Amrumer Natur 2021 – (II) Erfolgreiche Vogelbruten


Die Erwärmung des Erdklimas gehört seit etlichen Jahren zu den permanenten Panikmeldungen in den Medien. Auf Amrum hat man zeitweise eher das Gefühl einer sich nahenden Eiszeit, insbesondere in der Vogelwelt. Hier sind die wichtigsten Monate der Brutzeit, April bis Juni, unabhängig von den “Eisheiligen” und der “Kalten Sophie”, durch Nässe und Kälte aus dem Norden gekennzeichnet, ein wahres “Jungvogelmörderwetter”. Die Singvögel, insbesondere Haus- und Mehlschwalben, aber auch andere Arten, konnten ihre Jungen mangels Insekten nicht ernähren. Die Jungen der seltenen Kornweihe kamen durch eisigen Regen ums Leben (2017), ebenso die Jungen der Seeschwalben im Nordwind auf dem Kniep. Zahlreiche Möwen aller heimischen Arten machten dem Bruttrieb folgend nur ein kümmerliches Nest, verzichteten aber auf eine Brut – so auch 2021. Das Wetter war ähnlich wie in den vorherigen Jahren. Die Hoffnung der heimischen Vogelwelt auf eine “Erwärmung des Erdklimas” – vergeblich. Nur die Graugänse hatten keine Probleme mit dem Nachwuchs. Die Gössel fressen Gras und gehen zu Wasser. Insektenmangel und kaltes Regenwasser beeinträchtigen die jungen Gänse nicht.

Gänse sind die ersten Jungen in der Vogelwelt, schon ab Ende März, Anfang/Mitte April. Dann folgen die Kiebitze mit ihren Jungen ab Ende April.

Erfolgreiche Kiebitzbruten

Der Kiebitz hatte 2021 wieder Bruterfolge auf Amrum

Im Amrumer Kiebitzrevier, der Norddorfer Marsch, die noch vor zehn Jahren mit bis zu 40 Brutpaaren dieses typischen Wiesenvogels besiedelt wurde, konnten – wie schon im vorigen Jahr – keine 10 Brutpaare mehr notiert werden. Auf einer Wiese im Nordosten der Marsch brüteten allerdings relativ nahe beieinander drei Paare, und diese “Koloniebrut” war vermutlich die Ursache für den unerwarteten Bruterfolg. Denn drei Paare zusammen, dazu noch wenig später ein Austernfischerpaar, bedingten eine konzentrierte Abwehr gegen Möwen und Krähen – beispielsweise wurden Anfang April an 20 – 25 Stellen in der Norddorfer Marsch Krähen, Einzelvögel und Paare, gezählt, die ständig die Wiesen “revidierten” und erfolgreiche Bruten von Bodenbrütern (darunter auch Feldlerchen) nicht mehr oder nur noch bedingt zuließen (trotzdem wimmelt es im Vaterlande von Leuten, die den Vollschutz der Rabenvögel verlangen!).

Nestflüchter Kiebitz auf Futtersuche

Die kleine Restpopulation der Amrumer Kiebitze wurde vom Anfang bis zum Ende der Brutzeit täglich kontrolliert. Dabei wurde eine erstaunliche Entdeckung gemacht – zunächst die gute Abwehr gegen Möwen und Krähen durch die Koloniebrut. Nach dem Schlüpfen der Jungen, die dann auf selbständiger Nahrungssuche bekanntlich als “Nestflüchter” in einem mehr oder weniger großen Revier im Bereich des Brutplatzes und unter Aufsicht der Eltern herumlaufen, folgte bald wieder das übliche Wetter mit eisigen Schauern aus Nordost. Aber die Befürchtung, dass alle Jungen, wie in der Vergangenheit, sterben würden, bewahrheitete sich nicht. Es konnte beobachtet werden, dass auch die schon mehrere Wochen alten, herangewachsenen Jungen bei diesem Wetter noch vom Kiebitzweibchen im Bauchgefieder geborgen wurden und andere Schutz in den überall vereinzelt stehenden Büschen der Flatterbinsen, die im Gefolge der nur noch sporadischen Beweidung überall in der Norddorfer Marsch gewachsen sind, Deckung fanden.

