Peter Jürgensen wird 90: Sein Weg führte weit über Amrum hinaus …

Sein Leben begann auf Sylt, doch Amrum wurde seine Heimat. Peter Jürgensen wird 90 Jahre alt und blickt auf ein bewegtes Leben als Tischler, Jugendherbergsleiter, Musiker und Kommunalpolitiker zurück. Doch hinter dieser langen Geschichte steckt weit mehr als eine Jugendherberge – und ein Mann, dessen Lebensweg manche Überraschung bereithält.

Erika und Peter vor ihrem Haus

Ein Kind von Sylt

Sylter und Amrumer waren sich nicht immer grün. In früherer Zeit waren die Amrumer meist die Ersten, die das Strandgut von der Südspitze Hörnums bargen. Dadurch wurden die Sylter um den einen oder anderen Bergelohn gebracht. Auch das Sammeln von zahlreichen Möweneiern auf der Südspitze von Sylt gefiel den Syltern gar nicht.

Inmitten dieser alten Spannungen wurde Peter Jürgensen am 12. Oktober 1936 in Kampen auf Sylt geboren. Seine Eltern Christine und Hans Jürgensen arbeiteten im Jugend- und Volkshochschulheim Klappholt.

Jugendherberge um 1940

1938 zog die Familie auf die Nachbarinsel Amrum. Dort übernahmen Peters Eltern die Leitung der neu gegründeten Jugendherberge in Wittdün. Untergebracht war sie im ehemaligen Kinderheim der Stadt Flensburg, dem Hotel „Germania“ in der Mittelstraße. Zum Haus gehörte auch das Logierhaus „Nordseehallen“ direkt an der oberen Strandpromenade.

Peter verbrachte seine Schulzeit zunächst in der „Dünenschule“ in Wittdün. Dort, wo heute die Häuser der Wohngemeinschaft „Üüs aran“ eG stehen, lernte er seine ersten Schuljahre. Später gehörte er zu den ersten Schülern des neu gegründeten Aufbauzugs in Nebel. Drei Jahrgänge mit insgesamt 36 Schülern waren darin zusammengefasst.

Der Weg nach Nebel war nicht immer einfach. Bei Wind und Wetter musste Peter sich mit dem Fahrrad durchkämpfen.

Tischler und Weltenbummler

Nach der Schulzeit erlernte Peter das Tischlerhandwerk bei Tischlermeister Tücke Martinen in Süddorf. In der Werkstatt lernte er allerdings nicht nur, wie man mit Holz umgeht. Dort wurde ausschließlich Öömrang gesprochen – und so lernte Peter auch den Amrumer Dialekt.

Damit gehörte er zu den wenigen Wittdünern, die die Inselsprache beherrschten. „Verstehen kann ich das Öömrang noch, doch mit dem Sprechen hat es nachgelassen“, sagte er auf Plattdeutsch.

Nach seiner Gesellenprüfung 1956 arbeitete Peter noch ein halbes Jahr in Husum.

Dann zog es ihn hinaus in die Welt. Wie viele andere junge Amrumer entschloss er sich auszuwandern. Sein Ziel: Kanada. Nachdem der erforderliche Papierkram erledigt war, begann die Reise „ins Blaue“.

In Ontario am Huronensee fand er sofort Arbeit. Dort wurden vorwiegend Kirchenmöbel hergestellt. Aus dem jungen Tischler von Amrum wurde ein Arbeiter in Kanada – weit entfernt von seiner Insel.

Doch Peter sollte nicht für immer fortbleiben.

Wittdün aus der Luft um 1960

Die „Blaue Maus“ und Erika

Anlässlich der Silberhochzeit seiner Eltern kehrte Peter 1960 nach Amrum zurück. Sein Vater war erkrankt, und die Nachfolge in der Jugendherberge musste geklärt werden.

Auf Amrum herrschten damals besondere Verhältnisse. Wegen der zahlreichen Kindererholungsheime arbeiteten viele Kindergärtnerinnen auf der Insel. Es gab eine regelrechte „Frauenschwemme“. Das Verhältnis von Männern und Frauen im heiratsfähigen Alter betrug 1:15.

Eine dieser Frauen war die gebürtige Berlinerin Erika Krause. Sie wurde 1939 geboren, war gelernte Kindergärtnerin und kam 1959 in die Kinderheilstätte Satteldüne auf Amrum.

