Amrums junge Dünen und Lagunen – Natur im ständigen Wandel …

Amrums Küste verändert sich ständig: Wind, Wellen und Pflanzen formen neue Dünen, Lagunen und Feuchtgebiete. Die jungen Weißdünen und Dünenseen sind Lebensraum zahlreicher seltener Tier- und Pflanzenarten. Dank eines durchdachten Wegenetzes können Besucher:innen Amrums empfindlichen Naturräume erleben, ohne sie zu stören.

Seeseits des NSG „Amrumer Dünen“ erstreckt sich das Lagunengebiet mit den vorgelagerten jungen Weißdünen. Kartengrundlage © Google maps

Die Küste in Bewegung

Strand- und Dünenlandschaften des Wattenmeers wirken auf den ersten Blick zeitlos und unveränderlich. Tatsächlich jedoch befinden sie sich in ständigem Wandel: Wind, Wellen und Pflanzenwachstum formen die Küste immer wieder neu. Lebensräume entstehen, verändern sich oder verschwinden. Auf Amrum lässt sich diese Dynamik besonders eindrucksvoll beobachten.

Seewärts des großen Naturschutzgebiets „Amrumer Dünen“, das sich von Norddorf bis Wittdün erstreckt, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Dünenkette gebildet. Diese jungen Dünen bestehen fast ausschließlich aus Sand und Strandhafer und werden als Weißdünen bezeichnet.

Zwischen den jungen Dünen und den älteren Dünenbereichen im Inselinneren sammelt sich Regenwasser. So entstehen flache Dünenseen und Lagunen. Bei Sturmfluten werden sie gelegentlich mit Salzwasser überspült. Gemeinsam mit den Dünen bilden diese Feuchtgebiete einen außergewöhnlichen Lebensraum für zahlreiche spezialisierte Tier- und Pflanzenarten.

Zwischen Binsen wächst der winzige Zwerglein (Radiola linoides), auch Zwergflachs genannt. Seine Blüten sind nur 1–2 Millimeter groß. Die filigrane
Pflanze ist mit den Lein-Arten verwandt, die zur Gewinnung von Fasern und Leinöl angebaut werden.

Schutz auch außerhalb des Naturschutzgebiets

Obwohl die jungen Dünen und Feuchtgebiete teilweise außerhalb des offiziell ausgewiesenen Naturschutzgebiets „Amrumer Dünen“ liegen, stehen sie unter besonderem Schutz nach § 30 Bundesnaturschutzgesetz. Zu den gesetzlich geschützten Biotoptypen zählen unter anderem Küstendünen und Strandseen. Zudem liegen die Gebiete im Landschaftsschutzgebiet und sind nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt.

Damit diese empfindlichen Lebensräume nicht unbeabsichtigt gestört werden, stellen Naturschutzverbände im Auftrag der zuständigen Behörden Hinweisschilder auf. Sie helfen Besucher:innen, sich zu orientieren und gleichzeitig die Natur zu schützen.

Eine Vogelinsel im Lagunengebiet Westerheide. © Lilith Zimmermann

Das Lagunengebiet bei Nebel – ein Paradies für Vögel

Ein besonders dynamisches und sensibles Gebiet liegt zwischen dem Quermarkenfeuer und dem Strandübergang Nebel-Westerheide. Die Lagunen dienen zahlreichen, größtenteils seltenen Vogelarten als Brut-, Rast- und Rückzugsgebiet.

Bei Niedrigwasser suchen viele Watvögel im Watt nach Nahrung. Bei Flut nutzen sie die geschützten Feuchtgebiete als Schlafplätze. Auch während der Mauser und des Vogelzugs sind die Lagunen unverzichtbar. Ihre große Bedeutung für die Vogelwelt besteht daher ganzjährig.

Entsprechend weisen Schilder darauf hin, dass die Bereiche entlang der Lagunen nicht betreten werden dürfen.

Am Ende des Bohlenwegs am Strandübergang Westerheide: Links der alte Reitweg, der inzwischen auch für Fußgänger gesperrt ist.
Rechts der offizielle Reitweg, vorgesehen ausschließlich für Pferd und Reiter.

