Fünf junge Freiwillige erzählten in der Wittdüner Kapelle von ihrem Alltag auf Amrum. Zwischen Wattführungen, Vogelzählungen und WG-Leben sammeln sie Erfahrungen, die weit über den Naturschutz hinausgehen. Was sie auf die Insel geführt hat und warum ihnen der Abschied schwerfallen wird.

Gut 50 Gäste waren am Dienstagabend zu einer ganz besonderen Veranstaltung in die Wittdüner Kapelle gekommen. Zu einer, die es so noch nicht gegeben hat – die es aber nach der übereinstimmenden Begeisterung am Ende sicher wieder geben wird.
Der Anfang des Jahres gegründete Verein “Bunte Kapelle. Amrumer Kultur- und Geschichtswerkstatt e.V.” lud zu einer Gesprächsrunde mit jungen Menschen ein, die einen ökologischen Freiwilligendienst auf der Insel absolvieren. Anliegen des Vereins war es, ein Schlaglicht auf dieses wertvolle Engagement zu werfen und die motivierten jungen Erwachsenen dahinter vorzustellen. Zwar begegnet man den Freiwilligen bei naturkundlichen Führungen, aber viele ihrer Aufgaben und vor allem ihre ganz persönliche Geschichte bleiben häufig im Verborgenen.
Thurid Pörksen, Vorsitzende des Vereins Bunte Kapelle, begrüßte die Anwesenden und sagte: “Wir wollen die Kapelle bunt machen. Einerseits im übertragenen Sinne – wir wollen sie wiederbeleben mit Veranstaltungen wie diesen. Andererseits aber auch wortwörtlich, denn wir träumen beispielsweise von neuen bunten Fenstern.” Alle, die diesen Traum teilen und den Verein mit Spenden oder auch Veranstaltungsideen unterstützen wollen, sind herzlich eingeladen, sich bei den Mitgliedern zu melden.
Neue Ideen für die Bunte Kapelle
Nach den kurzen Grußworten ging es auch direkt los. Moderiert wurde der Abend von Petra Kunze, ebenfalls im Vorstand des Vereins. Gemeinsam mit fünf Freiwilligendienstleistenden saß sie an zwei Tischen im Chorraum vor dem Altar. Unweigerlich musste ich bei der Szenerie an Da Vincis Abendmahl denken. Und auch wenn kein Brot und Wein geteilt wurden, so verbinden die Freiwilligen viele gemeinsame Erinnerungen, an denen sie das Publikum teilhaben ließen.
Vom Festland auf die Insel
Fünf junge Menschen, alle zwischen 18 und 19 Jahren alt und frisch von der Schule, kamen vergangenen August aus ganz Deutschland auf die Insel, um ein Jahr lang Freiwilligenarbeit im Naturschutz zu leisten. Kristin, Eva und Janne bei der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün, Luca und Lilith beim Öömrang Ferian in Norddorf. Was sie dazu bewegt hat? Die Liebe zur Insel, die sie aus vielen Familienurlauben kennen oder Erfahrungen von Freunden und Familie, die bereits ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) oder einen BFD (Bundesfreiwilligendienst) absolviert haben. Luca lacht: “Ich hatte mal gehört, dass man ein Jahr mit Robben verbringen kann! Das wollte ich unbedingt!” So war es auch nicht verwunderlich, dass eines ihrer Highlights des Jahres die Bewachung einer frisch geborenen Kegelrobbe um Weihnachten herum an der Norddorfer Odde war.

Zwischen Watt, Vögeln und Führungen
Die Tätigkeiten der Freiwilligen sind vielfältig. Neben den zahlreichen naturkundlichen Führungen, die sie Urlaubern, aber auch Schulklassen geben, stehen auch regelmäßige Kartierungs- oder Gebietsbetreuungsaufgaben an. Spülsaummonitoring, Watt- und Insektenkartierung, Nistkastenkontrolle oder Vogelzählungen sind nur einige der Arbeiten. Den Rhythmus geben die Gezeiten, die Phänologie – oder die Schulferien vor. Und die hauptamtlichen Stationsleitungen, die den Rücken freihalten und viel Organisatorisches übernehmen. Das Gesicht des Nationalparks aber sind für die Urlauber die Freiwilligen.
“Anfangs hatte ich schon echt Bedenken davor, vor so vielen Menschen reden zu müssen. Und sich dann noch in kurzer Zeit das ganze Wissen aneignen! Wie soll das gehen?”, erzählt Eva, die einen halbjährigen BFD macht und erst seit April dabei ist. Alle nicken. Die Sorgen hatten sie alle, aber: “Am Ende ging das super gut. Man geht ein paar Mal bei den Vorgängern auf den Führungen mit und dann hat man das ziemlich schnell drauf”, sind sich alle einig. Angst vor großen Gruppen hat auch niemand mehr.
