinlagen und obendrauf aus Stein eine Diakonissen-Haube. Es ist ein Denkmal, auf historischem Platz eine Erinnerung an das einhundert Jahre dauernde Engagement der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta aus Bethel bei Bielefeld. Auf dem Platz des kleinen Denkmals hat früher einmal das Seehospiz I gestanden. Wie kam diese ferne Einrichtung nach Amrum? Es war in den 1880er Jahren, als Amrum für den Fremdenverkehr entdeckt wurde, nachdem schon vorher Seebäder in der Nachbarschaft (1819 zuerst Wyk, dann 1855 Westerland und St. Peter Ording ) entstanden waren und die Augen zunächst auswärtiger Interessenten auch auf Amrum gerichtet wurden. Es war der aus Hannover-Waldhausen stammende Architekt Ludolf Schulze, der als Kurgast in Wyk einen Ausflug nach Amrum machte und hier ”die ganze Schönheit der Natur” entdeckte. Er richtete am 1. September 1885 einen Antrag an die Gemeinde Amrum und bat um die “Badekonzession” zwecks Aufbau eines kompletten Seebades mit Häusern im inselgerechten (!!!) Stil auf der Amrumer Südspitze Wittdün, die damals noch völlig unbewohnt war. Aber die Gemeindevertretung, die nur wenige Tage später schon zusammentrat, lehnte den Antrag einstimmig ab, “weil man den Verderb der guten hiesigen Sitten befürchtete, wie es Beobachtungen in Wyk und Westerland zur Genüge beweisen”. Der damalige Inselpastor Wilhelm Tamsen und sein Küster, Bandix Friedrich Bonken, teilten diese Befürchtungen, so dass sich der Pastor an die “Innere Mission” wandte, mit der Bitte, auf Amrum eine Art christliches Hospiz für fromme Gäste zu errichten und damit gegen das Treiben in einem modernen, weltlichen Seebad ” einen Damm für die Bewahrung von Vaterglaube und Vätersitte ” zu bauen.
Durch die Innere Mission wurde die Bitte an Pastor Friedrich von Bodelschwingh gesandt, der sich durch seine sozialen Werke und die Gründung der späteren Stadt Bethel im Deutschen Reich schon einen Namen gemacht hatte. Die Bitte fiel auf fruchtbaren Boden, denn Bodelschwingh hatte anläßlich eines Badeurlaubes auf einer ostfriesischen Insel in eigener Anschauung erlebt, wie der Fremdenverkehr das einfache Inselleben und die guten alten Sitten verdorben hatte.
Im Jahre 1888 reiste Pastor Bodelschwingh mit seiner Familie über Hamburg und Wyk nach Amrum, wohnte in einem Friesenhaus in Nebel und fand bei seinen Wanderungen an den Inselstränden die Insel zunächst für ein Seebad ungeeignet. Denn überall, auch auf der von auswärtigen Interessenten favorisierten Südspitze Wittdün, hemmte der Kniep “den kräftigen Wellenschlag”. Und das war damals das Kriterium für ein Seebad. Bodelschwingh wollte schon resignieren, als er dann doch im Norden der Insel eine Strandzone mit direktem Wellenschlag fand, auf halbem Wege von Norddorf zur Nordspitze. Hier sollte – nach einem Brief an die Diakonissenanstalt – ein “Hospiz der Zukunft” entstehen – genau dort, wo sich das erwähnte kleine Denkmal befindet. Nach Verhandlungen mit der Gemeinde Amrum über den Verkauf entsprechender Landflächen und mit der Schleswig-Holsteinischen Provinzial-Regierung wegen der Konzession, konnte am 4. Juli 1890 das erste Hospiz, bestehend aus einigen Fertighäusern einer norwegischen Firma, errichtet und eingeweiht werden.
In jener Zeit war der Fremdenverkehr über die Badefreuden hinaus ein vorwiegendes Gesellschaftsereignis. Auf Strandpromenaden “lustwandelten” Herrschaften im feinen Sonntagsstaat, egal ob in Ostende, auf Norderney, in Westerland oder Travemünde. Aber das Hospiz in Norddorf bezog sich “auf die Stillen im Lande”, die das gesellschaftliche Brimborium nicht wollten. Und ungeachtet der bescheidenen Räumlichkeiten und der kollektiven Mahlzeiten an langen Tischen (Schinken z. B. wurden durch das Eingraben im schattigen Dünensand kühl gehalten!) wurde das Hospiz von hochrangigen Gästen besucht, sogar einige Male von der Prinzessin Irene Heinrich von Preußen.
Auch ihr Ehemann, Prinz Heinrich (ein Bruder des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.), war zu Besuch im Seehospiz, so dass eines der freistehenden Gebäude den Namen “Prinzenhaus” erhielt.
