Kuckucksbienen, Pilzkäfer & Co – Insektenkartierung auf Amrum geht in die 2. Runde …

Der Pilzkäfer Combocerus glaber ist in Deutschland vor dem Aussterben bedroht. © Stephan Gürlich

Seit Jahren wird global ein drastischer Rückgang von Insekten beobachtet. Und wie steht es um die Sechsbeiner auf Amrum? Mit dieser Frage ging im Juni 2024 die durch das Land Schleswig-Holstein geförderte Insektenkartierung an den Start. Hanna Zimmermann, Naturschutzkoordinatorin der AmrumTouristik AöR, berichtete bereits über den Start und erste Zwischenergebnisse bei Amrum News: 328 Käferarten und 89 nachtaktive Großfalterarten wurden in dem kurzen Zeitraum von Mitte Juni bis Ende August 2024 auf ausgewählten Heide- und Grünlandflächen der Geest nachgewiesen. Zahlreiche Arten der beiden Insektengruppen sind sehr selten und teilweise deutschlandweit stark gefährdet.

Bereits im ersten Untersuchungsjahr wurden hunderte Insektenarten identifiziert, darunter zahlreiche Raritäten. Warum erfolgt nun eine zweite Untersuchungsrunde? „Das erste Jahr der Erfassung ist immer ein Probedurchlauf“, so Andreas Haack, Experte für Stechimmen (Bienen, Hummeln, Wespen). „Es wird geschaut, ob die Standorte der Fallen geeignet sind und wie die Betreuung der Fangschalen optimiert werden können“. Auch unterliegen Insektenpopulationen im Jahresverlauf je nach Witterung starken Schwankungen. Zahlreiche Insektenarten entwickeln sich zudem über mehrjährige Zyklen. Um aussagkräftige Daten zu erhalten, werden Insektenkartierungen daher mindestens über zwei Jahre durchgeführt.

Das Heide-Graueulchen (Nola holsatica) kommt nur in den atlantischen Küstenheiden der Nordsee vor. © Detlef Kolligs

Die bisherigen Untersuchungen zeigen bereits, das Amrum eine Vielzahl von Lebensräumen besitzt, die bundesweit immer seltener werden. Auf kleinem Raum wechseln sich Heiden, Feuchtgebiete, Trocken- und Magerrasen ab. Besonders die dank der extensiven Bewirtschaftung entstandenen Blühwiesen auf der Geest gelten als einzigartig weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus.

So wurde zum Beispiel der in Deutschland äußerst seltene Pilzkäfer Combocerus glaber auf den extensiv beweideten Grünlandflächen der Geest gefunden. Dort bevorzugt er einen ganz besonderen Lebensraum: Er entwickelt sich versteckt unter Pferde- und Rinderdung. Seinen Namen Pilzkäfer hat er daher, dass er sich vom Pilzmycel im Boden unter Dung ernährt. Der nur wenige Millimeter große Pilzkäfer wurde in Schleswig-Holstein bisher nur auf Amrum und Sylt gefunden. Deutschlandweit wird er in der Roten Liste in der Kategorie 1, also „vor dem Aussterben bedroht“, geführt.

Bei den nachtaktiven Faltern wird dem Heide-Graueulchen (Nola holsatica) eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Es kann nur selten beobachtet werden und gilt deutschlandweit als stark gefährdet. Da diese Art nur in atlantischen Heiden der Nordseeküste vorkommt, hat die Erhaltung der Lebensräume des Heide-Graueulchen eine internationale Bedeutung.

