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… die mitleidslos das Meer geraubt und die das Meer gab wieder…


… die mitleidslos das Meer geraubt und die das Meer gab wieder… so heißt es in einem Vers, den der Oberhofprediger Rudolph Kögel im August 1888 im “Gedenken an die fernen Witwen und Waisen” in Westerland auf Sylt verfasste. Kögel hatte den Heimatlosenfriedhof im Süden des jungen Seebades besucht und war tief berührt von der eigenartigen Atmosphäre des kleinen eingehegten Ackers. Die ebenfalls anwesende Königin von Rumänien, sich als Dichterin Carmen Sylva nennend, stiftete einen Gedenkstein mit einem Vers aus dem Gedicht des Oberhofpredigers.
Der Heimatlosenfriedhof war im Jahre 1855 vom Westerländer Strandvogt Wulf Hansen Decker angelegt worden, früherer Kapitän auf Großer Fahrt von Hamburg nach Südamerika, seit 1848 aber auf der Heimatinsel in der Nachfolge seines Vaters Hans Broder Decker als Strandvogt für den Bereich Westerland-Rantum-Hörnum.
Strandvögte waren auch für das Bergen und für die Weiterbehandlung von Strandleichen zuständig, die lange Zeit einfach an Ort und Stelle oder hinter der nächsten Düne begraben wurden, zumal unbegründet auch die Einschleppung von Seuchen und tropischen Krankheiten befürchtet wurde.

Der Norddorfer Strandvogt Boy Peters hat eine Strandleiche geborgen.

Aber der frühere Kapitän Wulf Hansen Decker war “bekümmert über diese Art der Behandlung von Berufsbrüdern und Christenmenschen” und ließ den obigen Friedhof, damals weit außerhalb des Dorfes Westerland, anlegen.

Auch auf anderen Nordseeinseln entstanden solche Friedhöfe (Amrum, Pellworm, Neuwerk) und auf den ostfriesischen Inseln. Hier wurden die abgesonderten Begräbnisstätten “Drinkeldodenkarkhoff” genannt. Besonders eindrucksvoll ist der Friedhof auf Spiekeroog. Er wurde eingerichtet, als im Jahre 1854 das Auswandererschiff “Johanne” in der Brandung der ostfriesischen Düneninsel strandete und von 216 Passagieren 77 ihr Leben verloren. Etwa 30 Tote trieben an und wurden auf dem eigens dafür angelegten Friedhof begraben.

Es ist noch eine Ruhe vorhanden…

… steht auf dem Torbogen über dem Eingang zum Amrumer Heimatlosenfriedhof. Der kleine Totenacker liegt auf dem höchsten Punkt der saaleeiszeitlichen Inselgeest. Bis zu 18 Meter hoch über Meeresspiegel haben die Gletscher der genannten Eiszeit die skandinavischen Sande und Gerölle hier aufgetürmt, eine Gegend mit reichlich Wind, so dass nebenan im Jahre 1771 eine Windmühle errichtet wurde. Von dieser Anhöhe blickt man weit über die Insel und über das Wattenmeer nach Sylt und Föhr und zu den Halligen. Nach Westen hin blinkt zwischen den Dünen die Nordsee, das Meer, aus dem die Toten des Friedhofs stammen.

