… und die Düne kam …


 

… und deckte sie zu”, so endet eine dramatische Ballade der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel (1877 – 1964) über die Frauen von Nidden auf der Kurischen Nehrung, die sich, von der Pest befallen, angesichts des nahen Todes an den Fuß der mächtigen Wanderdüne legten und von dieser übersandet wurden.
Wanderdünen wehen über alles hin und lassen sich auf ihrem Weg kaum hemmen. Sie haben an der dänischen Westküste den Leuchtturm von Rubjerg Knude begraben (der kürzlich wieder freigelegt und in einer aufwendigen Aktion auf Schienen landeinwärts verlegt wurde). Und sie haben auf Sylt das Dorf Rantum und die Kirche begraben. Die Kirche verschwand im Jahre 1803 unter einer mächtigen Wanderdüne, ebenso schließlich die auf der Flucht vor dem Sand nach Osten verlagerten Häuser. Aber auch auf Amrum fielen die Urdörfer der von der südwestlichen Nordseeküste her eingewanderten Friesen den Dünen zum Opfer, ebenso das umfachreiche Ackerland auf der hohen, saaleeiszeitlichen Inselgeest, dessen Spuren noch heute in Dünentälern zu finden sind, wo der Wind den Dünensand bis auf den dunklen Geestboden wieder weggeblasen hat.

Steinzeitliche Grabkammer nahe der Vogelkoje

Als die Friesen mit Schiffen um Anno 800 aus Gegenden der Rheinmündung und Holland über das Meer kamen (zu Lande wären sie kaum von den Dithmarschern durchgelassen worden!), um im heutigen Nordfriesland die von der vorherigen altgermanischen Bevölkerung weitgehend verlassene Landschaft neu zu besiedeln, gab es auf Sylt und Amrum noch keine Dünen. Auf den hohen Altmoränen wurden nur die zahlreichen Hügelgräber und die “Riesenbetten” mit den Findlingsgrabkammern der vorherigen Völkerschaften sowie das von ihnen genutzte Ackerland vorgefunden. Diese und andere Kulturspuren weisen darauf hin, dass die Dünen eine ganz junge, erst in der erdgeschichtlichen Gegenwart entstandene Landschaft sind. Und es gibt auch schriftliche Belege über die Entstehung der Dünen in jüngster Zeit. Dazu gehört der Bericht des Priestersohnes (in katholischer Zeit duldeten die Inselfriesen keine unverheirateten Priester!) Hans von Kiel, auch Kieholt genannt, der an der Universität Leipzig studierte. Als er wieder nach Hause kam, war sein Vater, der Priester zur Eidumer Kirche, gestorben und die Kirche durch eine mächtige Sturmflut zerstört. Sie lag etwa einen halben Kilometer vor der heutigen Sylter Küste. “Aber mich verwundern die vielen Sandhügel am Ufer, so groß als Heuhüxen”, schrieb Hans von Kiel in einem Bericht, der in die Zeit um Anno 1440 datiert wird. Das Erstaunen über die Dünen am Sylter Strand, die vorher offenbar nicht vorhanden waren, verrät in etwa ihre Entstehungszeit in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Und um die gleiche Zeit dürften auch die Dünen auf Amrum entstanden sein. Die Dünen sind also eine ganz junge Landschaft, kaum 500 Jahre alt.

Die Sage vom Wassermann
Mit der Entstehung der Dünen verbindet sich übrigens eine Sage: Die Insulaner fanden die Leiche eines alten Mannes am Strande und begruben diesen auf dem Friedhof der Insel. Aber kaum geschehen, erhob sich ein furchtbarer Sturm, und die Brandung warf riesige Sandmassen aus der Nordsee an die Küste. Der Sturm wollte nicht nachlassen, und der Sand verwüstete immer mehr an Wiesen und Feldmark, so dass die Insulaner ratlos und verzweifelt waren. Da sagte ein kluger Mann, dass es sich bei der Leiche vermutlich um einen “Wassermann” handelte, den die Nordsee zurückholen wolle. Ob es sich um einen solchen handelte, könne man daran erkennen, dass er an seinem Daumen lutsche. Die Leiche wurde wieder ausgegraben, und sie hatte tatsächlich einen Daumen im Mund. Sofort wurde sie auf ein Pferdefuhrwerk geladen, zum Strand gebracht und in die wütende Brandung zurückgeworfen. Augenblicklich beruhigte sich der Sturm – aber die Dünen blieben!

