Vor 60 Jahren: Orkanflut 1962 – Erinnerung eines Beteiligten und Betroffenen.


 

In den Tagen des 16. und 17. Februars 1962 zog ein Orkantief über die Nordsee, das sich zur größten Sturmflut des 20. Jahrhunderts entwickelte und schwere Schäden an der Küste und auf den Inseln und Halligen anrichtete. In Hamburg ertranken über 300 Menschen, der traurige Höhepunkt der wochenlang anhaltenden stürmischen Wetterlage.

Der Verfasser, junger Familienvater, wohnhaft in einem wenige Jahre vorher erworbenen Haus an der unteren Strandstraße Norddorfs, hat die Sturmflut hautnah miterlebt.

»Der Tag begann mit wachsenden Windstärken. Als sich nachmittags ein Schulfreund meldete und von einer Schnee-Eule in den Dünen südwestlich Norddorfs berichtete gab es für mich Naturfotografen kein Halten mehr. Wir zwei Norddorfer kämpften uns mit Kamera und Teleobjektiv durch das graubewölkte Wetter durchs Gelände, wobei es wegen der Windstärke kaum noch möglich war, über eine Dünenhöhe zu gelangen. In einem Tal mit zahlreichen kleinen Heidehumpeln wurde die große, schneeweiße hochnordische Eule bald entdeckt. Sie hielt aber die Annäherung nicht aus und verschwand im Gewirr der Dünenlandschaft, die mit mächtigem Sandflug im Sturm regelrecht „rauchte“.

Gegen Abend wuchs der Sturm mit Böen bis Stärke 15 und verwehte das dichte Gewölk, um nun die Bühne für eine klare Vollmondnacht und für die große Sturmflut zu bereiten. Der Strom war, wie damals üblich, ausgefallen. Irgendwo war ein Strommast umgeweht worden war. Somit erreichten die gesendeten Warnmeldungen des Hydrographischen Institutes in Hamburg nicht mehr die Insulaner über Radio oder Fernsehen.

Der “blanke Hans” schlägt zu

Der Kniepsand war längst überflutet und die Brandung stand brüllend gegen den Dünenwall und vor der Norddorfer Marsch. In der Erwartung, dass hier die Dünen durchbrechen und die Flut die Marsch überschwemmen und das Dorf erreichen könnte, ging ich gegen 23 Uhr zum Strand und bemerkte dann zurück zum Deich an der Ostseite der Marsch blickend, im hellen Mondlicht sekundenlang auftauchende, weiße Streifen oberhalb des Deiches, die ich zuerst für Scheewehen hielt. Aber der Himmel war wolkenlos. Und plötzlich wurde mir klar, dass es sich bei den Streifen um über den Deich schlagende Wellen handelte, die im Mondlicht leuchteten.
Der Norddorfer Wattendeich wurde überflutet und das bedeutete, dass er brechen könnte! Sofort zurück ins Dorf! Schnell die Eltern und andere Bewohner der am Marschrand liegenden Häuser wecken! Auch andere im Dorf waren unruhig geworden und hatten zum Deich geschaut, in kurzer Zeit waren fast alle wach und versammelten sich am Dorfrand, um nun das eindrucksvolle Naturschauspiel, die Überflutung des Deiches, zu beobachten. In den tiefer liegenden Häusern begann man, zu bergen, was zu bergen war.  Mein Vater Johannes Quedens fuhr seine Mietwagen, mehrere VW-Busse, aus der Garage auf die zu den Dünen ansteigende Dorflage. In den Häusern wurden die Elektroherde und -geräte auf Tische gestellt. Diese Höhe hielt man für ausreichend gegen eine eventuelle Überflutung.

Deichbruch bei Norddorf

Immer noch schäumte die Flut über den Deich und „Auge und Ohr ins Dunkel gespannt“ – erblickten wir überraschten Norddorfer auf einmal Föhr! Der Deich war gebrochen und die Lücke gab den Blick zur Nachbarinsel frei. Im Getöse des Sturms ging das Brüllen der heranrauschenden Flut fast unter, aber flüchtende Hasen, Kaninchen und Wühlmäuse waren die ersten Anzeichen der tosenden Nordsee. Mein Onkel Gustav Doersch aber sagte auf dem Hügel seines Hauses stehend: „Weiter als hier unten kommt das Wasser nicht“.
Tatsächlich blieb die Flut eine Weile stehen. Aber dann gab es plötzlich einen weiteren Aufstau über die unteren Dorfstraßen und die Strandstraße (Strunwai) hinauf bis zum Hotel „Seeblick“, wo sich aus Treibgut ein hoher Flutsaum bildete.

In unserem Hause stieg die Flut etwa 20 cm hoch – über die neuen Teppiche und Fußböden, füllte den kleinen Kartoffelkeller bis unter die Decke. Die Szenerie war durch den wolkenlosen Vollmondhimmel fast taghell. Immer wieder wurde zur Wanduhr geschaut, denn Hochwasser sollte etwas eine halbe Stunde vor Mitternacht sein. Pünktlich auf die Minute trat sie auch ein, und binnen einer halben Stunde war das Wasser zurückgelaufen, nachdem es in den Stuben Schlammwüsten hinterlassen hatte.

Aufgebrochene Strandpromenade Wittdüns

Am nächsten Morgen verbreitete sich dann auf Amrum das ganze Ausmaß der Unglücksnacht: Die Wittdüner Balkenbrücke war völlig zerstört, die Strandpromenade am Wittüner Südstrand auf einer Länge von 30 Metern aufgebrochen; und zwischen Wittdün und Steenodde war ebenfalls der Deich gebrochen.
Als die Flutwelle einen Tag später Hamburg erreichte, nahm der „blanke Hans“ dann keine Rücksicht mehr auf Menschenleben.«

Georg Quedens

 

 

 

 

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Über Georg Quedens

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One comment

  1. Genau heute bis Samstag ist wieder starker Sturm gemeldet aber ich glaube es ist sicherer als vor 60 Jahren
    Ursula Schinkel

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