Wie ich als Vegetarierin beim Haggis landete… Ein Erfahrungsbericht …

Ich ernähre mich zu 90% vegetarisch und trinke an 90% meiner Abende alkoholfreies Bier. Eine Einladung zur Burns Night in die Blaue Maus nutzt die jeweils übrigens 10% aus und führt mitten hinein in schottische Traditionen. Am Ende liegt etwas auf meinem Teller, das ich nie dachte, jemals zu probieren…

Große Freude bei der Präsentation des Haggis, dem Häuptling der Würstewelt.

Eine Einladung, die man nicht ausschlägt

Gelegentlich bin ich abends in der Blauen Maus. Dann trinke ich ein, zwei alkoholfreie Biere und esse einen vegetarischen Salat. Vor zwei Wochen sprach mich Jan von der Weppen, genannt Janni (der Besitzer), beim Bezahlen an, ob ich nicht zur traditionellen Robert-Burns-Night kommen und darüber berichten wolle. Ein schottischer Abend zu Ehren des Nationaldichters aus dem 18. Jahrhundert, dem jährlich an dessen Geburtstag gedacht wird – mit viel Fleisch und noch mehr Whisky. Na, da fragt er ja genau die Richtige! Aber da es sich um eine exklusive Veranstaltung handelte, ich mich geehrt fühlte und obendrein auch ein wenig neugierig war, sagte ich zu.

Die Riege der außergewöhnlichen Gentleman: Der Namensgeber Robert Burns und seine hochprozentigen Brüder.

Warum Robert Burns bis heute gefeiert wird

Robert Burns wurde am 25. Januar 1759 im Süden Schottlands geboren. Namentlich ist er wahrscheinlich den wenigsten bekannt. Den englischen Silvesterklassiker Auld Lang Syne hingegen kann fast jeder zumindest mitsummen. Und den Text dazu verfasste eben jener Robert Burns. Grund genug also, seiner alljährlich zu gedenken.

In der Blauen Maus wird die Burns Night bereits seit 2013 immer genau am 25.01. gefeiert – egal, welcher Wochentag ist oder ob eigentlich Ruhetag in der urigen Kneipe herrschen würde. „Geburtstage muss man feiern, wie sie fallen“, begründet Janni den Sonntagabend und begrüßt so die rund 30 Gäste. Das Lokal ist mit schottischen Flaggen und Wimpelketten geschmückt, Janni und sein Mitarbeiter Andis tragen karierte Schottenröcke. Am Eingang gibt es bereits den ersten Whisky auf die Hand – „damit man was zum Festhalten hat“. In ein paar Stunden könnte man eventuell etwas Stabileres zum Festhalten gebrauchen.

Jan von der Weppen (rechts) und Kollege Andis Paulauskis im traditionellen Kilt.

Whisky, Wissen und ein Wirt im Kilt

Insgesamt zehn Whiskysorten sollen an diesem Abend verkostet werden. Dazu gibt es ein traditionelles Drei-Gänge-Menü, schottische Volksmusik von Georg „Schorsch“ Dittmar (der auch ein paar irische und deutsche Songs darunter schmuggelt) und viel Wissenswertes von Janni, dem wandelnden Lexikon in puncto Schottland, Burns und Gebranntem.

Der Begrüßungswhisky, ein Arran Robert Burns Blended Whisky, ist mit seinen 40 Prozent noch vergleichsweise leicht, sodass ich dieses Gläschen durchaus in Gänze genießen kann. Eine Mischung aus Früchten, Karamell und gerösteten Mandeln – sehr angenehm. Es folgt die Vorspeise: ein Krabbencocktail, der die erste feste Basis für alle folgenden Flüssigkeiten bildet.

Aus den Lautsprechern tönt die Ode an den Haggis, Gastwirt Jan von der Weppen sticht bedeutsam den Dolch in das vermeintliche Fabelwesen .

