„2024 – Odyssee im Wattenmeer“  –  oder: es kann verdammt schwierig sein nach Amrum zu reisen


Flug über das Wattenmeer, hier die Nordspitze von Amrum

Ein Erfahrungsbericht

Ich behaupte immer, dass Amrum, abgesehen vielleicht von den Halligen oder Helgoland, der Ort in Deutschland ist, der am schwierigsten zu erreichen ist. Nach einer oftmals langwierigen Anreise bis zum Fähranleger in Dagebüll sind es dann immer noch bis zu zwei Stunden Schifffahrt, bis man die ersehnte Insel erreicht hat. Viele meiner Freunde oder Bekannten an meiner früheren Wirkungsstätte, im Rheinland am nördlichen Rand der Eifel, haben, als ich kundgetan hatte nach Amrum zu ziehen, gesagt: „Toll, ich bin ab und zu in Hamburg, da komm ich dann mal kurz vorbei!“ So auf die Schnelle vorbeigekommen ist niemand, denn rein zeitlich gerechnet ist Hamburg von Köln aus gerade einmal die Hälfte der Strecke. Egal ob mit Auto oder Bahn. Und fast jeder, der nach Amrum kommt oder kommen will kennt es: Stau auf der Autobahn, gesperrter Elbtunnel oder gesperrte Rader Hochbrücke, unpünktliche Züge, Ausfall von Fährverbindungen wegen extremen Hoch- oder Niedrigwasser etc., können die Anreise verzögern und den Ausstoß von Stresshormonen gewaltig in die Höhe treiben. V. a. wenn man auf die letzte Fähre angewiesen ist. (Merke: Nach Möglichkeit niemals auf die letzte Fähre buchen!). Regelmäßige Amrum-Fahrer kennen das. Und es ist immer gut die Telefonnummer der Rezeption des Strandhotels in Dagebüll griffbereit zu haben.

Man sollte also, wenn man nach Amrum kommen will, auf Unwägbarkeiten eines Reiseverlaufs gefasst sein. Fast jeder kennt das. Ich auch. Bereits mehrmals habe ich in den letzten Jahren an dieser Stelle meine Erfahrungen mit den Widrigkeiten von Reiseverläufen berichtet, und es mag vielleicht langweilig erscheinen schon wieder darüber zu schreiben. Aber was meinem Cousin Hajo zusammen mit meinem Paten“kind“ Alexander widerfahren ist, ist einfach so krass, dass es mitgeteilt werden muss. Bei deren Reise ist es zu einer wahrlich unglaublichen Anhäufung von Widrigkeiten gekommen, die mich daran zweifeln lassen, ob die beiden jemals wieder solche Strapazen auf sich nehmen werden.

Anlass für die Reise nach Amrum war eine Einladung meinerseits zu einer größeren Feier anlässlich meines 70sten Geburtstages im April, das gleichzeitig auch ein schon länger nicht mehr stattgehabtes Familientreffen sein sollte. In unserer Familie gibt es eine schöne Tradition bezüglich der Taufpaten: Mein Onkel, der Vater meines Cousins, war mein Taufpate; mein Vater war der Taufpate meines Cousins; mein Cousin ist der Taufpate meines Sohnes; ich bin der Taufpate des Sohns meines Cousins, der wiederum der Taufpate meines ersten Enkels, also des Sohns meines Sohns, ist. Wir wollten also auch ein „Patentreffen“ auf Amrum haben.

Es sind natürlich noch viele andere aus ganz Deutschland zu meiner Feier angereist, wenngleich nicht alle Eingeladenen den weiten Weg haben auf sich nehmen können. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, dass Hajo und mein Patenkind Alexander die weiteste und letztendlich komplizierteste Anreise auf sich genommen haben. Sie leben in Landsberg am Lech, von Amrum aus gesehen also einmal quer durch die Republik.

Bereits in der Vorweihnachtszeit letzten Jahres hatte ich die Einladungen an die „Deutschen“ geschickt, damit diese sich entsprechend Urlaub nehmen konnten, die Reise haben planen können und man sich entsprechend um Unterkünfte bemühen konnte. Kurz nach Weihnachten kam dann die Nachricht aus Landsberg: „Wir Kommen!“ Gebucht wurden ein Flug von München nach Westerland am Donnerstag, eine Hotelübernachtung auf Sylt, am Freitag dann Überfahrt mit Adler Express von Hörnum nach Wittdün, 2 Übernachtungen in Wittdün, Feier am Freitagabend in der Kniepsandhalle und Fortsetzung der Feierlichkeiten mit Familien- und Patentreffen am Samstag. Sonntag dann mit Adler zurück nach Sylt um abends wieder nach München zu fliegen und dann wieder nach Landsberg zu fahren. Der „Umweg“ über Sylt wurde gewählt, weil Alexander sich dort mit einem Kumpel, der in Heide studiert, treffen wollte. So weit so gut, klang nach einem guten Plan. Der April konnte kommen.

Irgendwann im Februar bekam ich dann aus Bayern die Nachricht, dass der gebuchte Hinflug nach Westerland gecancelt wurde und die Anreise dorthin nunmehr mit der Bahn stattfinden würde. Na ja, auch gut, dauert halt nur viel länger. Aber der Rückflug würde planmäßig sein. Immerhin.

