13 Holzfiguren sollen plötzlich mehr können, als nur still in der St. Clemens-Kirche zu stehen. Sie werden zu digitalen Botschaftern für die Sanierung. Und dabei haben sie einiges zu sagen…
Bislang hielt man sie für eher ruhige Gesellen. Stumm, steif und etwas hölzern stehen sie tagein, tagaus untätig herum. Aufmerksamkeit bekommen sie trotzdem. Und zukünftig hoffentlich noch wesentlich mehr: Jesus und die 12 Holz-Apostel in der St. Clemens-Kirche in Nebel. Nach jahrhundertelanger Erwerbslosigkeit werden sie zukünftig endlich einer geregelten Tätigkeit nachgehen und Geld verdienen. Viel Geld hoffentlich. Denn: Die Kirche braucht Geld. Viel Geld, um die umfassenden Sanierungsarbeiten durchführen zu können. Und beim Einwerben der Spenden sollen die Gesandten tatkräftig mithelfen.

Wie genau die knapp einen Meter hohen Holzfiguren aus dem 14. Jahrhundert um finanzielle Unterstützung bitten sollen, hat sich eine kleine Gruppe kreativer Köpfe am Donnerstagabend im St.-Clemens-Hüs Gedanken gemacht. Die Idee von Pastorin Martje Brandt: Die Apostel zum Leben zu erwecken und sie Botschaften in die Welt senden zu lassen, die auf den Zustand und den Renovierungsbedarf der Kirche aufmerksam machen. Sich diese Verkündigungen auszudenken, war das Ziel jenes Abends.
Die Kirche braucht Hilfe
Um die Dringlichkeit zu verdeutlichen und alle Anwesenden auf den neuesten Stand zu bringen, gab Martje eingangs einen Überblick über den Zustand der Kirche, die bisherigen Bemühungen sowie weitere Vorhaben. “Seit Dezember 2025 – als wir im Weihnachtsbrief vorsichtig angekündigt haben, dass wir für die Sanierung Geld sammeln – sind bereits 45.000 Euro eingegangen! Das ist großartig!”, berichtet Martje Brandt begeistert, gibt jedoch auch zu: “Aber es ist noch weit, weit weg von dem, wo wir hinmüssen.” Eine aktuelle Schätzung von Sachverständigen über die Höhe der benötigten Kosten geht von rund 1,3 Mio. Euro aus.
Da ist das Reetdach, das nur noch 10-15 cm dick ist (und doppelt bis dreifach so dick sein sollte), der vormals weiße Außenputz, der von einer Rotalge befallen ist (und die Kirche daher rosa erscheinen lässt), die verrosteten Fensterrahmen, Risse im Mauerwerk, Wasserschäden überall. Außerdem müssen eine neue Heizungsanlage und Belüftung installiert werden.
Viel Arbeit und noch mehr Geld also, das aufgebracht werden muss. Doch woher nehmen? “An dieser Stelle ein eindeutiger Dank an alle Menschen, die Kirchensteuer zahlen”, sagt Pastorin Martje Brandt. “Allein darüber haben wir seit letztem Jahr 350.000 Euro zusätzlich eingeworben.” Außerdem gab es rund 15.000 Euro von der Amrum Stiftung, die u.a. zum Erhalt der St.-Clemens-Kirche gegründet wurde. Aktuell bemüht sich die Kirchengemeinde um eine Förderung aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes, der mit Glück bis zu 50 % der Bausumme fördert. Eine Ablehnung musste man allerdings schon einstecken, nun läuft mit viel politischer Unterstützung der zweite Versuch.
Viele kleine Beiträge
Neben staatlicher und institutioneller Förderung ist aber auch die private Mithilfe entscheidend. Weitere Ideen zum Spendensammeln sind deshalb bereits in Planung. So soll es unter anderem auf den Dorffesten im nächsten Jahr einen eigenen Marktstand geben, mit Informationen rund um die Sanierung und kleinen Verkaufsartikeln. Und auch ein Spendenbarometer in Form eines gut zwei Meter großen Puzzles ist geplant, das außen am Kirchturm je nach Spendenhöhe nach und nach vervollständigt wird. “700 x 1.000 Euro ist das Ziel aller privaten Aufwendungen”, sagt Martje. “Und wer 1.000 Euro spendet, bekommt, wenn er mag, seinen Namen auf einem der Puzzleteile veröffentlicht.”
Doch neben all den großen Geldern ist es der Pastorin ganz wichtig zu betonen: “Es zählt jeder Cent! Mir ist vollkommen klar, dass längst nicht jede und jeder hohe Summen spenden kann und soll. Wir schätzen auch das Kupfergeld, das sonntags in der Kollekte landet.” Und nicht nur das: “Wir brauchen auch einfach Menschen mit Ideen. Leute, die mit anpacken, die Fleißarbeit übernehmen, die schreiben .. es braucht die Kraft der Gemeinde”, verdeutlicht Martje Brandt ihr Anliegen und den Wunsch, viele weitere Insulaner zu motivieren.