Die Vielfalt der Pflanzenwelt

Nicht nur die Vogelvielfalt, sondern auch die besondere Pflanzenwelt macht die Lagunen zu einem Hotspot der Biodiversität. Da die flachen Uferbereiche im Sommer teilweise austrocknen, haben sich hier hoch spezialisierte Pflanzengesellschaften entwickelt. Fachlich werden sie als Zwergbinsen- und Schlammlingsgesellschaften bezeichnet. Sie zählen deutschlandweit zu den seltenen und stark gefährdeten Lebensräumen und unterliegen auch auf EU-Ebene besonderen Schutzbestimmungen.

Die dort vorkommenden Arten sind hochspezialisierte Pionierpflanzen. Sie sind angepasst an nährstoffarme, zeitweise überflutete und später trockenfallende Standorte. Weil sie sehr konkurrenzschwach sind, können sie nur in solchen extremen Lebensräumen bestehen.

Zu den typischen Arten gehört beispielsweise die Kröten-Binse, die an wechselnde Wasserstände angepasst ist. Auch der stark gefährdete Sumpfquendel kommt auf Amrum vielerorts in feuchten Dünentälern vor.

Mit etwas Glück entdeckt das geübte Auge sogar zwei winzige, in Schleswig-Holstein vom Aussterben bedrohte Arten: den Kleinling, auch Zwerg-Gauchheil genannt, sowie den Zwergflachs. Beide werden nur wenige Zentimeter groß und besiedeln offene, nährstoffarme und wechselfeuchte Standorte. Auf Amrum wachsen sie unter anderem in feuchten Dünentälern und an den Rändern der Lagunen.

Kennzeichnung des Schutzgebiets am Nordende der Lagunen.

Wegekonzept für Besucher:innen

Um die empfindlichen Lebensräume zu schützen und gleichzeitig Naturerlebnisse zu ermöglichen, wurde 2019 ein neues Wegekonzept entwickelt. Beteiligt waren die Amrum Touristik AöR, die Gemeindevertretungen, die Untere Naturschutzbehörde, das zuständige Landesamt, die schutzgebietsbetreuenden Vereine sowie die Reitvereine.

Entstanden ist ein Wegenetz, das die unterschiedlichen Landschaftsräume der Insel verbindet: Strand, Dünen, Heide, Wald, Marsch und Salzwiesen lassen sich so naturverträglich erkunden.

Die Pflanzen- und Tierwelt der Feuchtgebiete können Besucher:innen beispielsweise vom Bohlenweg unterhalb der Aussichtsdüne in Wittdün beobachten, ohne die sensiblen Bereiche betreten zu müssen. Hervorragende Möglichkeiten zur Natur- und Vogelbeobachtung bieten die Wandelbahn in Wittdün, das Steenodder Kliff oder die Aussichtsplattform an der Odde.

Über Karen Heidemann

Karen Heidemann erblickte das Licht der Welt 1963 in Bremen, nach dem Abitur folgten eine Ausbildung zur MTRA und erste Berufsjahre in Bremer Kliniken, 1988 Studium der Biologie in Oldenburg, entdeckte dort ihre Leidenschaft für die Botanik, schloss ein Auslandsstudium in den USA mit Forschungstätigkeit im Yellowstone Nationalpark ein, war nach ihrem Diplom 1995 als Biotopkartiererin in den neuen Bundesländern unterwegs, wechselte 1996 an die Uni Trier als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, entdeckte dort im Rahmen einer ehrenamtlichen Vereinstätigkeit ihre zweite Leidenschaft: Umweltbildung. Ging im Jahr 2000 nach Köln, um als Bildungsreferentin / Projektleiterin in der nachuniversitären Weiterbildung Schwerpunkt Medizin tätig zu werden. Nachdem ihre 2 Töchter zwecks Studiums eigene Wege gingen, verwirklichte sie 2023 ihren Traum, auf einer Nordseeinsel zu leben und kam nach Amrum. Dort war sie in den Bereichen Umweltbildung und Schutzgebietsbetreuung am Naturzentrum in Norddorf tätig, 2025 übernahm sie dort die Leitung.

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