Es blieb aber nicht bei dem einen Hospiz. Auf Grund des Andranges auf diese Eigenart des Fremdenverkehres mussten in kurzer Zeit weitere Häuser erbaut werden, so 1893 das “Seehospiz II”, 1895 das “Seehospiz III” und 1905 das “Seehospiz IV”. Nachdem die Westfälische Diakonissenanstalt weiteres, umfangreiches Gelände zwischen Norddorf und der Strandzone erworben hatte und längst der dominierende Faktor im unveränderten Friesendorf Norddorf war, wurde schließlich im Jahre 1911 noch das große “Ambronenhaus” gebaut. Aber da war Pastor Bodelschwingh schon gestorben (2. April 1910). Er hatte das größte Urlaubsunternehmen an deutschen Küsten errichtet, das über manche finanzielle Kapriolen – z. B. dem Konkurs der Aktiengesellschaft Wittdün und Satteldüne 1907 – seinen Bestand bewahrte und auch über Bodelschwinghs Tod der Insel bzw. Norddorf verbunden blieb. So wurde noch 1929 mit Hilfe der Westfälischen Diakonissenanstalt das großzügige “Gemeindehaus” gebaut, das unverändert mit seinen großen Säälen das Zentrum der Veranstaltungen auf Amrum ist. Und 1958 sorgte das “Hospiz” noch für den Bau eines Kurmittelhauses, das Norddorf den Status “Nordseeheilbad” vermittelte. In den Folgejahren wurde das Haus noch wesentlich erweitert und modernisiert. Und bis zuletzt wurden die Hospize geleitet von Diakonissen – das Seehospiz I zuletzt von Schwester Tamarra, die – wie ihre Kolleginnen in den anderen Häusern auch, jedes große Hotel hätten führen können.
Aber nach 100jährigem Bestehen der Hospize bzw. Ferienheime in Norddorf hieß es plötzlich in Bethel/Bielefeld in der Verwaltung: Es ist nicht unsere Aufgabe, fernab von unserem eigentlichen Anliegen ein Urlaubszentrum zu betreiben. Das Unternehmen wurde – sozusagen im Handstreich – verkauft und dient heute als Mutter-Kind-Kurheim. Das Seehospiz I allerdings wurde im Jahre 2001 abgebrochen.
Zehn Jahre später – inzwischen hatte ein Austernfischer-Paar die nunmehr leere Stätte als Brutplatz besiedelt – wurde hier 2011 durch die Initiative der Sarepta-Schwesternschaft als Erinnerung an das Werk von Pastor Bodelschwingh und den zahlreichen Diakonissen das “Denkmal” aufgestellt, gestaltet vom Steinmetz Markus Thiessen aus Süderende/ Föhr.
Herzlichen Dank Herrn Quedens für den ausführlichen Artikel über das Denkmal für das Engagement der vielen Diakonissen der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta in den von Pastor Friedrich von Bodelschwingh gegründeten Christlichen Seehospizen.
Es ist sehr erfreulich, wenn die Zeit der Seehospize und des Einsatzes für unzählige Gäste, aber auch für die Insel Amrum nicht in Vergessenheit gerät. Ich selbst habe als junge Studentin im Sommer 1977 im Hospiz II ausgeholfen und dabei Amrum lieben gelernt. “Nach Amrum, um glücklich zu sein” fand ich damals im Gästebuch – und das gilt auch für mich bis heute. Auch die “Amrum-Schwestern” liebten Zeit ihres Lebens die Insel und kamen – sicher mit Wehmut im Herzen – auch nach der Aufgabe der Häuser immer wieder mal auf ihre geliebte Insel. Einer noch lebenden, hochbetagten Diakonisse werde ich Ihren Artikel zuschicken.
Barbara Piechocki
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Herzlichen Dank Herrn Quedens für den ausführlichen Artikel über das Denkmal für das Engagement der vielen Diakonissen der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta in den von Pastor Friedrich von Bodelschwingh gegründeten Christlichen Seehospizen.
Es ist sehr erfreulich, wenn die Zeit der Seehospize und des Einsatzes für unzählige Gäste, aber auch für die Insel Amrum nicht in Vergessenheit gerät. Ich selbst habe als junge Studentin im Sommer 1977 im Hospiz II ausgeholfen und dabei Amrum lieben gelernt. “Nach Amrum, um glücklich zu sein” fand ich damals im Gästebuch – und das gilt auch für mich bis heute. Auch die “Amrum-Schwestern” liebten Zeit ihres Lebens die Insel und kamen – sicher mit Wehmut im Herzen – auch nach der Aufgabe der Häuser immer wieder mal auf ihre geliebte Insel. Einer noch lebenden, hochbetagten Diakonisse werde ich Ihren Artikel zuschicken.
Barbara Piechocki