Der kleine Acker wurde im Jahre 1905 eingerichtet. Bis dahin waren die Strandleichen seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts in der Nordwestecke des St. Clemens-Friedhofes begraben worden, zuletzt noch im Jahre 1903 nicht weniger als 9 Tote der südwestlich von Wriakhörn-Amrum gescheiterten norwegischen Bark “Ilma” (seit 1912 befinden sich an gleicher Stelle die restaurierten Grabsteine des historischen Friedhofes). Angeblich soll der Laeisz-Kapitän Carl Jessen (1864 – 1936) die Landfläche hierfür hergegeben haben. So steht es verbreitet in der Lokalliteratur, auch in der Chronik von Pastor Pörksen. Aber das Gemeinderatsprotokoll der Gemeinde Amrum (bis 1912 bzw. 1925 noch eine Gesamtgemeinde) verrät unter dem Datum vom 22. Dezember 1903: “Antrag des Kirchenvorstandes auf Hergabe von Gemeindegrund zur Anlage eines Friedhofes für Strandleichen” mit dem Hinweis “Einstimmig genehmigt”. Man darf wohl annehmen, dass diese Information die authentischere ist. Vermutlich hat die Befürchtung von Platzmangel auf dem St. Clemens-Friedhof angesichts der vielen Toten der Bark “Ilma” im gleichen Jahr diesen Beschluss verstärkt.
Eine erste Beisetzung erfolgte am 23. August 1906, und in den folgenden Jahrzehnten fanden weitere 35 Strandleichen, geborgen von den Strandvögten der Gemeinden Wittdün, Nebel und Norddorf, auf dem kleinen Acker ihre letzte Ruhestätte, auf den Gräbern nur ein schlichtes Holzkreuz mit dem Datum des Fundtages am Amrumer Strand.
Allerdings wurden am 10. Februar 1936 auch die Knochen eines geheimnisvollen Toten auf dem Heimatlosenfriedhof begraben, der nicht am Strand, sondern bei Ausschachtungen des Hauses Thilo auf dem historischen Burghügel am Wattufer südlich von Norddorf gefunden worden waren. Das Alter des Skeletts, dessen Kopf zunächst von der Tochter der Familie, Gisela Remy, mit Wachskerze als gruselige Zimmerdekoration in Anspruch genommen worden war, schätzte man auf 20 bis 40 Jahre. Und es entstand auf Amrum eine geheimnisvolle Geschichte zunächst über drei Föhrer, die mit viel Geld aus Amerika zu Besuch in der Heimat und über das Watt zu einem Tanzvergnügen nach Nebel gekommen waren. Dort hatten sie mit ihren Dollars geprahlt, und nur zwei von den dreien kehrten nach Föhr zurück. Eine andere Deutung bezog sich auf drei auswärtige Arbeiter, die damals bei den vielfältigen Projekten (Inselbahn, Hotel- und Hospizbauten sowie Küstenschutz auf den Halligen) beschäftigt waren. Ohne Zweifel ließ sich der Skelettfund auf einen Mordfall zurückführen. Die Knochen wurden auch zur Untersuchung nach Berlin gesandt. Aber dort ließen sich keine genaueren Feststellungen mehr treffen. Die Knochen wurden nach Amrum zurückgeschickt und – wie oben beschrieben – auf dem Heimatlosenfriedhof begraben. Allerdings bekam dieser Tote kein Kreuz.

Das nächste Datum, der 24. Oktober 1937, bezieht sich auf eine reguläre Strandleiche, im Sterberegister der St. Clemens-Gemeinde auch ordnungsgemäß vermerkt.
Ein bemerkenswertes Ereignis verbindet sich auch mit zwei Kreuzen vom 28. September 1954. Der eine Tote wurde an diesem Tage am Nebeler Strand, der andere an der Amrumer Odde gefunden. Auf Grund von Tauresten an den Skeletten glaubte man, Angehörige einer schwedischen Studentenmannschaft zu erkennen, die im Sommer 1950 mit einem originalgetreu nachgebauten Wikingerschiff auf dem Wege nach Frankreich (Weltausstellung in Paris) und England waren, aber nahe Helgoland am 22. Juni in einen furchtbaren Orkan gerieten und Schiff und Leben verloren. Von den 15 Studenten der “Ormen Friske” trieben fünf auf Pellworm an und wurden auf dem dortigen Heimatlosenfriedhof an der Turmruine der Alten Kirche begraben. Die eine Hälfte des zerbrochenen Wikingerschiffes wurde von dem Pellwormer Schiffer Liermann draußen auf See geborgen und nach Pellworm geschleppt, wo es jahrzehntelang auf einer Warft gleich hinter dem hohen Seedeich lag. Ein Stück trieb auch auf dem Wittdüner Kniepsand an und wurde nach Pellworm befördert.

