Mit der „Johanna“ durchs Watt und durchs Leben …

Humorvoll, nachdenklich und voller nordfriesischer Geschichten nimmt Willem Ruempler sein Publikum mit auf Reisen. Sein Vortrag spannt den Bogen von der Kindheit auf Amrum über seine medizinische Laufbahn bis zu großen Segelabenteuern auf Nord- und Ostsee. Manche Geschichten bringen das Publikum zum Lachen, andere berühren – und einige überraschen.

Willem Ruempler. ©Gerd Arnold

Kindheit zwischen Dünen und Wattenmeer

Der gebürtige Amrumer Wilhelm „Willem“ Ruempler ist Segler, Radiologe im Ruhestand und Buchautor – vor allem aber ein friesischer Freigeist. In der evangelisch-lutherischen Kapelle in Wittdün entführt er sein Publikum mit auf eine Reise durch fast acht Jahrzehnte Inselgeschichte, die er auf spannende Weise erzählt. Mit trockenem Humor, nordfriesischen Redewendungen und vielen persönlichen Erinnerungen erzählt er von einer Kindheit, die heute fast unvorstellbar erscheint.

Geboren wurde Willem im Eiswinter 1947 in Norddorf auf Amrum, in Tycho Ricklefs Hüs im heutigen Ual Saarepswai. Das Öömrang, die friesische Sprache der Insel, lernte er von klein auf. Für die Kinder war sie damals selbstverständlich und zugleich ein Stück Heimat, das sie eng miteinander verband.

Seine Freiheit fand Willem in den Dünen. Dort baute er mit Freunden Huker-Hütten aus Strandholz, sammelte Möweneier für seine Großmutter und fing Schollen sowie Plattfische im Watt. Das traditionelle Hukern gehörte damals zum Alltag vieler Inselbewohner. Heute ist diese Fangmethode des Angeln längst verboten.

Besonders eindrucksvoll sind die alten Fotografien, die Ruempler zeigt. Sie erzählen vom Norddorf der Nachkriegszeit, von Schulklassen mit mehreren Jahrgängen in einem Raum und von einer Landschaft, die damals noch von einer weitläufigen Heide geprägt war. Erst um 1950 entstand der heutige Amrumer Wald.

Tychos Hüs im Ual Saarepswai. Hier wurde Willem Ruempler geboren. ©privat

Vom Radiologen zum Buchautor

Der Weg aus den Dünen führte Willem weit hinaus in die Welt. Nach bewegten Jugendjahren entschied er sich für die Medizin und machte Karriere als Facharzt für Radiologie. Jahrzehntelang arbeitete er als leitender Radiologe an der Klinik Dr. Hancken in Stade.

In seiner langen Laufbahn untersuchte er weit über 100.000 Patientinnen und Patienten. Wegen seiner Statur und seiner Fachkompetenz verliehen ihm Kollegen augenzwinkernd den Spitznamen „Der Scheich“.

Doch selbst während seiner erfolgreichen Berufsjahre blieb Amrum der Mittelpunkt seines Lebens. Immer wieder zog es ihn zurück ans Meer, zu den Gezeiten und in das Wattenmeer, das ihn seit seiner Kindheit geprägt hatte.

Mit seinem Buch „Johanna von Amrum – Eine Amrumer Geschichte“ erfüllte sich Ruempler schließlich einen lang gehegten Wunsch. Zwei Jahre arbeitete er daran – ohne Lektorat und ohne den Anspruch, damit Geld zu verdienen. Das Buch entstand für Familie, Freunde und alle, die Amrum lieben. Polarforscher Arved Fuchs brachte es mit wenigen Worten auf den Punkt: „Du hast ein schönes Chaos angerichtet.“

Johanna von Amrum in der Norderaue. ©privat

Die große Liebe: die „Johanna von Amrum“

Neben seiner Familie gibt es eine zweite große Liebe in Willems Leben: sein traditionelles Plattbodenschiff „Johanna von Amrum“. Dieses Schiff ist weit mehr als ein Hobby. Es ist ein Teil seines Lebens.

Das fast zwölf Meter lange Schiff vom niederländischen Typ Hoogaars bestand ursprünglich vollständig aus Stahl. In rund zwanzig Jahren verwandelte Ruempler es mit unzähligen Arbeitsstunden in ein einzigartiges Schmuckstück aus Holz. Den Winter über liegt die „Johanna von Amrum“ in einer Bootshalle in Stade-Abbenfleth. In der Segelsaison wartet das Schiff im Amrumer Yachthafen auf ihren nächsten Törn.

Auch seine im Juli dieses Jahres, kurz nach dem Vortrag, verstorbene Ehefrau Leonore Johanna bleibt untrennbar mit dem Schiff verbunden. Wenn Willem über sie spricht, werden seine Worte leiser.

„Sie war meine Freundin und Frau, mit der ich drei Kinder und fünf Enkel habe.“

Die Erinnerungen an gemeinsame Jahre begleiten ihn bis heute – auf See ebenso wie an Land.

Klassenfoto von 1956. ©Arcihv: Gerd Arnold

Segelabenteuer auf Nord- und Ostsee

Mit der „Johanna von Amrum“ bereiste Willem Ruempler viele der schönsten Küsten Europas. Seine Reisen führten ihn nach Zeeland, Bornholm, entlang der dänischen Nordseeküste und sogar bis nach Schottland. Über einige dieser außergewöhnlichen Törns berichtete auch das NDR-Fernsehen.

Die besondere Bauweise seiner Hoogaars erlaubt ihm Fahrten, die für viele Kielyachten unmöglich wären. Im Wattenmeer lässt er das Schiff bewusst trockenfallen. Wenn das Wasser verschwindet, ruht die „Johanna“ auf dem Sand, bis die nächste Flut sie wieder anhebt. Für Ruempler gehören diese stillen Stunden zu den schönsten Momenten des Segelns.

Oft ist er wochenlang allein unterwegs. Dann liest er, hört Musik – von Klassik bis Rock – und genießt die Ruhe auf See. Gerade diese Einsamkeit empfindet er als großen Reichtum.

Während seines Vortrags untermalen historische Filmaufnahmen die Erzählungen. Zu alten Shantys sehen die Besucher eine Sturmfahrt auf der Ems, einen Törn von Fanø nach Büsum und das Treffen der Freunde des Gaffelriggs mit zahlreichen traditionellen Plattbodenschiffen auf Pellworm. Natürlich fehlt auch eine humorvolle Anekdote nicht: Für den Fanø-Törn hatte Willem reichlich Schnaps gebunkert – doch nach vier Tagen war der Vorrat aufgebraucht, weil die dänischen Segler gerne mitgetrunken hatten.

Über Gerd Arnold

Gerd Arnold, 1957 in Nebel auf Amrum geboren. Ein „echter“ Amrumer mit der friesischen Sprache (öömrang) aufgewachsen. Bis 1972 die Schule in Nebel besucht, danach Elektroinstallateur in Wittdün gelernt. 1976/77 in Wuppertal den Realschulabschluss nachgeholt. Ab Oktober 1977 als Berufssoldat bei der Bundesluftwaffe und seit November 2010 Pensionär. Nach vielen Jahren der verzweifelten Suche nach passenden „bezahlbaren“ Wohnraum auf Amrum endlich fündig geworden, seit Februar 2022 wieder ständig auf Amrum. 2019 ins Team der Amrum News integriert, aber das soll neben dem Angeln nicht die einzige Aktivität auf der Insel bleiben.

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