Corona, meine persönlichen Erfahrungen mit dem Virus – eine Glosse …


“Ich wollte es fast nicht wahrhaben – 2 Striche” …

Da war am 21. Februar 2023 diese Schlagzeile auf der 1. Seite im Inselboten: Corona – „Wir sind in der Normalität“. So hatte sich unser Ministerpräsident, Daniel Günther, anlässlich der 50. Sitzung des Expertenrates der Landesregierung geäußert. Und der muss es doch wissen, dachte ich mir. Zumindest sollte er sich sachkundig gemacht haben.  Etwas anders stellt sich die Lage jedoch dar, wenn man sich die Aussagen einiger Mitglieder des Expertenrates ansieht: Prof. Dr. Jan Rupp, Direktor der Klinik für Infektiologie und Mikrobiologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, sieht zwar keinen Hinweis darauf, dass die Corona-Pandemie zurückkommen könnte, sein Kollege Prof. Dr. Helmut Fickenscher, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, will nicht mehr von einer Pandemie sprechen, sieht diese als überstanden an, bezeichnet die Lage für unser Land jedoch noch als Epidemie und Prof. Dr. Klaus Rabe, Ärztlicher Direktor der Lungenklinik Großhansdorf, gibt zu bedenken, dass wir, v. a. im Hinblick auf Long Covid, noch nicht viel darüber wissen und uns das Ganze noch lange beschäftigen wird. Und was meint der „Corona-Erklärer“ Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach? Der sagte Mitte Februar im ZDF „wir sind gut durchgekommen“, meinte, dass Corona-Regeln im Freien  „Schwachsinn“ gewesen seien und bezeichnete die etwa 180.000 Menschen die in Deutschland an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben sind als „keine schlechte Zahl“. Und sein Bundesgesundheitsministerium legte dann zum 1. März fest, dass keine Testpflichten für den Zutritt zu Gesundheitseinrichtungen mehr gelten, die Maskenpflicht für Beschäftigte in Praxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen wegfallen und auch die Bewohner von Pflegeheimen diese nun nicht mehr tragen müssen. Allerdings gilt die Maskenpflicht weiterhin für Besucher von Arztpraxen, Kliniken und Pflegeheimen noch bis zum 7. April. Warum dies gerade noch weitere 38 Tage, bis Karfreitag, gilt, will sich mir nicht so recht erschließen.

Wie dem auch sei, eine große Erleichterung ging durch die gesamte Republik und machte  auch vor Amrum und meiner Person nicht halt. Was hatten wir doch die letzten 3 Jahre unter diesem blöden Virus zu leiden gehabt. Völlig egal, ob es  auf Grund eines Laborunfalls in China, wie US-Geheimdienste vermuten, auf die Menschheit losgelassen wurde, oder auf einem Tiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan auf den Menschen übergesprungen war, wie andere meinen, es hat doch vielen Menschen auf unserer Erde mehrere Jahre eines „normalen“ Lebens gekostet und dies über 6,8 Millionen Menschen sogar im wahrsten Sinne des Wortes. China hält sich bei der Ursachenerforschung dieser weltweiten katastrophalen Pandemie übrigens auch heute noch sehr bedeckt.

Prima, dachte ich, wir sind also zurück in der Normalität. Gelesen am 21. Februar 2023, dem Biiketag. Und ich war, rückblickend, mit „meiner“ Covid-19-Erfahrung eigentlich ganz zufrieden, hatte ich doch bis dato keine Corona-Infektion erlitten. Fröhlich besuchte ich mit meiner Chefin und Ehefrau Claudia das Nebeler Biikefeuer, machte noch einen späten Hausbesuch und ging gesund ins Bett. Doch die Nacht war  komisch. Mich plagten wirre Träume, mehrmals wurde ich wach und hatte leichte Kopfschmerzen. Nachdem Claudia aufgestanden und zur Arbeit in die Praxis gegangen war, machte ich mir Frühstück und steckte mir parallel ein Corona-Schnellteststäbchen in die Nase. Eigentlich nur „zur Sicherheit“ dachte ich. Noch während ich mir meine morgendliche Vitamin-C-Bombe in Form einer Kiwi gönnte, fiel mein Blick auf das Teststäbchen: 2 rote Striche! Ich konnte es gar nicht glauben! Wieviele Tests hatte ich in den letzten 3 Jahren über mich ergehen lassen, immer war es nur 1 Strich! Jetzt konnte ich endlich mal 2 Striche sehen!

