Amrum in den Jahren des 2. Weltkrieges. Es gab keine “Baaseliidj”, keine Kurgäste mehr, und die Häuser und Hotels standen leer. Aber die Insel war voller Soldaten. In Norddorf waren einige der großen Seehospize mit Marinesoldaten belegt, und auch in Nebel und Wittdün waren in größeren Häusern Soldaten einquartiert. Sie sollten “die Insel verteidigen bis zum letzten Mann”, verkündete der im Seehospiz 4 einquartierte Kommandant Dollfuß in einem Tagesbefehl den angetretenen Soldaten. Sie standen auf einem eigens zum Antreten vor dem Hospiz hergerichteten kleinen Exerzierplatz.
Die Insulaner gingen wieder – wie vor der Zeit des Fremdenverkehrs – den täglichen Hantierungen im Hause und in der Landwirtschaft nach und lauschten den Nachrichten im “Volksempfänger” oder versuchten, sich mittels der “Föhrer Zeitung” (dem Vorläufer des heutigen “Insel-Boten”) über den Verlauf des Krieges zu orientieren. Aber bekanntlich wird zu keinen Zeiten so viel gelogen wie zu Kriegszeiten. In den deutschen Medien wurden nur Siegesmeldungen und “Vorwärts, voran voran” verkündet. Aber merkwürdig genug: Unsere Mutter hatte eine Landkarte von Europa und kennzeichnete die Nennung von Ortsnamen mit einer Stecknadel. Und die Nadeln rückten über Russland immer näher an die Grenzen des Deutschen Reiches heran, und immer häufiger brummten alliierte Bomberflotten über Amrum und schwenkten zum Bombardieren nach Deutschland ein. Aber auch andere Fakten verrieten, dass die Zeit der Wehrmachtssiege zu Ende war. In Nordafrika war das Afrikakorps von Generalfeldmarschall Rommel vertrieben, auf Sizilien waren die Alliierten gelandet. In Stalingrad waren die Kapitulation und Gefangennahme der 6. Armee unausweichlich, und die Sowjetarmee stürmte nach Westen vor, dem Deutschen Reich entgegen.
Wenn nicht die Kriegstoten wären…
Amrum aber wurde von unmittelbaren Kriegsfolgen nicht betroffen. Wenn nicht die Soldaten, das Fehlen der Badegäste und die Gefallenen an den Fronten, insbesondere an der Ostfront, gewesen wären, dann hätte man auf Amrum von einem Weltkrieg kaum etwas gespürt. Aber Norddorf hatte insgesamt 16 Gefallene zu beklagen, und das war doch ein erheblicher Einschnitt in das gemütliche Dorfleben, wo jeder jeden kannte.

Die Todesnachrichten wurden vom Bürgermeister Martin Paulsen überbracht, der sich – als Gemütsmensch offenbar immer persönlich betroffen – nach der telefonischen Benachrichtigung durch die jeweilige Wehrmachtsstelle als “Todesbote” auf den Weg machte. In zwei Familien (Köster und Dörsch) gab es sogar zwei Gefallene. Nicht immer hatte der Bürgermeister den Mut, direkt zu den betroffenen Familien zu gehen. Dann wendete er sich an nächste Verwandte, so bei der Nachricht eines der ersten Gefallenen, Jonny Köster, an die Schwester Weline, verheiratete Quedens. Für mich 9jährigen Knaben ein unvergessenes Bild, als Martin mit bekümmerter Miene in unser Haus kam.
“Vom Kinderspiel zum letzten Ziel”
Aber dann klingelte Ende Januar 1943 das Telefon ein weiteres Mal im Gemeindebüro des Bürgermeisters. Es meldete sich jedoch keine Wehrmachtskommandostelle, sondern die Staatliche Oberschule für Mädchen in Rendsburg mit einer furchtbaren Nachricht! Die dort eingeschulte jüngste Tochter des Ehepaares Sophie Jenetha und Martin Paulsen war beim Schlittschuhlaufen zusammen mit einer Freundin in das Eis eingebrochen und unter dem Eis ertrunken, während die Freundin noch gerettet werden konnte. Erika, hier in Norddorf kurz “Eka” genannt, war erst 14 Jahre alt, geboren am 10. Februar 1929.