Ungeachtet des Wetters und einer benachbarten Rohrweihenbrut zog das eine Kiebitzpaar aus vier Eiern drei Junge auf, ein anderes Paar zwei Junge und die anderen Kiebitze je einen Jungvogel, also die normale Erfolgsrate. Aber unabhängig vom diesjährigen Bruterfolg ist der frühere Charaktervogel der Inselmarschen und der Feldmark aus der Amrumer Landschaft weitgehend verschwunden. Nur im Bereich des Annlandes brüten noch einige wenige Paare.

Die Austernfischer der Wittdüner Südspitze

Bruterfolge wie bei den Kiebitzen konnten auch bei einer verwandten Art aus der großen Familie der Limikolen notiert werden – allerdings nur lokal auf der Südspitze von Wittdün. Diese Südspitze mit ihrer mächtigen Rundung der Strandpromenade hat sich in den letzten Jahren zu einem Hauptbrutplatz des Austernfischers entwickelt – ganz gegen die “normalen” Brutplätze auf Sandstränden und Salzwiesen. Drei bis fünf Paare finden zwischen den Basalt- und Kupferschlackensteinen des Deckwerkes der Uferschutzmauer bzw. Strandpromenade kleine Mulden, um ihre Eier abzulegen. Der Menschenstrom auf der Promenade, nur wenige Meter entfernt, stört die brütenden Austernfischer nicht mehr. Die beim Brüten ruhenden Vögel ziehen nicht einmal mehr den Kopf aus dem Rückengefieder! Und die hier sozusagen unter den Kurgästen brütenden Vögel versorgen ihre Jungen bei Ebbe aus dem nebenan liegenden Watt. Unentwegt fliegen die Elternvögel hinaus, stochern Würmer oder kleine Krebse aus dem Boden und eilen zurück zu ihren Jungen, die im Steingewirr des Deckwerkes der Standpromenade sitzen. Die Vorlage des Futters stellt klar, dass die jungen Austernfischer keine echten Nestflüchter sind, im Gegensatz zu den vorgenannten Kiebitzen, die ihre Nahrung selbständig finden.

Von den Brutpaaren auf der Wittdüner Südspitze hatte ein Paar zwei und ein anderes sogar drei flügge gewordene Jungvögel – ein Zeichen für die guten Nahrungsbedingungen. Junge Austernfischer lassen sich übrigens gerne sehr lange von ihren Eltern versorgen, auch wenn sie längst erwachsen sind und sich von den Eltern kaum noch unterscheiden lassen!

Neben der Südspitze sind auch einige Hausdächer in Wittdün sowie der Fähranleger von Brutpaaren des Austernfischers besiedelt. Das Brutpaar auf dem Fähranleger ist seit Jahrzehnten sozusagen “Legende”. Es brütete jahrelang auf einem eigens hergerichteten, betreuten Platz unmittelbar am W.D.R.-Gebäude und führte die geschlüpfen Jungen zum Deckwerk auf der Nordseite. Aber vor zwei Jahren wurde entgegen aller Erwartungen das Gelege von Möwen und Krähen geraubt. Nach einem solchen Vorfall geben Vögel in der Regel den Brutplatz auf.

Die W.D.R.-Austernfischer

Die sogenannten “W.D.R-Austernfischer” haben nach Meldung des Chefs der Amrum-Touristik, Frank Timpe, im folgenden Jahr (2020) auf dem Flachdach des W.D.R.-Gebäudes auf dem Fähranleger gebrütet, aber den Nachwuchs infolge kalten Regenwetters verloren. Auch in diesem Jahr brütete das Paar wieder auf dem Dach, doch schlüpfte nur ein Jungvogel, der zwar vom Dach herunter kam, jedoch nicht mehr das Deckwerk mit den Rauhsteinen an der Nordwestseite des Fähranlegers erreichte, wo Generationen von Jungen großgezogen wurden. Vermutlich ist das W.D.R.-Austernfischerpaar nun auch ca. 20-30 Jahre alt und hat die Vermehrungsfähigkeit verloren.