Erweitert wird das Wissen über Watt & Co. auch in den verpflichtenden Seminaren, an denen alle Freiwilligen teilnehmen. Je nach Träger finden diese an unterschiedlichen Standorten in Schleswig-Holstein statt. “Besonders cool war das Segelseminar in der Ostsee, bei dem ich dabei sein durfte”, erinnert sich Luca gerne. Kristin kehrte gerade von einem Zeltseminar in den Hüttener Bergen zurück.
WG-Leben und Gemeinschaft
Einen großen Anteil daran, wie gerne alle ihrer Arbeit nachgehen und wie wohl sie sich auf der Insel fühlen, haben auch die Menschen, allen voran ihre Kolleginnen und Kollegen. “Ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, alleine zu wohnen”, sagt Kristin, die wie alle anderen Freiwilligen in einer gemeinsamen WG wohnt. Beide Vereine stellen den Ehrenamtlichen Dienstwohnungen zur Verfügung. “Das ist ein Riesenvorteil gegenüber vielen Einsatzstellen auf dem Festland,” ergänzt Luca. “Wir würden ja sonst niemals eine Wohnung auf Amrum finden!”
Insgesamt sind sie auf ihren jeweiligen Stationen fünf bis sechs Freiwillige, die zusammen wohnen, arbeiten, kochen – aber auch am Inselleben teilnehmen. So gehen einige regelmäßig zum Badminton des Amrumer TSV, die anderen singen im Chor. Oder sie treffen sich abwechselnd in Wittdün und Norddorf zu gemeinsamen Aktivitäten und Spieleabenden.
“Und wofür schlägt euer Herz am meisten?”, will Petra Kunze wissen. Für Kristin sind es vor allem die Muscheln, Schnecken und alle anderen Wattbewohner. Sie ist vollkommen begeistert davon, was Krebse, Muscheln und Würmer alles Cooles können und steckt mit ihrer Art auch die Besucher an. Lilith, Janne und Eva sind sich dagegen einig: es sind die Vögel. Zuvor hatte niemand Ahnung von Ornithologie, konnte gerade mal eine Amsel und ein Blaukehlchen fehlerfrei bestimmen. Mittlerweile unterscheiden sie verschiedene Seeschwalben voneinander und erkennen die Watvögel am Ruf. Das verrückteste für Luca in ihrem Jahr war somit auch die Teilnahme am Birdrace, einer deutschlandweiten “Jagd” nach möglichst vielen Vogelarten. 24 Stunden hat man Zeit, um so viele Arten wie möglich zu sehen oder hören. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Mila war Luca von vier Uhr morgens bis neun Uhr abends unterwegs. “100 Arten war unser Ziel – vorher haben wir nicht aufgegeben”, lacht sie.
Abschied mit vielen Perspektiven
Fast anderthalb Stunden lang plaudern die Freiwilligen über Erfahrungen, Erwartungen, prägendste Erlebnisse, schönste Momente und Herausforderungen. Und darüber, was sie nach diesem Jahr machen werden, wenn sie Ende August die Insel wieder verlassen. Geografie, Psychologie und Ingenieurwissenschaften werden aktuell als Studiengänge angepeilt. Nur Lilith hat bereits einen Ausbildungsplatz sicher: “Als Pferdewirtin auf Fehmarn!” Vom Inselleben muss sie sich also nicht ganz verabschieden.
Am Ende gibt es viel Beifall, Lob und Bewunderung aus dem Publikum. Die Gäste sind begeistert von dem Engagement der Freiwilligen, ihrer Motivation und Leidenschaft für den Dienst an der Natur. Und diese Begeisterung wird hoffentlich der eine oder andere Besucher mit nach Hause nehmen und sein Umfeld damit anstecken. Denn: Einen Bundesfreiwilligendienst kann man noch in jedem Lebensalter absolvieren.
Wer sich für weitere Veranstaltungen des Vereins Bunte Kapelle interessiert, schaut am besten ins Amrum Aktuell. Jeden Dienstag strebt der Verein an, die kleine Kapelle mit kulturellem Leben zu erwecken, sei es mit Lesungen, Liederabenden oder Gesprächsrunden wie dieser. Am kommenden Dienstag gibt es eine kleine Veranstaltung mit Qi Gong.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