Wo kamen die Sandmassen her?
Die prähistorischen Spuren im Bereich der Amrumer Dünen beweisen, dass diese erst nach der Wikingerzeit, ja teilweise erst nach dem 14. Jahrhundert entstanden sind (Prof. Karl Kerstan vom Landesamt für Vor- und Frühgeschichte, Schleswig). Aber bis heute können Geologen nicht erklären, wie sich derartige Sandmassen in relativ kurzer Zeit, in wenigen Jahrhunderten bilden und über den hohen Inselkern hinwandern konnten, um etwa die Hälfte der saaleeiszeitlichen Altmoräne zu bedecken. Gleiches gilt auch für Sylt. Hier vermuten die Geologen Meyn und Mager (1927), dass seewärts vor der Insel eine Limonitsandsteinbank lag, deren Zerstörung durch die Nordsee im 15. Jahrhundert die Sandzufuhr vom Nordseeboden gegen die Sylter Küste begünstigte. Für Amrum vermutet der Geologe Hans Voigt (1964), dass der Abbau des einst größeren Inselkernes durch die Dünkirchen-Transgression entsprechende Sandmassen freisetzte, aus denen sich die heutigen Dünen bildeten. Die Theorie darf aber angezweifelt werden. Der ursprüngliche Inselkern war nicht sehr viel größer als heute, und die Dünen bildeten sich nicht aus saaleeiszeitlichen Sanden, sondern aus Seesand vom Nordseeboden.
Eine mögliche Erklärung bietet aber auch die “Kleine Eiszeit”, die vom 14. bis zum 16. Jahrhundert dauerte. Immer in Eiszeiten wuchsen die Gletschermassen auf den Polkappen und Hochgebirgen, und das Weltmeer fiel entsprechend zurück und gab Meeresboden frei. Ob dies aber auch in der obigen Klimaperiode an der Nordseeküste der Fall war und sich dadurch gewaltige Sandmassen entwickelt haben, ist nirgends überliefert. Heute stehen wir staunend vor den gewaltigen Sandhügeln auf Amrum (und Sylt) und erhalten keine handfeste Erklärung über das “Wann” und “Woher”, auch nicht von studierten Geologen!
Die höchsten und ältesten Dünen auf Amrum liegen am inneren, östlichen Dünenrand südwestlich von Norddorf, am Dreieck der Heideflur Meerum nordwestlich und südwestlich der Vogelkoje, an der Satteldüne und nordwestlich von Wittdün. Sie liegen einschließlich des saaleeiszeitlichen Untergrundes bis knapp 32 Meter hoch über dem Meerespiegel (das heißt: ungeachtet der Panikmeldungen über den Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels – Amrum kann nicht untergehen!).
Rätselhaft ist aber auch die Dünengestaltung durch die Natur. Zwischen hohen Dünenzügen oder am Rande derselben liegen ausgedehnte Talsenken, so mit dem “Siatler” südlich von Norddorf oder das “Skalnastal” südwestlich von Meerum. Hier sind manche Täler so tief, dass sich am Grunde kleine Moore mit einer speziellen Pflanzenwelt gebildet haben. Bei den hohen Dünenzügen auf der Odde und Wittdün ist zu beachten, dass diese nicht auf dem höheren Geestboden liegen, sondern beide als Nehrungsgebilde erst nach Beginn der Zeitrechnung dem Inselkern durch die Nordsee angefügt wurden. Und noch einmal die alles überwältigende Frage: Wann und woher hat die Nordsee diese Sandmassen der Insel zugeführt???

Überall in den Dünen treten mittelalterliche Ackerspuren wieder zutage

Dünenbefestigung durch Halmpflanzung
Die Entstehung der Dünen war für die um 800 hier eingewanderten Friesen eine Katastrophe. In relativ kurzer Zeit verschwand die Hälfte des landwirtschaftlich nutzbaren Landes unter Dünen, durch die sich vermutlich auch die Lage der Dörfer Norddorf und Nebel am östlichen Dünenrand erklärt. Und ebenso weit weg vom Dünenrand Süddorf und Steenodde. Dass man in den Dünen aber auch bauen und diese befestigen kann, hat dann sehr viel später und in anderem Zusammenhang Wittdün bewiesen – wie auch Hörnum, Rantum und List auf Sylt!

Wanderdüne auf Amrum. Durch Sandzufuhr gedeiht der Strandhafer am Dünenfuß

Die Inselbewohner blieben aber nicht tatenlos gegenüber der dynamischen Dünenbildung, die immer mehr Weide- und Ackerland sowie Siedlungsraum verwüstete. Zunächst erfolgten aber nur passive Maßnahmen. Im Jahre 1696 wurde eine Verordnung publiziert, die “das Pflücken von Dünenhalm” verbot. Dünenhalm, Strandhafer aber waren die Grundlage für die Herstellung von Reepen, Seilen, besonders für ärmliche Familien, für die das Reependrehen (fries. Riaper trän) oft die einzige Erwerbsquelle bildete. Entsprechend wurde diese und die dann folgenden Verordnungen kaum beachtet, und es kam zu dramatischen Konfrontationen zwischen den einheimischen Bauernvögten als Aufsichtsmänner für den Dünenschutz und den Insulanern. Schließlich wurden im Jahre 1766 Stellen angewiesen, wo die Insulaner Halm schneiden durften. Und im Jahre 1783 wurden alle Einwohner entsprechend ihren Eigentumsanteilen an den landwirtschaftlichen Nutzflächen verpflichtet, kahle Dünen mit Strandhafer zu bepflanzen, um den Sandflug zu unterbinden. Dieser sogenannte “Hand- und Spanndienst” war im Spätsommer/Herbst immer eine originelle und traditionelle, nämlich aus dem 18. Jahrhundert stammende Gemeinschaftsarbeit der Dorfbewohner auf Amrum. Er wurde 1964 im Zuge einer gemeindeeigenen Steuererhöhung abgeschafft und ist heute Teil der Gemeindeaufgaben.

Die Strandhaferpflanzungen am Inselstrand, vor allem an der Nordspitze, dienen hingegen dem Küstenschutz und fallen in die Zuständigkeit des Küstenschutzamtes, früher Marschenbauamt, heute mit dem sperrigen Namen “Landesamt für Küstenschutz und Naturschutz” (LKN-SH) versehen.

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