Die Apostel werden lebendig
Zum Kreativ-Workshop am vergangenen Donnerstag kamen rund zehn Insulanerinnen und Insulaner. Doch die Ideen sprudelten, als wären mindestens doppelt so viele Köpfe anwesend. Bei diversen Getränken (mit und ohne anregende Wirkung) und Knabbereien saß man rund zwei Stunden beisammen und ließ den Ideen freien Lauf. Fotografien der einzelnen Apostel sowie kleine 3D-gedruckte Repliken sollten die Inspiration beflügeln.

Das Ergebnis soll folgendermaßen aussehen: Gemeinsam mit einem Unternehmen, das auf Animation spezialisiert ist, werden die einzelnen Apostel anhand präziser Fotografien zum digitalen Leben erweckt. Diese Avatare können sich bewegen, ihre Insignien schwingen, den Mund bewegen, die Hände über den Kopf nehmen, den Kopf schütteln. In kleinen Clips von maximal 20 Sekunden Länge erzählen sie dann kurze Anekdoten aus ihrem Leben in der Kirche, bitten um Hilfe zur Renovierung ihres Zuhauses oder bedanken sich für die Spendenbereitschaft der Menschen. Zu sehen sind die fertigen Werke schließlich vermutlich ab Weihnachten auf der Homepage der Kirche.
Die Botschaften, die die digitalen Apostel senden, können witzig und ernst sein, flehend oder frech. Es dauert keine Minute, da kommen den Teilnehmenden die ersten Mono- und Dialoge.
Apostel 1: “Du hast Schweiß auf der Stirn! Dabei stehst du doch den ganzen Tag hier nur rum!”
Apostel 2: “Das ist Angstschweiß.”
Apostel 1: “Wovor hast Du Angst?”
Apostel 2: “Dass mir das Dach auf den Kopf fällt.”
Oder:
Apostel 1: “Hast du heute Nacht die rosa Flecken auf die Kirchenwand gemalt?”
Apostel 2: “Ja klar, ich wollte mal was anderes. Grün hatten wir ja schon.”

Wenn Holzfiguren zu Botschaftern werden
Auch zwei Lieder dichtete man an diesem Abend, die die Apostel-Avatare singen werden. Apropos – wer vertont die rund 27 Botschaften der Gesandten eigentlich? Auch das war eine Frage, die mit den anwesenden Insulaner*innen diskutiert wurde. Auf einem Flipchart sammelte man Ideen für charakteristische Amrumer Stimmen, die die kurzen Texte einsprechen könnten. Aufgabe der Pastorin wird es nun sein, die Vorgeschlagenen vom Projekt zu überzeugen. Gerne können sich Interessierte aber auch proaktiv melden, wenn sie einem der Apostel ihre Stimme leihen wollen.
Denn, wer könnte von so viel Innovationsgeist nicht begeistert sein? Ein Prototyp, den Martje testweise eingesprochen hat, fasziniert die Anwesenden jedenfalls sofort. Wie eine über 600 Jahre alte Holzfigur sich mit einem Mal aus der Regungslosigkeit befreit, das Haar schüttelt, die Augenbrauen hebt, mit dem Buch in der Hand gestikuliert und um Hilfe für ein trockenes Zuhause bittet, zaubert einem unbeabsichtigt ein Grinsen ins Gesicht.
Vielleicht ist das genau die richtige Rolle für die 12 hölzernen Gesandten: Nach Jahrhunderten des stillen Herumstehens werden sie zu Botschaftern für ihre Kirche. Sie sollen erzählen, zum Schmunzeln bringen – und möglichst viele Menschen dazu bewegen, ihren Teil dazu beizutragen, dass St. Clemens auch in Zukunft sicher, trocken und lebendig bleibt. Und wenn draußen am Kirchturm tatsächlich Stück für Stück ein Puzzle wächst, dann wird irgendwann für alle sichtbar sein: Jesus und die 12 Apostel stehen längst nicht mehr nur herum. Sie haben etwas bewegt.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

