Schrotflinte und Autoräder – im Heu versteckt


 

 

Amrum im Jahre 1945. Noch träumen die zahlreichen Anhänger des “Führers” auf Amrum (eine Frau in Norddorf bekundete gar, dass sie sich “für den Führer kreuzigen lassen” würde) von den “Wunderwaffen” und dem “Endsieg”. Aber die fast täglichen Bomberflotten der Allierten, die am Himmel über Amrum zum Bombardieren der Großstädt im Deutschen Reich einfliegen, nahezu ungehindert, weil die deutsche Luftwaffe längst die Lufthoheit verloren hat, sowie die von Osten kommenden Flüchtlingsströme verraten, dass der Krieg verloren ist.
Auch auf Amrum hat das versprochene “Tausendjährige Reich” seine Spuren hinterlassen, und die Insulaner waren genötigt, manche über Jahrhunderte festgefügte Lebensart aufzugeben. Dazu gehörte die seit König Waldemars Zeiten freie Jagd auf Wildvögel und Wildkaninchen. In dänischer Zeit und zunächst auch noch nach 1864 unter Deutschland wurden Letztere zu den “Schädlingen” gerechnet, und die Jagd war für jedermann frei. Den Nazis lagen jedoch Naturschutz und Wildhege am Herzen, und in den Jahren 1934/35 wurden Gesetze über Naturschutz und Wildhege erlassen, die vorbildlich auch für andere Länder waren und im Wesentlichen noch heute gültig sind. Die Wildkaninchen wurden als Jagdwild deklariert mit entsprechenden Jagd- und Schonzeiten, und dies bedeutete für Amrum, dass aus der jahrhundertelangen “Schädlingsbekämpfung” plötzlich Wilderei geworden war. Die Amrumer Wildbahn war nun in drei Reviere, entsprechend den Gemeinden Wittdün, Nebel und Norddorf eingeteilt, und wer Kaninchen jagen wollte, konnte dies nur mit Erlaubnis eines Jagdpächters betreiben. Allerdings blieb die alte Hantierung, nun Wilderei, noch lange in Gebrauch, und es dauerte bis in die Gegenwart, ehe alle Gesetze respektiert wurden. Die Folge war aber auch, dass sich die Wildkaninchen zeitweilig stark vermehrten, insbesondere in den Kriegsjahren, als die Inselmänner zur Wehrmacht eingezogen waren und die Wildkaninchen von der früheren, rigorosen Bejagung verschont blieben.
Die Schäden in der Landwirtschaft stiegen ins Unerträgliche, und auf Amrum wurden einige bronzezeitliche Hügelgräber (Klööwenhuuch, Kanshuuch zwischen Nebel und Norddorf sowie Kafhuuch zwischen Nebel und Steenodde), die dicht an dicht durch Kaninchenhöhlen zerlöchtert waren, mittels hohem Maschendraht eingezäunt, um den Kaninchen den Auslauf über die Feldmark zu verwehren.
Nach Kriegsende verstärkte sich das Karnickelproblem. Die britische Besatzung war durch die vorherige Propaganda im reichsdeutschen Rundfunk über Untergrundkämpfer (“Werwölfe”) verunsichert und betrieb eine totale Demobilisierung des deutschen Volkes. Alles, was schießen konnte, musste abgeliefert werden, und dazu gehörten auch die Schrotflinten der zahlreichen Amrumer Jäger. Die Flinten sollen dann auf der Rückfahrt des Schiffes in die Norderaue geworfen worden sein.

Nun hatten die Amrumer Wildkaninchen, die zahlreichen Nachkommen der von König Waldemar um 1230 hier ausgesetzten Tiere, keinen Schrotbeschuss mehr zu fürchten und vermehrten sich derart dramatisch, wie es sich für Karnickel gehört. Die Lage in der Landwirtschaft wäre ganz unerträglich geworden, wenn nicht die Nahrungsnot der Nachkriegszeit die Gültigkeit der Natur- und Jagdgesetze faktisch außer Kraft gesetzt und zu einer rigorosen Naturnutzung gezwungen hätte, zumal die Insel noch zusätzlich zu den Einheimischen von Ostflüchtlingen (im Verhältnis von 1240 zu 1640) bevölkert war, für die es kaum Arbeit gab. Beide, Einheimische und Flüchtlinge, waren unterwegs, um in den Dünen und Wiesen Eier von Kibitzen, Austernfischern, Eiderenten und Möwen zu sammeln oder Wildkaninchen zu erbeuten. Zwar waren nun alle Schrotflinten von den Briten kassiert, aber dafür traten Schaufeln und Spaten in Aktion. Die vier, fünf Meter langen Kaninchenhöhlen wurden ausgegraben, bis man am Ende der Höhle in einem leicht ansteigenden und erweiterten Kessel das hier wehrlos harrende Kaninchen erfasste, an den Hinterbeinen herauszog und durch Handkantenschlag im Genick sekundenschnell und schmerzlos tötete. Die Amrumer gruben natürlich nur solche Höhlen aus, die nicht in hohen Dünen lagen. Aber die Flüchtlinge buddelten in ihrem Eifer auch solche Höhlen aus und gerieten einige Male in Lebensgefahr, wenn eine Düne einstürzte und sie verschüttete. Es waren aber in allen Fällen immer andere zur Stelle, die ihre Kameraden schnell aus dem Sand befreien konnten, ehe diese erstickten.