Eigentlich fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt gar nicht wirklich krank und dachte, dass ich wohl, so wie viele andere auch, einen milden Krankheitsverlauf haben würde, oder dass der Test vielleicht doch falsch positiv sein könnte. Aber es kam anders. Im Laufe des späteren Vormittages schlug das Virus erbarmungslos zu. Kopf- und Gliederscherzen, ein ausgeprägtes Kältegefühl trotz zweier Pullover und langer Unterhosen und eine „Matschbirne“ die meine Konzentrationsfähigkeit arg beeinträchtigte. Womit sollte ich es sonst erklären, dass ich Quittengelee statt Honig in meinen Thymiantee getan habe. Auch geriet mein Verdauungssystem durcheinander, zeitweise hatte ich Magenbeschwerden. Das allerdings bei gleichbleibend guten Appetit. Halsschmerzen oder Schluckbeschwerden hatte ich keine, auch keine Geruchs- oder Geschmacksstörungen. Aber gegen Abend entwickelte ich fiebrige Temperaturen bis 38,5° und in den folgenden Nächten gewaltige Schweißausbrüche. Mehrmals musste ich mich umziehen. Eine komplett verstopfte Nase und ein quälender, trockener Reizhusten ließen mich kaum zur Ruhe kommen. Ich war wirklich krank, und wenn ich mich aus dem Bett quälte fühlte ich mich noch älter als ich eigentlich bin. Ich habe mich tatsächlich aufstehen gehört. Alles tat mir weh.

Was tun? Claudia informieren, meine Tochter Laura, die eigentlich jeden Tag zum Mittagessen kommt, ausladen, mich in „Isolation“ begeben und gegen die schlimmsten Symptome Ibuprofen und ein Nasenspray verwenden. Das hat tatsächlich etwas geholfen, wenn auch immer nur  für wenige Stunden.

Phasenweise glaubte ich an einem akut aufgetretenen dementiellen Syndrom zu leiden. Nur im Bett liegen wollte ich nicht, also habe ich mich in etwas „Haushalt“ versucht. Habe die Müllbeutel, getrennt in „Restmüll“ und „recyclebar“, an die Wohnungstür gelegt, um sie bei Gelegenheit in die Mülltonnen zubringen. Als ich mir sicher war, das in der Praxis kein Publikumsverkehr mehr herrschte, habe ich mir meine FFP-2-Maske angezogen und bin nach unten zu den Mülltonnen gegangen. Als ich dort angekommen war, stellte ich fest, dass ich die Müllbeutel gar nicht mitgenommen hatte. Demenz? Aber dann dachte ich an die beiden roten Striche, und daran, dass ich es ja auch noch selbst bemerkte hatte, dass ich etwas vergessen hatte, und schob das Ganze auf Corona. Ein verzweifelter Versuch nach einem Tag die Corona-Infektion weg zu testen, scheiterte kläglich. Auch ein zweiter Test ergab 2 rote Striche.

„Die Infektionslage ist stabil“, sagen die Politiker und begründen damit die weitgehende Aufhebung der Corona-Schutzmaßnahmen. Schön, dachte ich. Da bin ich dank jahrelangem konsequenten Umgang mit der Pandemie mit 5-facher Impfung, Kontaktvermeidung, Verzicht auf Reisen, Einhaltung von Isolationsmaßnahmen, konsequentem Tragen von Atemschutzmasken u. s. w. bislang um eine Infektion herumgekommen und befinde mich also in einer stabilen Infektionslage. Und dennoch hat es mich erwischt. Und ich gehöre schon rein altersmäßig zu einer Risikogruppe. Das Rentenalter ist ein sehr gefährlicher Lebensabschnitt, bislang hat es noch keiner überlebt!

Gott sei Dank hat mein Krankheitsverlauf nach nur 4 Tagen eine positive Wendung genommen. Die von mir als durchaus heftig empfundenen Symptome („extreme Männergrippe“) ließen allmählich nach und am 5. Tag nach den ersten Krankheitszeichen war der Test wider Erwarten negativ. Auch das erstaunte mich, wusste ich doch von vielen anderen Betroffenen, die, z. T. auch ohne Symptome, von viel länger positiven Tests, bis hin zu 14 Tagen, berichteten. Aber mir sollte es recht sein. Ich war durch. Zumindest was die klassischen Anzeichen eines Atemweginfektes betrafen. Was mir aber noch etliche Tage länger zu schaffen machte und zum Teil auch noch anhält, war und ist eine ausgeprägt rasche Ermüdbarkeit. Den Staubsauger aus dem Keller holen, einmal die Wohnung saugen und dann den Sauger wieder in den Keller bringen führt mitunter immer noch zu einem Erschöpfungszustand, der mich schweißgebadet auf dem Sofa zusammen brechen lässt. Insgesamt gesehen wird es zwar besser und ich hoffe, das die „schlechten Tage“ bald ganz vorbei sind, aber es zeigt doch, dass Corona eben viel mehr ist als ein „banaler Infekt“, und wir diese Erkrankung noch immer nicht gut kennen. Es gibt so unterschiedliche Krankheitsverläufe, von nachgewiesenen Inkektionen ohne Krankheitszeichen, über leichte Verläufe mit nur wenigen Symptomen, länger anhaltende Erkrankungen bis hin zu „long covid“ und eben auch Todesfälle. Manche Infektionswege erscheinen mitunter unerklärlich. Wenn man Inkubationszeiten von 3 – 5 Tagen annehmen kann, werde ich mich wohl entweder bei der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr Süddorf oder aber beim Konzert der Amrumer Soulband angesteckt haben. An beiden Veranstaltungen haben meine Frau Claudia und ich mit großem Vergnügen teilgenommen. Endlich mal unter Leute, endlich mal ohne Maske! Aber warum nur ich erkrankte, Claudia blieb in vielen Tests stets negativ, ist uns unerklärlich. Immerhin haben wir ja recht engen Kontakt, teilen wir doch Tisch und Bett. Übrigens hat sich diese Situation wiederholt, als Claudia ziemlich genau vor einem Jahr erkrankte, blieb ich negativ.