Peter und Erika lernten sich im Amrumer „Heiratsmarkt“, der „Blauen Maus“, kennen.

1963 heirateten die beiden. Ein Jahr später, 1964, übernahmen sie von Peters Eltern die Leitung der Jugendherberge in Wittdün in zweiter Generation.

Damit begann ein neues Kapitel – nicht nur in ihrem gemeinsamen Leben, sondern auch in der Geschichte der Jugendherberge. Peter und Erika führten das Haus erfolgreich durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr Verdienst lag vor allem darin, die Jugendherberge als feste Institution für Schulklassen und Familien auf der Insel zu etablieren.

Die Jugendherberge in Wittdün nach der Sanierung ©Ralf Hoffman

88 Jahre Familientradition

1969 bauten Peter und Erika in Nebel-Westerheide im Katerhuuch ihr ‚Hus Fierobend‘ mit großem Garten und Nähe zum Waldrand. Der handwerklich begabte Peter fertigte viele Dinge selbst an.

Im Winter 1997 wurden Peter und Erika in den Ruhestand verabschiedet. Bereits 1998 folgte der nächste Generationenwechsel: Sohn Ulf und seine Ehefrau Ineke übernahmen die Jugendherberge.

Seit 1938 wird das Haus damit von derselben Familie geführt – inzwischen seit 88 Jahren. Eine Familientradition, die hierzulande einmalig sein dürfte.

Doch die Jugendherberge stand nicht still. In den vergangenen Jahrzehnten prägten mehrere Veränderungen ihr Aussehen. So wurde die Jugendherberge in Wittdün, deren Gebäude zu diesem Zeitpunkt rund vierzig Jahre alt war, von 2019 bis zum Sommer 2021 grundlegend saniert, modernisiert und energetisch auf den neuesten Stand gebracht.

Seit 2022 steht in der Mittelstraße in Wittdün eine moderne Jugendherberge. Für die Gäste stehen heute 182 Betten in 49 Zimmern zur Verfügung. In den damaligen Hochzeiten waren es bis zu 270 Betten.

Für Peter Jürgensen war die Jugendherberge aber nicht nur Arbeitsplatz. Sie wurde zu einem wesentlichen Teil seines Lebens.

Ein Leben für die Insel

Peter engagierte sich weit über die Jugendherberge hinaus. Zwei Jahrzehnte lang war er im Vorstand des Jugendherbergswerks tätig. Seine Aufgaben führten ihn durch Deutschland und ins Ausland. Eine seiner Reisen brachte ihn sogar nach Japan.

„Für die Reise dorthin wurde jemand gesucht, der Englisch sprechen konnte. Da war ich doch der geeignete Mann“, erzählt Peter Jürgensen.

Auch die Musik gehörte über viele Jahrzehnte zu seinem Leben. Er spielte in der Blaskapelle. Die Amrumer Blaskapelle entstand im Mai 1963 durch den Zusammenschluss zweier Kapellen aus Wittdün und Norddorf.

Politisch engagierte sich Peter ebenfalls. Von 1964 bis 1980 war er für die SPD im Wittdüner Gemeinderat aktiv.

Und dann waren da noch seine vielen Hobbys: Basteln, Kegeln, Motorradfahren, Skilaufen und Reisen. Manche davon gehören bis heute zu seinem Leben.

Heute wird Peter Jürgensen 90 Jahre alt. Gefeiert wird im Familienkreis. Und bei einer solchen Lebensgeschichte dürfte es kaum überraschen, wenn dabei die eine oder andere Überraschung wartet.

Amrum-News gratuliert herzlich …

 

Über Gerd Arnold

Gerd Arnold, 1957 in Nebel auf Amrum geboren. Ein „echter“ Amrumer mit der friesischen Sprache (öömrang) aufgewachsen. Bis 1972 die Schule in Nebel besucht, danach Elektroinstallateur in Wittdün gelernt. 1976/77 in Wuppertal den Realschulabschluss nachgeholt. Ab Oktober 1977 als Berufssoldat bei der Bundesluftwaffe und seit November 2010 Pensionär. Nach vielen Jahren der verzweifelten Suche nach passenden „bezahlbaren“ Wohnraum auf Amrum endlich fündig geworden, seit Februar 2022 wieder ständig auf Amrum. 2019 ins Team der Amrum News integriert, aber das soll neben dem Angeln nicht die einzige Aktivität auf der Insel bleiben.

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