Die Nachricht schlug wie eine Bombe in Norddorf und auf Amrum ein, und sie verschlimmerte sich noch, weil die Leiche unter dem Eis nicht geborgen werden konnte. Erst vier Wochen später gaben Untereider und Mühlenau die Tote frei, so dass die Überführung nach Amrum erfolgen konnte – für die betroffene Familie Paulsen eine schier unerträgliche Zeit.

Wochenlang stand in Norddorf der Atem still. Die lebensfrohe und bei allen beliebte Eka war auf schreckliche Weise ums Leben gekommen – egal, was an dramatischen Ereignissen an den Fronten des Weltkrieges geschah! Die “Föhrer Zeitung” meldete dann am 26. Februar 1943: “Geborgen wurde am Mittwoch dieser Woche die sterbliche Hülle der Tochter Martin Paulsens. Das junge, lebensfrohe Mädchen, das in Rendsburg die höhere Schule besuchte, fiel – wie berichtet – beim Schlittschuhlaufen einem Unfall zum Opfer und ertrank. Die schwergeprüften Eltern werden nun ihr Kind wenigstens im Schoße des geweihten Gottesackers zur letzten Ruhe betten können.”
Beerdigungen fanden damals vom Trauerhause aus statt. Der Sarg stand im Flur oder in der Wohnstube des Hauses, und hier versammelte sich die Trauergemeinde mit dem Pastor zum Abschied für die Verstorbenen. Das große Kinderheim Paulsen an der Strandstraße in Norddorf und die Gärten und Rasenplätze rundherum konnten die Menschenmassen kaum fassen. Auch sämtliche Schüler der Volksschule Norddorf waren mit allen Klassen zur Stelle, darunter der Verfasser als damals 9jähriger Schüler.
Es war ein sonniger, windstiller Vorfrühlingstag. Von Nebel kam der schwarze Leichenwagen, den die Kirchengemeinde einige Zeit zuvor angeschafft hatte (der 1926 verstorbene Küster und Lehrer Bandix F. Bonken war der letzte, der sich für den Transport seines Sarges einen einfachen Bauernwagen ausbedungen hatte), und der riesige Leichenzug setzte sich nach der Trauerfeier im Hause in Bewegung, voran ein kleiner Schülerchor mit dem Lied “Lasst mich gehn, lasst mich gehn, dass ich Jesum möge sehn!” bis zum Dorfausgang. Damals gab es noch keine Autostraße, der Weg ging über den Grantweg, der die Dörfer Norddorf, Nebel und Süddorf miteinander verband (heute Wirtschaftsweg). Und natürlich folgte die Trauergemeinde – bis auf alte, gehbehinderte Leute – dem Sarg zu Fuß! (wie auch sonst, ohne Auto?)
Auf der Anhöhe “Selbanglidj” vor Nebel trat der Schülerchor wieder vor die Pferde des Leichenwagens und sang bis hinunter ins Dorf “Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?”
Es ist nicht bekannt, wer als Pastor die Beerdigung durchführte – vermutlich Pastor Hoeber von St. Nikolai Boldixum-Wyk. Oder einer der bei den Marinesoldaten im Seehospiz dienenden Militärpastoren? Der eigentliche Inselpastor Erich Pörksen war nämlich “im Felde” bei der Wehrmacht im Osten. Der Amrumer Pastor hatte sich freiwillig zum Wehrdienst gemeldet, mutmaßlich, um der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen, die den Pastor als Mitglied der Bekennenden Kirche auf die Abschussliste gesetzt hatten. Aufschlussreich ist jedenfalls das Gemeindeprotokoll der Gemeinde Nebel. Hier heißt es unter dem 18. März 1938 unter Punkt “Verschiedenes”: “Der Bürgermeister soll im Auftrage der Gemeindevertretung gegen das herausfordernde Auftreten unseres Pastors protestieren und beantragen, dass dieser versetzt wird.” Die “Bekennende Kirche” war eine Vereinigung von Pastoren, die, im Gegensatz zu den “Deutschen Christen”, sich den Nationalsozialisten verweigerte und deshalb unter deren Verfolgung litt. Das Gemeinderatsprotokoll von Nebel meldet aber keine weiteren Aktionen gegen den Inselpastor. Es wurde aber hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass der Kommandant der Einheit von Pastor Pörksen einen von Amrum gesendeten Brief erhielt mit der Bitte, den Pastor dort einzusetzen, wo die meisten Kugeln pfiffen, damit er baldmöglichst als Gefallen gemeldet werden könne. Angeblich soll der damalige Bürgermeister von Nebel, Peter Christiansen, diesen Brief geschrieben haben.