Rückblickend auf die letzten 3 „Corona-Jahre“ kann man feststellen, dass auch wir auf Amrum eine ganze Menge mitgemacht haben und sich unser aller Leben in dieser Zeit schon verändert hat. Am 1.12.2019 wurde der erste Corona-Fall in Wuhan, China, beschrieben, am 24.1.2020 der erste Patient in Deutschland identifiziert, erst am 11.9.2020 gab es den ersten positiven Nachweis auf Amrum. Am 11.3.2020 wurde die Pandemie durch die WHO ausgerufen, am 16.3.2020 wurden die nordfriesischen Inseln für Besucher geschlossen, ab dem 28.3.2020 wurde gemäß dem Infektionsschutzgesetz bundesweit der erste „Lockdown“ ausgerufen. Ostern 2020 ist mir persönlich in sehr guter Erinnerung geblieben. Die Insel Amrum ohne Gäste! Herrlichstes frühlingshaftes Wetter machten am Ostersonntag eine Wanderung um die Odde ohne anderen Menschen zu begegnen möglich. Nicht nur ich habe die Zeiten wo nur Amrumer auf ihrer Insel waren genossen, auch wenn so mancher Vermieter Existenzängste gehabt haben mag. Und es gab tatsächlich auch durchaus komische Begebenheiten auf Grund von Corona. Schnell war klar, dass Kontaktvermeidung und Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken sinnvolle Schutzmaßnahmen waren. Anfänglich gab es große Lieferengpässe bezüglich Schutzkleidung und FFP-2-Masken. So haben wir in der Praxis die „wertvollen“ Masken eine Woche lang getragen. Sie wurden abends, nach der Sprechstunde mit Namen versehen und im Gänsebräter bei 90° im Backofen 90 Minuten lang „sterilisiert“. Das hatte zur Folge, dass man morgens beim Anziehen der Masken immer gerochen hat was es am Vortag bei uns zu essen gab. Zudem liefen die Gummizüge der Masken jedes Mal etwas ein, so dass man spätestens donnerstags abstehende Ohren bekam. Am 16.12.2020 kam es zum 2. Lockdown, dennoch wurden auch auf Amrum mehrere Ausbrüche registriert. Am 11.3.2021 haben dann die ersten Corona-Impfungen auf Amrum stattgefunden. Anfänglich wurden die Impfseren sogar unter „Polizeischutz“ nach Amrum gebracht, da die W.D.R. sich weigerte die Impfstoffe ohne Begleitperson zu transportieren (Amrum News berichtete am 12.3.2921: Corona – Impfkampagne auf Amrum hat begonnen). Bis heute sind auf Amrum rund 5000 Corona-Impfungen vorgenommen worden. Ich selbst hatte, wie bereits erwähnt, 5x das „Vergnügen“, jedes Mal ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Impfungen bieten zwar keinem 100%igen Schutz vor einer Infektion, auch kann man Corona mehrmals bekommen, jedoch ist sich die Wissenschaft sicher, dass durch ein richtiges Impfverhalten schwere und lebensbedrohliche Krankheitsverläufe vermieden werden können.

Um noch einmal auf die eingangs erwähne Schlagzeile im Insel Boten zurück zu kommen: Sind wir tatsächlich in der „Normalität“ angekommen? Ich finde es nicht „normal“, dass man sich mit einem hochansteckenden Virus, das schwere körperliche (und seelische) Symptome hervorrufen kann, infiziert. Oder es mit den Worten meiner längst verstorbenen Großmutter zu sagen: „Die beste Krankheit nutzt nix“.

Ich möchte an dieser Stelle allen raten, Corona weiterhin ernst zu nehmen. Es ist eben nicht nur eine „Erkältungskrankheit“. Das Corona-Virus greift in viele Vorgänge unseres Körpers ein. Viele, die die Krankheit körperlich überstanden haben klagen danach wochen-, einige sogar monatelang, über rasche Ermüdbarkeit. Was die Ursache hierfür ist, ob körperliche Schädigungen oder auch ein psychischer Effekt eine Rolle spielen, bleibt zu erforschen. Dass das Corona-Virus auch die Gehirnzellen beeinflusst erscheint klar. Zumindest bei mir ist das so. Oder warum sollte ich sonst diesen Text niedergeschrieben haben?

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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