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Best-of: Das war die 20. Amrumer KulTour …


Das KulTour-Team 2019

Wir sind ja gar nicht so froh, dass Sie alle hier sind. Wir sähen Sie lieber bei der Demo vor dem Pflegeheim in Nebel.“ Die beiden Duo-St.-Pauli-Männer zeigten bei der Begrüßung der KulTour-Gäste im Hal Mei in Steenodde, wohin die Gedanken der Künstler gingen, die zur 20. Amrumer KulTour aufspielten. Schließlich war es ein Best-of, was auch bedeutet, dass viele der Bands mit der Insel verbunden sind und nachvollziehen konnten, was die angekündigte Schließung der einzigen Pflegeeinrichtung für die doch recht abgelegene Nordseeinsel bedeuten würde. „Wir freuen uns sehr, wenn ihr hier unterschreibt“, motivierte auch Friedrich-Jr.-Sänger Jan Hamann die Zuhörer und verwies auf die Unterschriftenlisten zur Online-Petition.

Bereits beim Frühstück, was traditionell im Privaten bei den Organisatoren eingenommen wird, kam die Idee auf, spontan auf der für den gleichen Tag angekündigten Großdemo vor dem Pflegeheim musikalische Unterstützung zu leisten, was aufgrund der Verpflichtungen gegenüber den Spielstätten und dem dort wartenden Publikum allerdings wieder verworfen werden musste. Also ging zumindest die Gästebegrüßung in diese Gedenken-Richtung. Michi Holland und Danny „Guitar“ Wagner vom Duo St. Pauli kennen die Insel seit zehn Jahren KulTour, und haben in verschiedensten Formationen auf diesem musikalischen Amrum-Klassiker gespielt. Genauso wie Kollege Manuel Preuss, dem beim Gedanken an die Alten der Insel sofort alte Songs wie Talking About a Revolutionoder The Boxer einfielen, die er zum Start im Strand 33 nicht unmoderiert ließ: „Gegen die Schließung des Pflegeheims steht Amrum gerade auf“, erzählte er. Martina Ott vom Organisationsteam verteilte Unterschriftenlisten an den Spielorten, wo auch tatsächlich einige Zuschauer nach kurzer Info durch die Musiker ihre Solidarität zu einem So-nicht-mit-den-Alten bekundeten. Über 5200 Unterschriften wurden bisher gesammelt. Auch hatte das Team noch eine Karte drucken lassen (Alte Bäume verpflanzt man nicht) mit zusätzlichen Informationen zur Sachlage.

Sasa und der Bootsmann

Bleiben wir beim Thema: „Ich möchte alt werden / wie ein Baum alt werden / golden leuchtend mein Laub abwerfen“, sangen Sasa Jansen und Stephan Möller-Titel

vom Hamburger Duo Sasa und der Bootsmann. Die beiden Songwriter-Künstler an E-Piano und Gitarre hatten das Publikum schnell in der Hand – mit klaren Stimmen und schörkellosen Texten. Beide sind kurz davor, eine neue Platte rauszubringen und hatten einen der neuen Song im Programm: Mein Meer. Was passt besser zur Insel? „Es ist mein Lied, die Meerjungfrauen-Geschichte, sie konnte schwimmen und alles, was schön ist, und wollte trotzdem Füße und raus“, Sasa Jansen lacht. Im „Pustekuchen“ bei Besitzerin Claudia Zeisberg gaben sie gleich nach der KulTour noch ein Extrakonzert. „Wir sind verliebt in diese Insel, wir sind verliebt in diesen Laden und verliebt in Claudia“ riefen Sasa und ihr Bootsmann ins Publikum.

Die Idee hinter der KulTour sind fünf Spielorte, eine Insel unter Musik und ein Miteinander den ganzen Tag lang: Strand 33 in Norddorf , Strandpirat Nebel, Dörnsk an Köögem, Pustekuchen in Wittdün und das Hal Mei in Steenodde: Spielen am Strand, mit Wattblick, auf der Caféterrasse und im Garten. Und ein fettes Finale am Abend, mit einer Bühne im Sonnenuntergang: dieses Jahr im 54Grad Nord, der Disco am Dünenrand von Nebel, outdoor und überraschend.

Friedrich Jr.

Die Künstler legten ihre Auftrittsreihenfolge abends kurzerhand selbst fest, was die jüngsten Best-ofler ans Ende spülte: Friedrich Jr., eine Neuentdeckung der KulTour-Menschen. Vier Musiker zwischen Flensburg und Hamburg, die aufgrund der Entfernung selten zusammen proben. „Wir spielen lieber mehr und proben weniger“, sagte Texter, Sänger und Gitarrist Jan Hamann, der die Band vor sieben Jahren gründete. Feinste Zusammensetzung: Akkordeon, Kontrabass, Gitarre und Schlagzeug. Feinster Auftritt: perfekter Ton mit großer Melancholie. „Wir haben gleich morgen den nächsten Gig, müssen früh wieder los (7.10 Fähre!), aber das ist total cool, hier zu spielen, man erreicht eine Menge Leute, das ist wie auf einem großen Konzert“, sagte Jan Hamann.