Die “Wiederbewaffnung” der Amrumer
Aber alle Anstrengungen von Einheimischen und Flüchtlingen kamen gegen die Vermehrungsflut der Wildkaninchen nicht an. Und schließlich blieb der Militärregierung zur Rettung der ohnehin kärglichen Ernte der Amrumer Landwirtschaft nichts anderes übrig, als die Inseljäger wieder zu bewaffnen. 1946/47 wurde eine Anzahl von Schrotflinten zurückgeliefert mit einer Beigabe von je 20 Patronen. Nur ein Amrumer bedurfte einer solchen Flinte nicht – Johannes Quedens aus Norddorf. Er hatte seinen altertümlichen Schrotstreuer nicht abgeliefert, sondern diesen ungeachtet der Strafandrohungen auf dem großen Heuboden seines Schwiegervaters, des Landwirtes Georg Köster, versteckt. Nun ging es mit der alten Flinte wieder auf die Jagd, die dann auch sehr erfolgreich werden sollte. Während andere Amrumer Jäger sich erst an die von den Briten gelieferten Patronen gewöhnen mussten, konnte “Hanje” mit 20 Patronen auch tatsächlich 20 Kaninchen erlegen. Sein 12jähriger Sohn (der Verfasser) fungierte dabei als “Hund”, rannte hin und her, um die Kaninchen aus dem Dünenhalm zu scheuchen oder als in Deckung hingeduckt an den Vater zu melden.

“Hanje” Quedens mit Flinte und Jagdbeute

Doch dann die Katastrophe! Ein Schuss ging daneben, und es drohte eine Blamage mit einer Strecke von nur 19 Tieren! Aber dann hatte Diana, die Göttin der Jagd, ein Einsehen. Mit der letzten Patrone konnte eine Dublette, zwei Kaninchen, die nahe beiander vor einer Höhle auf der Nordspitze saßen, erzielt werden! Die anderen Amrumer Jäger hatten mit ihrer Patronenzuteilung nur zehn, zwölf Kaninchen erlegt.

Es entzieht sich der Erinnerung des Verfassers, ob später noch öfter Patronen und Flinten von der Militärregierung nach Amrum geliefert wurden. Am 7. September 1949 wurde die Bundesrepublik gegründet und die Jagdhoheit von der Besatzungsmacht zurückgegeben. Damit traten auch die vorherigen Jagdpächter (in Wittdün Martin Breckwoldt, in Nebel Alwin Ricklefs und Hermann Jessen und im Norddorfer Revier Friedrich Wilhelm Peters (Fitje Wimme)) wieder in ihre Rechte.

Den Autobetrieb über den Krieg gerettet
Die Flinte im Heuhaufen, das war nicht der einzige Streich, den der Fotograf und Autovermieter “Hanje” Quedens der Obrigkeit spielte. Schon vorher, während des Weltkrieges, war ihm ein besonderes Manöver dank des Heubodens von Schwiegervater Georg Köster gelungen. Johannes Quedens hatte von seiner Mutter einen Fotoladen übernommen, betrieb nebenbei im erlernten Beruf noch einen Farben- und Tapetenhandel und richtete ab Februar 1936 noch zusätzlich eine Autovermietung ein, erhielt aber hier gleich eine Konkurrenz. Denn auch der aus Flensburg eingewanderte Tischler Peter Carlsen begann mit einem flotten “Admiral” eine Autovermietung. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Peter wurde von einer Herzerkrankung betroffen, so dass er schon im Juli 1943 starb, noch keine 40 Jahre alt! So musste er aber nicht mehr erleben, dass sein nobles Auto von der Wehrmacht beschlagnahmt und abtransportiert wurde, um dem von der Nazipropaganda versprochenen “Endsieg” zu dienen.
Aber auch der flotte Opel 6 des Konkurrenten sollte für diesen Zweck Verwendung finden, und eine entsprechende Abteilung von uniformierten Männern begab sich nach Norddorf. Aber was war das?! In der Garage stand aufgebockt die Limousine ohne Reifen und Räder! Offenbar war der Besitzer, der sich bei der Wehrmacht in Russland befand, vor der rigorosen Beschlagnahmeaktion gewarnt worden und hatte einen Urlaub genutzt, um die Räder abzubauen. Und als Versteck dafür bot sich – wie später für die Schrotflinte – der Heuboden des Schwiegervaters Georg Köster an!

Der Opel P6 – hier mit allen Rädern

Der Opel konnte nicht abtransportiert und der Besitzer nicht heranzitiert werden. Er befand sich in Staraja Russa am Ilmensee als Meldefahrer der Wehrmacht. Der Opel überdauerte den Krieg, ebenso sein Besitzer. Und so konnte die Autovermietung dann unmittelbar nach Kriegsende, nachdem die Räder wieder aufmontiert waren, fortgesetzt werden. Es war ein großartiger Augenblick, als der Opel 6 nach den Jahren der Ruhe sofort wieder ansprang – nicht über einen heute üblichen Anlasser, sondern mit einer Kurbel. Drei, vier Drehungen, und der Motor sprang an! Deutsche Wertarbeit. Aber der Krieg war verloren – kein Wunder bei solchen Volksgenossen, die auf infame Weise den “Endsieg” verhindert hatten!
Seitens der britischen Militärregierung erfolgte dann eine beschränkte Zuteilung von Benzin, damit Kranken- und andere wichtige Fahrten auf Amrum durchgeführt werden konnten. Eine solche wichtige Fahrt fand u. a. im strengen Eiswinter 1947 statt, als das Watt fest zugefroren war und Auto-Quedens zwischen Odde und Utersum einer Kolonne von Lastwagen voranfahren musste. Bis 1957 war der Opel 6 noch in Betrieb.

2020 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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