Die Silber-Sandbiene (Andrena argentata) ist deutschlandweit gefährdet. © Bernd Hälterlein

Mittlerweile liegen auch erste Ergebnisse zu den Bienen, Hummeln und Wespen vor. 100 verschiedene Arten wurden bestimmt, zahlreiche von ihnen sind deutschlandweit selten. So wurde die Mooshummel (Bombus muscorum) nachgewiesen, die als Lebensraum offene Feuchtgebiete bevorzugt. Sie gilt in Deutschland als „stark gefährdet“. Ihre Nester baut sie in Feuchtwiesen oder Mooren in oberirdischen Moospolstern, daher ihr Name. Wenn vorhanden, nutzt sie auch Vogelnester und Nistkästen für ihre Brut. Auch die gefährdete Heidehummel (Bombus jonellus), auch Sandhummel genannt, kommt in Mooren vor, ist aber auch in Heiden und lichten Wäldern vertreten. Die Glockenblumen-Hummel (Bombus soroeensis) bevorzugt neben Mooren und Heiden auch trockene Wiesen und Waldränder. In Norddeutschland ist sie fast verschwunden. Für ihre Brut nutzt sie verlassene Mäusenester, als Futterpflanze bevorzugt sie Glockenblumen.

Blühwiese mit Insektenfalle.

Auf Amrum gibt es einen Kuckuck nicht nur bei den Vögeln. Eine faszinierende Beziehung gehen Kuckucksbienen mit bestimmten anderen Bienenarten ein. Kuckucksbienen wenden einen ähnlichen Trick an, wie der Kuckuck in der Vogelwelt. Die in Deutschland gefährdete Silber-Sandbiene (Andrena argentata) wurde sowohl in den untersuchten Heidegebieten als auch auf den mageren Grünlandflächen gefunden. Beim Nestbau wird diese Art von der stark gefährdeten Perlen-Wespenbiene (Nomada baccata) beobachtet. Ist die Silber-Sandbiene (Wirtsbiene) ausgeflogen, kriecht die Perlen-Wespenbiene in das Nest und legt dort ihr Ei ab. Ihre Larve schlüpft etwas eher als die der Silber-Sandbiene und ernährt sich von dem Pollenvorrat im Nest. Die Wirtslarve kann sich nun nicht mehr entwickeln. Ein weiteres Beispiel ist die Heidekraut-Herbstsandbiene (Andrena fuscipes), sie wird von der Heidewespen-Biene (Nomada rufipes) parasitiert.

Werden Kuckucksbienen gesichtet, deutet das auf gesunde Bienenpopulationen hin, da Kuckucks- und Wirtsbienen in einem Gleichgewicht stehen. Zudem tragen Kuckucksbienen zur Artenvielfalt bei.

Falls Sie auf Insektenfallen im Gelände stoßen: Bitte lassen Sie diese stehen. Die Insektenkartierung hilft, die Insektenvielfalt besser zu verstehen und langfristig zu schützen.

Über Karen Heidemann

Karen Heidemann erblickte das Licht der Welt 1963 in Bremen, nach dem Abitur folgten eine Ausbildung zur MTRA und erste Berufsjahre in Bremer Kliniken, 1988 Studium der Biologie in Oldenburg, entdeckte dort ihre Leidenschaft für die Botanik, schloss ein Auslandsstudium in den USA mit Forschungstätigkeit im Yellowstone Nationalpark ein, war nach ihrem Diplom 1995 als Biotopkartiererin in den neuen Bundesländern unterwegs, wechselte 1996 an die Uni Trier als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, entdeckte dort im Rahmen einer ehrenamtlichen Vereinstätigkeit ihre zweite Leidenschaft: Umweltbildung. Ging im Jahr 2000 nach Köln, um als Bildungsreferentin / Projektleiterin in der nachuniversitären Weiterbildung Schwerpunkt Medizin tätig zu werden. Nachdem ihre 2 Töchter zwecks Studiums eigene Wege gingen, verwirklichte sie 2023 ihren Traum, auf einer Nordseeinsel zu leben und kam nach Amrum. Dort war sie in den Bereichen Umweltbildung und Schutzgebietsbetreuung am Naturzentrum in Norddorf tätig, 2025 übernahm sie dort die Leitung.

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