Extremschwimmer André Wiersig auf Wattenmeer Odyssee


“Und hier ist er, frisch aus der Nordsee – André Wiersig!” Begeisterter Applaus, aus dem die Anerkennung zu hören ist. “Eure Energie hätte ich auch gerne”, scherzt André Wiersig, als er vergangenen Mittwoch mit noch nassen Haaren und Fleece-Pulli die Bühne im Gemeindehaus Norddorf betrat. Für den Pullover entschuldigt er sich auch sogleich, “aber das war echt frisch heute!”

Der Extremschwimmer, der in Paderborn beheimatet ist, war nur etwa anderthalb Stunden zuvor in Wittdün an Land gegangen, nachdem er gegen 16 Uhr auf Föhr in die Nordsee gesprungen war. Anlass dieses feucht-fröhlichen Unterfangens war Wiersigs Wattenmeer Odyssee, bei der er in mehreren Tagen von Husum aus über die Halligen und Inseln bis Sylt schwamm. Gemeinsam mit seiner Crew und zwei Musikern war er seit Pfingstsonntag unterwegs, um an den jeweiligen Zwischenstationen vor Publikum von seiner Mission zu berichten.

Auf die Idee gebracht hatte ihn die Geschichte des Husumer Langstreckenschwimmers Otto Kemmerich, der vor genau 100 Jahren diese waghalsige Tour bewältigte – ganz allein, nur mit einem Kompass und einer Landkarte in einem Marmeladenglas ausgestattet. Kemmerich war seinerzeit ein Volksheld, wurde als “Wunderschwimmer” bezeichnet und in den Kurbädern der Nord- und Ostsee gefeiert. Später polarisierte er, als er im Hamburger Zirkus Busch im Dauerschwimmen gegen einen Seelöwen antrat und tatsächlich acht Stunden länger durchhielt.

Die Zielgerade lässt André Wiersig sich nicht nehmen. Zuvor hatte er sich wegen der starken Strömung ein paar Meter vom Beiboot ziehen lassen müssen.

Mit Seelöwen hatte André Wiersig an diesem Tag nicht zu kämpfen. Mit der Kälte und Strömung schon. “Ich hatte 2004 das letzte Mal einen Neoprenanzug an! Aber heute musste ich den auf halber Strecke anziehen. Das war echt so kalt”, sagt er und zeigt aus Daumen und Zeigefinger etwa einen Abstand von zehn Zentimetern. Gelächter im Saal. Humor hat der Mann, jede Menge. Dabei wurmt es ihn sicher noch immer, dass er sich das letzte Stück der heutigen Schwimmstrecke vom Beiboot in den Hafen hat ziehen lassen müssen. “Meine Crew hatte gesagt, das wird total easy heute. Entspannte Nummer.” Auf den letzten 500 Metern aber war die Strömung so stark gewesen, dass er entweder völlig woanders angekommen wäre oder jetzt noch immer vor der Küste Amrums gegen die Nordsee kämpfen würde. Da musste das Boot helfen.

André Wiersig nach seiner Ankunft im Yachthafen von Wittdün.

Dass ausgerechnet unser flaches Wattenmeer zu einer Herausforderung für Wiersig wurde, kann man bei seinen Geschichten kaum glauben. Untermalt von Bild- und Videosequenzen berichtet der Schwimmer von seinen Touren auf der ganzen Welt. André Wiersig ist der erste Deutsche und der 16. Schwimmer weltweit, der die sogenannten Ocean’s Seven bewältigte. Angelehnt an die Seven Summits im Bergsteigen, handelt es sich bei den Ocean’s Seven um die berühmtesten Meerengen, darunter die Cookstraße in Australien oder der Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien. Die Regeln dieser Mission stammen noch von 1875: Erlaubt sind lediglich Badehose, Schwimmbrille und Kappe. “Mit der Nummer heute – mit Neopren und vom Beiboot ziehen lassen – wäre ich auf den Ocean’s Seven sofort disqualifiziert worden”, erzählt Wiersig. Das Beste an dieser Herausforderung war daher auch die Vorbereitung, scherzt der 52-Jährige. Bei durchschnittlichen Wassertemperaturen von 11-13 Grad ohne Neopren braucht man eine ordentliche Fettschicht, um das durchzustehen. “Biopren”, nennt André Wiersig diese liebevoll. “Ich hab’ 12 kg zugenommen. Es gab jeden Tag eine Menge Eis – natürlich nach einem üppigen Abendessen”, lacht er. Selbstverständlich sollten die sechs Jahre hartes Training dabei nicht außer Acht gelassen werden.

Für extreme Sportarten interessierte Wiersig sich schon immer. Als Elfjähriger trat er einem Schwimmverein bei, nahm als Jugendlicher bereits am Triathlon und Ironman teil und war später Elite-Bahnfahrer. 2021 bewältigte er als erster Mensch die Strecke vom Festland in St. Peter-Ording nach Helgoland – rund 53 km in etwas über 18 Stunden. Die Liebe zum Meer, aber vor allem die wiederholten Male, bei denen er sich nachts beim Schwimmen in großen Plastikplanen verhedderte, führten zu seinem Engagement als UN-Botschafter. Denn neben der persönlichen Herausforderung ist es André Wiersig mit seinen Missionen und Veranstaltungen besonders wichtig, auf die Bedeutung des Ökosystems Meer und den Schutz dessen aufmerksam zu machen. Denn die Einnahmen eines jeden Abends fließen zu 100% in Meeresschutzprogramme. Die Hälfte dieser Tour wird dem Nationalpark Wattenmeer zum Erhalt des Wattenmeeres gespendet.

Am Abend im Gemeindehaus Norddorf erzählt André Wiersig vor rund 120 Gästen von seinen abenteuerlichen Missionen, begleitet von Musikern, Videos und Fotos.

Man hätte André Wiersig an diesem Abend noch lange zuhören können. Überaus humorvoll, bodenständig und nahbar erzählt er zahlreiche Anekdoten von seinen Touren auf der ganzen Welt. Die Filmsequenzen werden passend begleitet von den Musikern Tony Kaltenberg und Carsten Hormes. Mal sind es getragene Gitarrenstücke, die die Ruhe des Meeres widerspiegeln, mal locker-leichte Gesangseinlagen mit Ukulele. Einiges einstudiert, anderes ganz frei von den Sequenzen auf der Leinwand inspiriert. Ab und an fragt man sich, ob die Musik zum Film komponiert wurde oder ob der Film nicht eher die Musik untermalt?

Der Abend im Norddorfer Gemeindehaus ist ein Erfolg. Aufgrund des Regens kamen zwar weniger Besucher als erwartet, dafür spendeten sie ordentlich. Rund 800 Euro konnten an diesem Abend eingenommen werden, womit André Wiersig sich durchaus zufrieden zeigte.

Am Ende bedankte er sich bei seiner gesamten Crew, die sich noch einmal vorstellen und ihren Job in der Mission vorstellen durfte. Mit einem Mix aus Respekt und Vorfreude blickten alle auf die letzte Etappe am nächsten Tag – die Strecke von Amrum nach Sylt, durch das tückische Vortrapptief, auf der Otto Kemmerich vor 100 Jahren sich das letzte Stück von einem Boot hatte ziehen lassen müssen. Ob Wiersig es ohne Hilfe schaffen wird? An diesem Abend ist es noch unklar…

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Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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