Von der Fischerwitwe erkannt
Nicht immer wurden die Toten des Strandes auf dem Amrumer Heimatlosenfriedhof für die Ewigkeit begraben. In einigen Fällen gelang nach der Beisetzung noch die Identifizierung und die Überführung zu den Angehörigen im Heimatort. An einen solchen Fall erinnert sich der damalige Pastor Martin Segschneider: Die Leiche eines an der Kleidung erkennbaren niederländischen Fischers trug eine auffällige Halsmanschette, die nach Holland gesendet und dort in Fischerkreisen herumgereicht und schließlich von einer Ehefrau erkennt wurde. Daraufhin konnte eine Überführung des Toten in den Heimatort erfolgen. In einem anderen Fall aber blieb die Strandleiche auf dem Heimatlosenfriedhof liegen. Es handelte sich um eine Frau, Hertha Rost aus Heppenheim, die nach der Identifizierung nicht in die Heimat überführt wurde, sondern unter dem Datum 2.6.1969 in der Nordwestecke ein separates Grab behielt, angeblich auf besonderen Wunsch. Dieses Grab ist auch das bislang letzte, denn ab den 1950er/-60er Jahren hatten sich die Identifizierungsmethoden derart verbessert, dass es faktisch keine namenlos bleibenden Strandleichen mehr gibt. Die letzten auf dem Amrumer Heimatlosenfriedhof sind die beiden Toten vom September 1954.
Wenn heute Tote am Inselstrand gefunden werden, werden diese zwecks Feststellung der Identität und der Todesursache (es könnte ja auch “nachgeholfen” worden sein) nach Kiel gesandt. Das Weitere regelt das “Bestattungsgesetz Schleswig-Holstein”. Aber wie beschrieben, ist auf Amrum ein derartiger Fall seit über einem halben Jahrhundert nicht mehr vorgekommen.

Von Fliederbüschen umrahmt
Seit über 100 Jahren liegt der Heimatlosenfriedhof als kleiner Gottesacker auf der Anhöhe neben der Windmühle bei Nebel. Auf dem Findlings- und Erdwall ringsum war ein dichter Saum von Fliederbüschen hochgewachsen, aber der Auf- und Eingang mit dem Spruch “Es ist noch eine Ruhe vorhanden” war fragwürdig geworden.

Aus dem ursprünglichen Feldweg von Nebel nach Süddorf zwischen Mühle und Friedhof war in den 1950er Jahren eine asphaltierte Autostraße geworden, und nun rauschte unmittelbar an der Friedhofsgrenze und an dessen Eingang der Verkehr vorbei. Erst in der Zeit von Pastorin Heinecke (2003 – 2013) erfolgte durch die Inititative ihres Ehemannes, “Pastor” Frank Hansen, in den Jahren 2011/12 eine grundlegende Neugestaltung. Der gefährliche Eingang an der Straße wurde nach Westen an einen autofreien Feldweg verlegt. Auf dem Friedhof wurden zwei Masten mit christlichen Symbolen aufgestellt, von Helmut Seesemann aus einem Schiffbalken geschnitzt, der 1863 in einem Kapitänshaus in Nebel eingebaut worden war. Der eine Mast zeigt eine Arche, der  andere trägt eine “Todesbarke”, die nach mythologischer Überlieferung die Sonne durch das Reich des Todes trägt (sehr ähnlich den Reliefs in den Totenkammern der ägyptischen Pharaonen im Tal der Könige). Eigenartig ist auch der Opferstock am Eingang in Form eines sinkenden Schiffes, wie die Todesbarke eine Arbeit des Schmiedes Hermann Christiansen aus Fahretoft-Dagebüll. Verschwunden ist hingegen der alte Gedenkstein mit dem Spruch “Freut Euch, dass Eure Namen im Himmel geschrieben sind”. Dafür wurde an der Nordseite eine eisgraue Stele mit eben diesem Spruch, verteilt über mehrere Seiten, aufgestellt. Mehrfach restauriert wurden im Laufe der Jahrzehnte auch die Gräber und Grabkreuze, zuletzt im Herbst 2018. Es fehlt nicht an Zustimmung über die Neugestaltung des Heimatlosenfriedhofes. Aber es gibt auch Stimmen, die meinen, dass hier zuviel des “Beiwerkes” getan wurde und dass der alte Friedhof mit seiner bescheidenen Ausstattung eine angenehmere und historisch gerechtere Atmosphäre hatte.

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