Amrumer Kontraste 10 – Die Steenodder Mole …

Das Leben auf Amrum wird auch von den Gezeiten geprägt. Das wird deutlich, wenn man seinen Blick von einem markanten Ort aus zu unterschiedlichen Tageszeiten auf das Wattenmeer richtet. Die Mini-Maus an der Steenodder Mole ist ein idealer Ort, um das Spiel der Gezeiten im Wattenmeer zu beobachten. Allerdings ist hierfür ein mehrfacher Besuch notwendig, denn der Wasserspiegel steigt zweimal am Tag um zwei bis dreieinhalb Meter an. Zu diesem Zeitpunkt ist das Watt überflutet. Dieses Ereignis nennt man Flut. Hochwasser (auch Tidehochwasser) ist der höchste Wasserstand. Genauso wie das Wasser kommt, fließt es auch wieder zurück. Dann herrscht Ebbe. Weite Gebiete fallen trocken. Den tiefsten Stand, den das Wasser erreicht, nennt man Niedrigwasser (auch Tideniedrigwasser). Der mittlere Tidenhub ist der Höhenunterschied zwischen Hochwasser und Niedrigwasser. Er beträgt auf Amrum ca. 2,40 Meter. (Der größte Tidenhub der Welt tritt übrigens an der kanadischen Atlantikküste auf und erreicht dort bis zu 16 Meter.)

Den mittleren Stand zwischen Hoch- und Niedrigwasser nennt man Normalnull (NN) – heute: Normalhöhennull (NHN). Die Bezeichnungen für Ebbe und Flut lauten Gezeiten oder auch Tide. Ebbe und Flut treten beständig auf und dauern zusammen 12 Stunden und 24 Minuten. Das bedeutet, dass sich die Gezeiten täglich um 48 Minuten verschieben.

Weshalb ist das so? Die Anziehungskraft von Mond und Erde sowie die Fliehkraft der Erde bewegen das Meerwasser. Wie in einem Karussell, in dem die Fahrgäste durch die Drehung nach außen gedrückt werden, wird auch hier die Fliehkraft deutlich. Auf der mondnahen Seite der Erde ist die Anziehungskraft des Mondes stärker als die Fliehkraft der Erde. Dadurch wird hier das Meerwasser zum Mond hingezogen – es entsteht Flut. Auf der vom Mond abgekehrten Seite der Erde ist jedoch die Fliehkraft der Erde größer als die Anziehungskraft des Mondes. Deshalb entsteht auch hier ein zweiter Wasserberg – Flut. Aus den dazwischenliegenden Gebieten fließt das Wasser ab; dort herrscht Ebbe. Die Anziehungskräfte addieren sich, wenn Sonne, Mond und Erde in einer Linie stehen. Wenn dies geschieht, kommt es zu besonders hohen Fluten und niedrigen Ebben (Springflut, Springtide). Die Flut fällt dagegen geringer aus, wenn Sonne, Mond und Erde in einem rechten Winkel zueinander stehen; hier wirken die Anziehungskräfte in unterschiedliche Richtungen (Nippflut, Nipptide).

Die tägliche Zeitverschiebung der Gezeiten hat ihren Grund darin, dass der Mond die Erde in derselben Richtung umkreist, in der sich die Erde in 24 Stunden einmal um ihre eigene Achse dreht. Der Mond benötigt für eine volle Erdumrundung ca. 29,5 Tage, wandert dabei jedoch auf seiner Bahn weiter. Um den Mond wieder exakt „einzuholen“, muss sich die Erde an jedem Tag um etwa 12,2 Grad weiterdrehen, wofür sie – auf Amrum bezogen – 48 Minuten benötigt. Die Flutberge richten sich immer nach dem Mond und seiner Anziehungskraft. Da dieser jeden Tag 48 Minuten später am gleichen Punkt über Amrums Himmel steht, verschieben sich Ebbe und Flut im gleichen Rhythmus.

Die Flutwellen werden nicht in der flachen Nordsee erzeugt, sondern stammen aus dem Atlantik und schwingen in die Nordsee hinein. Eine um Schottland herum vor der englischen Küste nach Süden verlaufende Flutwelle erreicht mit einer zwölfstündigen Verzögerung die Deutsche Bucht. Das bedeutet, dass die Hoch- und Niedrigwasserstände je nach geografischer Lage eines Ortes zu unterschiedlichen Zeiten auftreten. So unterscheiden sie sich beispielsweise auch an der Nord- und Südspitze Amrums. Wer die genauen Zeiten wissen will, sieht in den vom Deutschen Seefahrtsamt herausgegebenen Kalender, in dem für alle markanten Stellen der deutschen Küsten die Tiden verzeichnet sind.

Über die Steenodder Mole erfolgt die Versorgung der Insel mit Heizöl, größeren Mengen an Baustoffen und anderen Gütern beziehungsweise der Abtransport von Holzstämmen aus dem Amrumer Wald oder größerer Mengen landwirtschaftlicher Produkte vom Hof Martinen. Dies ist aufgrund der Gezeiten mit ihren wechselnden Wasserständen jedoch nicht jederzeit möglich. Der Schiffsverkehr zur Steenodder Mole ist streng tideabhängig.

Zwar wurde in einer Seekarte des Jahres 1799 bereits die Bucht zwischen Wittdün und Steenodde als „Amrumer Hafen“ bezeichnet, die Steenodder Mole wurde dann aber erst Ende des 19. Jahrhunderts als erste befahrbare Landungsbrücke auf Amrum für den Fracht- und Personenverkehr errichtet. Zeitweise war sie sogar der feste Heimathafen für die Autofähre „Amrum“, die bis 1985 die regelmäßige Fährlinie Schlüttsiel – Hooge – Langeneß – Wittdün – Steenodde bediente. Im Jahr 1985 endete hier der regelmäßige Fährverkehr, nachdem Wittdün den primären Fährverkehr übernommen hatte.

Unterschiedliche Eindrücke bestimmter Orte auf Amrum zu erhalten, ist gut machbar, allerdings braucht es hierzu ein wenig Geduld und Organisationstalent. Einerseits gilt es, die Stelle des Ausblicks mehrmals zu besuchen, um die wetterbedingten oder jahreszeitlichen Unterschiede einfangen zu können. Zudem muss man sich die Örtlichkeiten gut einprägen, um vergleichbare Fotos machen zu können. Das alles ist hier an der Steenodder Mole gut realisierbar, ist doch die Mini-Maus ein so markanter Punkt, den man sich gut merken kann und von dem aus man zudem den perfekten Blick auf die Mole und das Wattenmeer mit der Insel Föhr, den Halligen und der „Großstadt“ Wittdün im Hintergrund hat.

Moin liebe Leser!

An dieser Stelle muss eine Korrektur bzw. Ergänzung zum Artikel „Amrumer Kontraste 10 – Die Steenodder Mole“ vom 5. August 2026 erfolgen:

Heizöl wurde nur bis ins Jahr 2017 über die Steenodder Mole angeliefert. Seitdem erfolgt der Transport via LKW und Fähre. Ähnliches gilt für den Umschlag von Holzstämmen aus dem Amrumer Wald. Diese werden seit Mitte der 2010er Jahre durch einen Amrumer Garten- und Landschaftsbauunternehmen geschlagen und auf der Insel verwertet.

Peter Totzauer

Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay., hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. War seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin und mittlerweile Ehefrau Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ gearbeitet hat. In 2024 ist er endgültig in den ärztlichen Ruhestand getreten. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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