Eine Zeremonie für den „Häuptling der Würstewelt“

Nach einer weiteren Runde Whisky, hergestellt auf einer Farm, die Robert Burns zeitweise selbst betrieb, wird dem Highlight und Hauptgang die Bühne bereitet. Der Gastraum verdunkelt sich, Schummerlicht schafft eine bedeutungsvolle Atmosphäre. Aus den Lautsprechern schallt mit tiefer Stimme Robert Burns’ Gedicht „Address to a Haggis“, eine wahre Ode an den Häuptling der Würstewelt. Feierlich trägt Janni das „Haggis-Tier“ auf einem Silbertablett in den Gastraum, präsentiert den mit Innereien und Haferflocken gefüllten Schafsmagen an jedem Tisch und schneidet ihn am Ende bedeutsam mit einem Dolch auf. Kaum ein Gast, der die Zeremonie nicht mit dem Smartphone aufnimmt. Mich erinnert die Atmosphäre an frühere Konzertabende, bei denen noch Feuerzeuge im Takt der Schmuselieder leuchteten. Da wird einem glatt ein wenig weihnachtlich ums Herz. Applaus beendet das kleine Spektakel und eröffnet damit das Selbstbedienungsbuffet.

Einer Legende nach ist das Haggis ein kleines Pelztier, eine Mischung aus Kaninchen und Eichhörnchen, das in den schittischen Highlands lebt – vergleichbar mit dem bayrischen Wolpertinger.

Neben den klassischen Beilagen aus Steckrüben und Kartoffeln (neeps and tatties) gibt es braune Sauce und sogar eine vegetarische Variante des Haggis. Was es nicht alles gibt – ich bin begeistert! Da aber meine Neugier auf unbekannte Spezialitäten größer ist als meine Ablehnung des Fleischverzehrs, landet neben dem pflanzlichen Wurstbratling auch ein Löffelchen Originalhaggis auf meinem Teller. Und was soll ich sagen: Ich bin positiv erstaunt. Stellte ich mir das früher immer als schleimige Magenmasse vor, überrascht mich nun die trockene Konsistenz und der pfeffrig-nussige Geschmack. Die vegetarische Variante schmeckt dabei wesentlich intensiver nach Leber als die echten Innereien. Faszinierend.

Unter den Gästen herrscht eine familiäre und ausgelassene Stimmung.

Süßes Finale – am Anfang einer langen Nacht

Nach der Völlerei folgt eine kurze Pause, die jedoch nicht ungefüllt bleibt. Schorsch nimmt samt Gitarre und Mundharmonika seinen Platz am Mikrofon ein, spielt eine gut gelaunte schottisch-deutsch-irische Liedermischung und verkürzt damit die Wartezeit auf den Sticky Toffee Pie. Ich nippe unterdessen noch genussvoll am 60-prozentigen Nc’nean Organic Whisky aus dem Calvadosfass von 2017, einem Renner in der Blauen Maus. Als Schorsch schließlich das Nordseeküstenoriginal „The Wild Rover“ anstimmt, gibt es die ersten Schunkler in der Kneipe.

Dann: der Sticky Toffee Pudding mit Butterscotch-Sauce. Jan hatte zu Beginn des Abends bereits angekündigt, dass er beim Zubereiten sein Wohnzimmer quasi grundsanieren musste, da der üppige Pie weit übers Backblech hinausbackte. Allein dieser Umstand hatte mein kulinarisches Interesse erneut geweckt, da ich mir nicht allzu viel darunter vorstellen konnte. Was dann kam, war so ziemlich das süßeste Dessert, das ich je gegessen habe – und gleichzeitig eines der köstlichsten. Karamell, Datteln, Vanille, eine Prise Salz, ein Hauch Whisky: himmlisch.

Während ich nach dem üppigen Mahl und meinen drei Schlückchen Scotch gegen halb elf dankbar und wohlig müde den Heimweg antrete, ist in der Maus noch lange nicht Schluss. Eine Freundin schreibt mir um kurz vor zwei, dass sie nun zu Hause sei. Von Janni erfahre ich am nächsten Tag, dass das Team erst um halb fünf mit dem Aufräumen fertig war. Halleluja – oder Slàinte Mhath. Aufs nächste Jahr!

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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