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Amrums neue Zahnärztin kann bald loslegen. Bange Zeit vorüber…

Ihr Durchhaltevermögen wurde belohnt. Nina-Patricia Bienert, Amrums neue Zahnärztin, kann auf der Insel praktizieren. Ein Platz ist gefunden, der Bauantrag ist gestellt, die Anschlussplanung läuft. Aus den hellen Räumen in der Strandresidenz in Wittdün wird – nach Umbauten vom Boden bis zur Decke – eine moderne, brandneue Zahnarztpraxis mit allem Pipapo. Hut ab vor einer Lady, die keinen leichten Start hatte. „Aber ich hatte viel Rückhalt. Und das ist ja das Schönste: so zu leben und zu arbeiten.“

Amrums neue Zahnärztin: Nina-Patricia Bienert

Die 42-Jährige, die eigentlich schon im Januar als Nachfolgerin von Zahnarzt Helmut Drews in dessen Praxis im Wittdüner Möwenweg hätte anfangen wollen, war von baulichen Vorschriften derart überrascht und ausgebremst worden, dass man es ihr nicht verübelt hätte, wenn sie einfach kehrt gemacht und die nächste Fähre one way zurück genommen hätte. Sie hatte einen guten Job in einer Tagesklinik für Implantologie in Niedersachsen gekündigt, sich längst in das Leben einer Inselärztin hineingedacht und schweres (und teures) Arbeitsgerät bestellt. Als dann ein Maß nicht so war, wie es hätte sein müssen, war erst mal Schluss mit Zahnarzt-Inseltraum. Wo sollte man so schnell auf einer kleinen Insel etwas finden, das von Bienert groß gedacht war?! „Mindestens 120 Quadratmeter, durchgängig barrierefrei, zwei Behandlungsräume, neuester Standard, Empfangs- und Personalbereich, Hygieneraum. Ich bin ja auch Zahntechnikerin und möchte natürlich ein Labor, damit ich kleine Sachen wie Zahnersatz und Unterfütterungen selbst reparieren kann.“

Sie bekam bei der Suche Unterstützung von allen Seiten: Gemeinde, Betriebe, Privatleute. Die Bürgermeister suchten mit, Amrumer suchten mit. Sogar über eine Containerlösung zum Übergang tauschte man sich aus. Aus den jetzt angemieteten Räumen im leer stehenden Erdgeschoss der Strandresidenz sollten gerade Ferienwohnungen werden, da tauchte kurz nach dieser Beschlussfassung die suchende Karawane auf. „Die Akten zur Nutzungsänderung standen noch nicht wieder im Regal“, sagt Bienert aufatmend. Die Größe passte, die Lage ist einmalig: zentral in Wittdün, barrierefrei, Vorplatz mit Meerblick, top Zustand. Die Versorgungsbetriebe, Eigner des Hafens, ermöglichten die benötigten Parkplätze – mit Meerblick.

Wird bald Praxisraum: Das Erdgeschoss der Strandresidenz

Schon vorher war der Esstisch von Amrums Inselärztin Claudia Derichs zu Bienerts wichtigster Motivationszone geworden. Dort kochte man regelmäßig zusammen und redete. Kleine Anekdote am Rande: Fast wären sie Verwandte geworden, denn Derichs war vor langer Zeit mit Bienerts Bruder zusammen. Und daher kommt auch der Ursprung der Ich-werde-Ärztin-auf-Amrum-Geschichte: Die beiden Frauen trafen sich im Juni 2016 beim Geburtstag des Bruders. Bienert erzählte von der Idee, jetzt das Leben in eine neue, spannende Richtung zu drehen – vielleicht im Ausland. „Ich hatte echt Lust, andere Wege zu gehen“, sagt Bienert. „Bei uns auf der Insel hört ein Zahnarzt auf“, hatte Derichs damals erzählt und einen Gedanken ins Rollen gebracht. Bienert fuhr hin, und stand zum Sommer-Open-Air-Konzert der Amrumer Windmühle 2016 im Dauerregen: alles grau, Gummistiefel, kalt. Die ganze Zeit Schietwetter. „Ich habe mich also nicht mal bei Sonnenschein für die Insel entschieden; das heißt doch was, oder?!“, fragt Bienert und freut sich. Tatsächlich haben sie Themen gereizt: Daseinsvorsorge auf den Inseln, etwas tun können, nicht einer von vielen in einer Großstadt sein, sondern gebraucht werden und sich wohlfühlen. Sie hatte sofort Lust, beim Wohnprojekt Üüs aran einzusteigen. Sie besuchte ihren Kollegen Jost Jahn, sprach mit den Leuten und horchte. „Das Miteinander ist toll“, befand Bienert. Alles fühlte sich gut an: Praxis übernehmen, modernisieren , inselleben.

„Eine Neugründung, wie jetzt, war eigentlich nie der Plan“, sagt Bienert. Und erinnert daran, dass man als Arzt eher eine Praxis übernimmt, als eine neu gründet. Mittlerweile kann sie über ihre Odyssee befreit lachen. Aber als sie zu Jahresanfang startklar auf die Insel kam und feststellte, dass es nicht geht, wie angedacht, da musste sie sich mit ihrer Gehen-Sie-zurück-auf-Los-Situation auch erst mal abfinden – und einiges abbestellen. Aber Dranbleiben ist eine ihrer Maximen. Denn als sie, in Bonn geboren und in Berlin groß geworden, nach mittlerem Bildungsabschluss, Lehre und Job als Zahntechnikerin das Abi nachholte, war das auch schon kein Spaziergang. „Danach hatte ich keine Freunde mehr“, sagt sie halb grinsend. Auf das Studium der Zahnmedizin, was sie, 30-Jährig, an der Berliner Charité draufsattelte, weil sie sah, was alles so möglich sein könnte, folgten schnell gute Jobs. Bienert hat sich ihre Zukunft gestaltet. Jetzt also Insel: Sie freut sich auf den Austausch mit Kollegen und die Zusammenarbeit mit ihrem Netzwerk, zu dem auch eine kieferchirurgische Praxis in Hamburg gehört. Sie freut sich auf die Bewegung in ihrem Leben, auf neue Patienten – und neue Kollegen: Bienert sucht noch eine Auszubildende und eine Zahnarzthelferin. Was auch schön ist: Sie hat die Zeit genutzt. Eben nicht nur für Businesspläne, Steuerberater, Bankgespräche und Bestellarien. Sondern auch für sich. Hat gemacht, was ihr Freunde bringt und gut tut. Sie hat sich einer Laufgruppe angeschlossen. „Ich habe vorher nie Sport gemacht. Ich merke erst hier, wie gut mir das tut.“ Und sagt dann glücklich. „Die Insel der großen Freiheit. Für mich stimmt das irgendwie. Was sich so gut anfühlt, kann nicht verkehrt sein.“

Wann soll es losgehen? Nina-Patricia Bienert hat den Monat Oktober avisiert. Sie wisse schon, dass Bauanträge Zeit brauchen und auch die Amrumer Luft den Handwerkern hier nicht unbedingt Flügel verleiht?! Sie nickt. „Was soll jetzt schon noch passieren? Jetzt läuft alles nach Plan“, sagt sie hoch erleichtert und freut sich auf ihre Familienpraxis.

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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