LabCows im Hal Mei in Steenodde

Auch abends galt manches Wort den Alten. LabCows-Sänger Matzy war es, der am Ende mit dem eigens auf der Bühne drapierten Rollator über die Tanzfläche zirkulierte. Das Bluesrock-Trio aus Hamburg war auch bei seinem dritten KulTour-Auftritt eine Wucht. Selbst die Anmoderationen wie welcher Song zustande kam („Ich-schreib-mal-einen-Song-darüber-Geschichten“)  waren Kunst.

Schön gemacht: das 54 Grad Nord zur KulTour

Das Miteinander ist wohl das Besondere an der Veranstaltung. Ein KulTour-Verein (man kann ihm beitreten) mit 25 Euro Jahresbeitrag ist das Herzstück der Idee, der von Booking über Beisein, Transport, Übernachtung, Fahrdienst und Frühstück alles organisiert, sich eng um die Künstler schließt und sie möglichst gut und glücklich über den Tag bringt. Die Kritik folgt im Nachhinein: Die Wege sind kurz, das Bessermachen gelingt eigentlich immer. „Wir sind vor zehn Jahren zum ersten Mal über die Insel getobt“, erzählt Michi Holland vom Duo St. Pauli. „Hier fahren, tränken und wickeln sie uns. Das ist einfach klasse.“  Und obwohl die Gagen, die der KulTour-Verein aufbringen kann, nicht sonderlich hoch sind, auf jeden Fall kleiner als die Kraft der Stimmen und die Profession der Künstler, ist die Resonanz groß. „Auch die Bands für die nächste Veranstaltung im September stehen schon fast alle fest. Wir kriegen inzwischen auch viele Anfragen, den Musikern gefällt einfach die Idee, in diesem Rahmen zu spielen“, sagt Mitorganisatorin Martina Ott. Mehr Frauen wären gut. Das Team ist immer besonders auf der Suche nach Bands mit weiblichem Input. Die seien aber gar nicht so leicht zu finden, hörte man auch auf dieser KulTour von den Musikern und Sasa Jansen.

Die KulTour spielt zweimal im Jahr, jeweils im Juni und im September, am zweiten Donnerstag. Zu verdanken war das alles mal vor zehn Jahren dem Vertrauen einiger Künstler in einen, der gerade auf dem Festland was versucht und nicht ganz geschafft hatte. Der den Musikern aber sympathisch war und von einer sympathischen Insel stammte: Ralf Thomsen, dem auf Amrum das Inselkino gehört, hatte in Flensburg eine Kneipennacht organisiert, die – sagen wir – floppte. „Er kam auf uns zu uns sagte, er könnte entweder die Türsteher oder uns jetzt bar bezahlen“, erinnerte sich Manuel Preuss an die erste Begegnung.

Manuel Preuss im Pustekuchen

Die Künstler verzichteten seinerzeit auf Sofort-Cash. „Als Ralf dann später wieder anrief und sagte, dass er da eine Idee hat, da haben wir einfach wieder mitgezogen, denn da lag ein gutes Verhältnis zugrunde.“ So ein Honky-Tonk auf einer kleinen Nordseeinsel traf sofort das Interesse vieler Künstler. Manuel Preuss, der – Zitat Orga-Team – „cool kann, charmant und gnadenlos“ hat als Solomann mit neunsaitiger Gitarre sein Coververmögen (rund 150 Stücke) schon zig Mal auf Amrum zelebriert. „Ich hab da Bock drauf, und ich treffe hier einfach gute Leute“, sagt der Hamburger.

Das Ende vom Lied: Friedrich Jr. in dunkler Nacht

Der Tag war sonnig, der Wind hielt sich zurück. Die große Bühne der Amrum Touristik vor dem 54 Grad Nord aufzubauen und nicht darin, erwies sich als gute Entscheidung. Mitorganisator Georg Dittmar (dieses Mal nicht mit seiner Band Crazy Horst dabei) hatte sich tagelang an der Drinnen-Draußen-Entscheidung abgearbeitet. Nachdem 2018 nur wenige Musikfreunde den Weg raus zur Dünendisco genommen haben, hatten die Organisatoren dieses Mal einen Bustransfer organisiert. Die Besucherlage war besser, es kamen gut über Hundert, denen die Strandkörbe, die Bar, Bänke und Hochtische vor der Disco einen schönen Rahmen boten. Auch der Himmel zog mit und spielte extrem sehenswert auf.Das KulTour-Team 2019

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About Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.

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