Der Amrumer Pastor war ein Freund der Familie Paulsen und schrieb zum Tod der Tochter Erika einen bewegenden Brief.
Das Haus der Tränen
Das große, im Kriege leerstehende Kinderheim Paulsen wurde dann ein wahres Trauerhaus, nicht nur durch den Tod der Tochter, sondern auch durch die Tatsache, dass es gegen Kriegsende als Heim für etliche Waisenkinder von Ostflüchtlingen genutzt wurde, die auf der Flucht unter oft dramatischen Umständen die Eltern bzw. die Mutter verloren hatten. Besonders tragisch war das Schicksal der drei Kinder der Familie Skibba, zwei Söhne und eine Tochter. Unterwegs nahe Hamburg war ein viertes Kind im Kinderwagen zusammen mit der Mutter von einem britischen Tiefflieger erschossen worden. Offenbar hatte der Flieger den Kinderwagen mit einem Panzer verwechselt??? Kriegsverbrechen sind im Kriege an allen Fronten die Regel!
Jedenfalls wurde im Hause Paulsen viel geweint. Aber die Kriegswaisen wurden von Martin und Neta gut betreut! Wir kannten sie als Mitschüler in der Volksschule in Norddorf, und in den 1960er Jahren kam der Älteste der drei Skibbas, Hellmut, noch einmal als Kurgast nach Norddorf. Fast alle Flüchtlinge wurden ja ab 1950 “umgesiedelt”, und zur großen Erleichterung der Insulaner waren nun wieder die Betten frei und konnten an Kurgäste vermietet werden.
Ein Kindergrab als zweite Heimat

Auf dem Grab von Erika (Eka) Paulsen steht ein eindrucksvoller Grabstein, eine weiße Stele mit der Inschrift: “Vom Kinderspiel zum letzten Ziel – Herr, fast dem Elternherz zuviel”. Das Grab wurde zur zweiten Heimat der Mutter Netha Paulsen, die immer wieder das Taxi von Auto-Quedens bestellte, um Grabpflege zu betreiben oder dort zu verweilen. “Hat skul det ei do” (“Sie sollte das nicht tun”), sagte Martin, der Vater und Ehemann mehr als einmal zu dem Taxifahrer. Aber sie tat es dennoch. Und zwar sehr lange. Denn Sophie Jenetha Paulsen wurde sehr alt. Geboren am 28. Dezember 1888 im Müllerhaus Knudtsen in Borgsum auf Föhr, starb sie am 15. April 1987, 98 Jahre alt. Im Sommer 1983 hatte sie noch, am Arm ihres Schwiegersohnes, den Bundespräsidenten Karl Carstens auf seiner legendären Deutschlandwanderung im Amrumer Wald begrüßt.
Ein Grab mit Ewigkeitswert
Das Bild des alten Friedhofs rund um die St. Clemens-Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten auffallend verändert. Viele Grabstellen sind leer, weil es erkennbar preiswerter und bequemer geworden ist, die Toten der Insel auf See zu bestatten. Damit aber verlieren die Betroffenen ihren Bezug zur Familie und ihre Namen verschwinden aus der Inselgeschichte.
Das Grab von Erika Paulsen und ihren Eltern aber hat durch nunmehr über 80 Jahre ihren Platz bewahrt und gehört zu den eindruckvollsten auf dem Friedhof.
Unmittelbare Angehörige der Familie Paulsen leben derzeit nicht mehr auf Amrum, aber das wäre kein Grund, die Grabstätte aufzugeben. Es ist ja genügend anderweitiger Platz vorhanden. Und es gibt noch weitere Grabstellen von Inselpersönlichkeiten, die für die Inselgeschichte von Bedeutung waren und ein “ewiges” Grab, auch für die Bedeutung des Friedhofes, verdienen! Diese werden im Laufe des Jahres hier vorgestellt.
Georg Quedens 2026
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