Aber für eine Fortsetzung von Austernfischerbruten im Bereich des Fähranlegers ist gesorgt. Gleich nebenan auf einer Strandfläche an der “Paddelstation” (SUP Amrum) von Leif Lückel begannen Austernfischer (nachfolgend “Paddel-Paar” genannt) zu brüten. Und dieses Paar zeichnete sich durch eine Besonderheit aus. Es lagen in der einfachen Sandmulde 4 Eier. Nur etwa 10 – 15% der Austernfischer legen statt der üblichen 3 Eier deren vier (wie fast alle anderen Limikolen auch). Leif Lückel machte um diesen Brutplatz sofort eine lose Einzäunung.

Das “Paddel”-Austernfischerpaar mit vier flüggen Jungen

Trotzdem war kaum damit zu rechnen, dass die Brut angesichts des Menschengewimmels erfolgreich sein würde. Wurde sie aber! Am 7. Juli spazierte das Paddel-Paar mit vier Jungen im benachbarten Watt, nachdem Leif Lückel beobachtet hatte, dass ein Ei zunächst nach dem Schlüpfen der anderen drei Jungen liegenblieb, aber dann doch noch ausgebrütet wurde. Und es grenzt beinahe an eine ornithologische Sensation: alle vier Jungen wurden am 29. Juli flügge! Normalerweise zieht ein Austernfischerpaar nur e i n e n Jungvogel groß.

Löffler haben sich nun etabliert

Der Löffler, ursprünglich ein Vogel des Südens

Zu den weiteren erfreulichen Fakten aus der Amrumer Vogelwelt gehört, dass vom Naturschutzgebiet Amrum-Odde die erfolgreiche Brut von 7 L ö f f l e r-Paaren gemeldet wurde. Der Löffler ist eigentlich ein Vogel Südeuropas, mit einem früher isolierten Brutvorkommen in Holland, breitet sich aber seit einigen Jahren an der gesamten Nordseeküste aus. Manche würden nun sagen: “Aha, Erwärmung des Erdklimas!” Aber wenn Vögel wirklich Anzeiger von Temperaturveränderungen wären, müssten Eiderenten und Heringsmöwen längst nach Norden entschwunden sein. Stattdessen haben sie ihr Brutverkommen weit nach Süden ausgedehnt.

Zum vierten Male seit 2018 war auch das Rohrweihenpaar wieder zur Stelle. Es brütet unverändert in einem schmalen Schilfstreifen am Wattufer zwischen Norddorf und Haus Burg. Wie in den vorherigen Jahren wurden wieder zwei Jungvögel flügge.

Rohrweihen-Paar im Schilf

Ganz im Gegensatz zu den Bruterfolgen der genannten Arten, meist größerer Vögel, stellt sich die Situation in der Kleinvogelwelt dar. Die erwähnte “eiszeitliche” Wetterlage im Frühsommer und der erschreckende Mangel an Insekten haben dazu geführt, dass in den letzten Jahren ein großer Teil früherer Singvögel von Amrum vollständig verschwunden ist und ehemals häufige Arten nur noch mit Einzelbruten vorkommen, wie z. B. die Feldlerche, früher ein Massenvogel auf Amrum (in den 1960er Jahren bis zu 800 singende Männchen bzw. Brutreviere). Auch vom Wiesenpieper hört man nicht mehr viel, und als Folge davon verschwindet auch der Kuckuck, der seinen Wirtsvogel verlor. In den Inseldörfern singen keine Stare mehr, und Rauchschwalben beschränken sich auf Einzelpaare, während die Mehlschwalben komplett verschwunden sind. Am ehesten werden noch vereinzelte Kohlmeisen gesichtet. Auch der Zaunkönig meldet sich hier und da noch mit seinem “Triller”. Erschreckend aber auch das “Schweigen im Walde”. Der Wald – nach verbreiteter Vorstellung (und nach dem Inhalt von Volksliedern) ein Vogelparadies, ist auf Amrum – wie andernorts – die an Vögeln ärmste Landschaft. Der Wald ist am schönsten dort, wo keine Bäume stehen. Denn nur auf Lichtungen, wo die Sonne scheint, gibt es eine Vielfalt von Pflanzenleben, entsprechende Insekten und im Einzelfall die davon lebenden Vögel. Der auch auf Amrum noch überwiegende Nadelwald ist eine dunkle Schattenlandschaft ohne Leben!

2021 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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