Anfang April dann eine entsetzte WhatsApp: Adler fährt am Sonntag nicht! Was sollen wir tun? Wie kommen wir von Amrum nach Sylt? (Tatsächlich fährt Adler Express derzeit sonntags und montags nicht). Da bleibt dann wohl nichts anderes übrig als am Sonntag den kleinen Umweg über Dagebüll und Niebüll nach Westerland zu nehmen, war meine Antwort. Dauert ja nur 3 bis 4 Stunden. Aber da der Flieger zurück nach München erst abends gehen sollte, waren die beiden wenigstens nicht auf die Frühfähre angewiesen. Na ja.

Adler fährt nicht!

Dann kam der besagte Donnerstag im April, der Anreisetag nach Westerland. Am frühen Nachmittag rief mich mein Cousin an: „Wir sitzen im Zug nach Westerland und haben gerade die Mitteilung erhalten, dass Adler morgen wegen einer aufziehenden Sturmfront nicht zwischen Sylt und Amrum verkehrt. Was machen wir den jetzt?“ Es folgte großes Entsetzen und es wurde so etwas wie eine WhatsApp- und Telefon-Konferenzschaltung zwischen Hajo, Alexander, meinem Sohn Moritz, meiner Tochter Laura  und mir geschaltet. Folgende Möglichkeiten wurden ins Auge gefasst:

Erstens: Ihr fahrt wie geplant nach Westerland, begebt Euch in Euer gebuchtes Hotel, und fahrt am nächsten Morgen, also am Freitag, mit den Bahnen über Niebüll und Dagebüll zur Fähre nach Amrum, also anders herum wie schon für den Sonntag geplant (3 bis 4 Stunden, siehe oben).

Zweitens: Ihr lasst das Hotel auf Sylt sausen, steigt in Niebüll aus, begebt Euch in die Lokalbahn nach Dagebüll und fahrt heute schon mit der Fähre nach Amrum. Solltet Ihr nicht schon einen Tag früher im Wittdüner Hotel einchecken können, könnt Ihr bei Laura auf den Sofas schlafen. Dieser Vorschlag erschien mir am sinnvollsten, er wurde aber ganz schnell ad acta gelegt, denn der Zug, in dem die beiden saßen hatte Verspätung und wäre frühestens um 18:30 Uhr in Niebüll gewesen. Die letzte Fähre ab Dagebüll nach Amrum legte aber bereits um 18:00 Uhr ab.

So kam noch Drittens in Frage: Ihr steigt in Niebüll aus, übernachtet in einem Hotel in Niebüll oder Dagebüll und kommt am Freitag mit der Fähre nach Amrum.

Alle drei Möglichkeiten wurden von den Betroffenen verworfen. Sie entschieden sich für eine vierte Variante: Sie stiegen in Hamburg aus, suchten sich dort ein Hotel und besorgten sich Karten für das Musical „König der  Löwen“. Auch nicht schlecht. Zumindest besser als eine Nacht in Dagebüll.

Am Freitag wollten sie dann so mit der Bahn von Hamburg über Niebüll und Dagebüll fahren um die 13 Uhr Fähre nach Amrum zu nehmen. Am Bahnsteig dann die große Überraschung: Der gebuchte Zug kam nicht. Er hatte eine so große Verspätung, dass es aussichtslos war auf die geplante 13 Uhr Fähre zu setzen. Wieder erfolgte eine „Konferenzschaltung“, diesmal auch noch mit Lauras Freund Andy, der ebenfalls unterwegs war um die 13 Uhr Fähre zu erreichen. Er saß im Auto von Berlin nach Dagebüll. Kurzerhand wurde in Hamburg ein Treffpunkt an einer gut erreichbaren S-Bahn-Haltestelle ausgemacht. Andy pickte Hajo und Alexander dort auf, riskierte einen heißen Reifen und alle erreichten tatsächlich noch die angestrebte Fähre. Gerade noch so. Fazit: Das nenne ich Familiensinn! Gemeinsam sind wir stark!

Es gab dann am Freitagabend ein rauschendes Fest zusammen mit vielen Amrumer Freunden und Bekannten, sowie allen vom Festland und auch von Föhr angereisten Gästen. Das Familien- und Patentreffen setzte sich am Samstag fort, zum Abendessen quetschten sich 10 Erwachsene, 2 Kinder und 2 Hunde um und unter unseren Küchentisch. Eines der Gesprächsthemen war hier natürlich die komplizierte Anreise der Landsberger. Allen nahmen es mit Humor und hofften auf eine entspannte Rückreise am nächsten Tag.

Die Paten v. li. Peter, Alexander, Mats, Moritz, Hajo

Überraschenderweise war dann auch der Weg von Amrum über das Festland nach Westerland völlig problemlos und im Zeitplan. Hajo und Alexander verbrachten dann noch einen netten Tag auf Sylt und warteten am Abend am „Großflughafen Westerland“  auf den Flieger, der sie nach München bringen sollte. Der kam aber nicht. Zumindest nicht zur geplanten Zeit. Bei dem „Reisepech“ der beiden war darüber jetzt auch keiner mehr erstaunt. Mit über eineinhalb Stunden Verspätung ging der Flug dann doch noch in Richtung München, wo die beiden dann mitten in der Nacht von Alexanders Schwester am Flughafen abgeholt wurden. Erst in den frühen Morgenstunden waren dann alle an ihrem Zuhause in Landsberg angekommen.

Die beiden haben es übrigens nicht ausgeschlossen doch wieder einmal nach Amrum zu kommen. Aber erstmal müssen sie sich eine längere Zeit von den Strapazen erholen. Wer kann es ihnen verdenken.

„Wenn einer eine Reise tut …………..“

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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